Samstag, 04. Februar 2012
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Bücher
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Renate Ahrens
Zeit der Wahrheit
Verlag: Serie Piper
ISBN-10: 3-492-24333-9
ISBN-13: 978-3492243339
Seiten: 288
Einband: Broschiert
Erschienen: Januar 2005
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Kurzbeschreibung:
Die deutsche Journalistin Pia fliegt ins ebenso verlockende wie politisch brisante Kapstadt. Hier, inmitten blühender Gärten, haben ihre Eltern gelebt, hier, bei ihrer geliebten Kinderfrau Zo, hat Pia glückliche Jahre verbracht - bis zu der überstürzten Abreise aus Südafrika, deren Grund sie bis heute nicht kennt. Der Aufenthalt am Kap bringt schmerzhafte Klarheit über die Vergangenheit ihrer Familie, aber auch Hoffnung: denn als sie den Fotografen Jonathan kennenlernt, kommt auch in Pias eigenes Leben die Zeit der Wahrheit. |
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Renate Ahrens
Leseprobe, lesen Sie nun einen Textauszug:
Ein Südafrika-Roman
Pia hatte schon geschlafen, als der Anruf aus der Klinik kam.
»Ihr Vater hat einen Schlaganfall erlitten«, sagte die Schwester. »Kommen Sie schnell, bevor es zu spät ist.«
Pias Mund wurde trocken vor Angst. Wie im Taumel zog sie sich ihre Jeans und ihren warmen blauen Pulli an, lief auf die Straße hinunter und brauchte endlose Minuten, bis sie sich erinnerte, wo sie geparkt hatte.
Seine Augen waren geschlossen, die Wangen grau und eingefallen. Sein Atem ging flach. Auf seiner Stirn standen kleine Schweißperlen.
»Ein Nachbar hat ihn gefunden«, sagte die Schwester. »Er lag bereits im Koma, als er eingeliefert wurde. Wahrscheinlich wird er nicht wieder zu sich kommen.«
Gegen zwei Uhr morgens merkte Pia, wie sein Mund sich bewegte. Sie griff nach seiner Hand. Was war das, was er versuchte, ihr zu sagen? Sie legte ihr Ohr auf seine Lippen und lauschte.
»Zo... Zo... Zoë ...«
»Zoë?« fragte sie.
Er nickte. Zumindest kam es ihr so vor, als ob er nickte. In ihrem Kopf stürzten plötzlich lauter Bilder durcheinander. Mutter streitet mit Vater. Vater schlägt die Haustür hinter sich zu. Mutter packt die Koffer. Zoë drückt mich an sich. Mutter reißt mich aus Zoës Armen. Zoë weint. Ich weine auch.
In diesem Moment kam ein Röcheln aus seiner Kehle. Sein Kopf sackte zur Seite, seine Hand wurde schlaff, und dann hörte er auf zu atmen.
Pia saß reglos, bis der Arzt das Zimmer verlassen hatte und die Schwester begann, das Kinn ihres Vaters hochzubinden.
»Gibt es hier jemanden, der Zoë heißt?« fragte sie leise.
»Zoë?«
Die Schwester sah sie an, als hätte sie etwas Unanständiges gesagt.
»Er hat zuletzt ein Wort geflüstert, das wie ›Zoë‹ klang.«
»Hier heißt niemand Zoë.«
Pia nickte und trat ans Fenster. Unter ihr lag der erleuchtete Parkplatz. Kaltes, weißes Licht. Sie machte die Augen zu und fuhr sich mit beiden Händen durch ihre krausen roten Haare. Rotlöckchen hatte er sie genannt, als sie klein war. Mein Rotlöckchen.
»Es tut mir leid«, sagte die Schwester. »Das Ganze muß ein schwerer Schock für Sie sein.«
Pia nickte wieder und hoffte, sie würde jetzt gehen.
»Soll ich die Sachen Ihres Vaters –«
»Danke. Das mache ich selbst.«
Endlich war sie draußen. Pia betrachtete ihren Vater, wie er dalag mit diesem zusammengefalteten, weißen Tuch um den Kopf, dessen lange Zipfel ihm etwas Häschenhaftes verliehen. Es ist tot. Er ist tot. Er ist tot, dröhnte es in ihrem Kopf. Aber sie begriff es nicht. Noch vor zwei Tagen hatte sie abends bei ihm in der Küche gesessen und ihm beim Kochen zugesehen. Er hatte eine Flasche Sekt aufgemacht, und sie hatten darauf angestoßen, daß die Redaktion ihr den Job als Auslandskorrespondentin angeboten hatte.Wie konnte es sein, daß sie nie wieder dort sitzen und ihm zusehen würde? Nie wieder mit ihm anstoßen, nie wieder mit ihm reden würde? Sie, die immer so viel miteinander geredet hatten. Über alles. Oder fast alles.
Zoë ... In ihrem Leben hatte es nur eine Zoë gegeben, und das war lange her, so lange, daß sie sich nicht mal mehr an ihr Gesicht erinnern konnte. Warm und weich war sie gewesen, ihre Zoë. Und gerochen hatte sie nach Zimt und Vanille.
Ihr Vater hatte nie über sie gesprochen, und auch ihre Mutter hatte bis zu ihrem Tod nie den Namen Zoë erwähnt. Das war insofern nichts Besonderes, als bei ihnen zu Hause grundsätzlich nicht über Südafrika gesprochen wurde. Ihre Eltern hatten die sechs Jahre, die sie dort verbracht hatten, aus ihrem Leben gestrichen. Als Pia ihren ersten Ausweis bekam und wissen wollte, wieso da als Geburtsort nicht Hamburg stand, hatte ihre Mutter gemurmelt, daß Vater eben damals in Kapstadt gearbeitet habe. Pia hatte sichdieses Schweigen nur so erklären können, daß sich ihre Eltern insgeheim dafür schämten, jahrelang ein luxuriöses Leben in einem Apartheidstaat geführt zu haben. Ihr selbst ging es ja auch nicht anders. Sie hatte es immer peinlich gefunden, in Kapstadt geboren zu sein, obwohl sie nun wirklich nichts dafür konnte. Bis auf Britta wußte es niemand. Selbst vor Klaus hatte sie es all die Jahre verbergen können.
Pias Blick fiel auf die zusammengepreßten Lippen ihres Vaters. Hatte er Schmerzen gehabt? Hatte er geahnt, daß er nicht mehr lange leben würde? Plötzlich mußte sie an den Elbspaziergang denken, den sie vor ein paar Wochen mit ihm gemacht hatte. Da hatte erüber Südafrika gesprochen, das erste und einzige Mal in ihrem Leben.
Es war ein kalter, stürmischer Tag gewesen. Sie hatte ihn abgeholt, wie an jedem Sonntag, und vorgeschlagen, ins Kino zu gehen oder irgendwo Tee zu trinken. Aber ihr Vater wollte an die Elbe.
Schon auf der Fahrt nach Teufelsbrück hatte Pia das Gefühl, daß ihn etwas beschäftigte. Er blickte starr geradeaus, hörte ihr nicht richtig zu und gab nur einsilbige Antworten.
Nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergelaufen waren, fing er auf einmal an, über die Wahrheitskommission zu sprechen, die demnächst ihre Arbeit aufnehmen würde. Er habe die Berichte über die Vorbereitungen genauestens verfolgt und sei sehr skeptisch, ob die Weißen in Südafrika wirklich wissen wollten, was in ihrem Staat all die Jahre passiert sei. Pia war so überrascht, daß sie zunächst nicht wußte, was sie sagen sollte.
»Weißt du, wovon ich rede?«
»Natürlich weiß ich das.«
»Und was sagst du dazu?«
»Daß du wahrscheinlich recht hast, aber ...«
»Aber was?«
»Ich denke, für die Schwarzen ist die Reaktion der Weißen nicht das Vorrangige.«
»Sondern?«
»Daß sie die Wahrheit erfahren über die Morde an ihren Männern und Frauen und Kindern.«
Er nickte und schwieg dann wieder. Der Wind blies jetzt so stark, daß Pia Mühe hatte, mit ihrem Vater Schritt zu halten. Dabei war sie wesentlich durchtrainierter und sogar ein Stück größer als er. Mit leicht gebeugtem Oberkörper hastete er vorwärts, ohne nach rechts oder links zu blicken, und Pia hatte plötzlich das Bild eines gehetzten Tieres vor Augen.
»Ich wußte nicht, daß du dich für südafrikanische Politik interessierst«, sagte sie schließlich.
»Nun weißt du es.«
»Und warum haben wir bisher nie darüber gesprochen?«
Er seufzte und strich ihr mit der Hand leicht über ihre roten Locken, wie er es früher schon immer getan hatte, wenn sie quengelte, weil sie irgendwas haben wollte. Spätestens dann war ihr klar, daß sie es nicht bekommen würde.
Sie hatte die Geste respektiert und nicht weitergefragt. Hätte sie weiterfragen sollen? Hatte er dieses Gespräch über die Wahrheitskommission überhaupt nur deshalb begonnen, damit sie weiterfragte? Hatte er ihr womöglich bei jenem Spaziergang von Zoë erzählen wollen?
Sie wünschte, sie könnte weinen, aber ihre Augen waren trocken, so trocken, daß es beinahe weh tat.
Es war ein sonniger Tag, der 19. April 1996, an dem ihr Vater beerdigt wurde. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof blühten die Osterglocken, und in der Kapelle roch es nach Veilchen. Pia merkte erst nach einer Weile, daß der Duft nicht vom Blumenschmuck, sondern vom Parfum irgendeines Trauergastes herrührte. Nur die ersten Reihen waren besetzt; ihr Vater hatte sich nie darum bemüht, Freundschaften zu schließen.
Am Abend zuvor hätte sie beinahe Klaus angerufen, um ihn zu bitten, heute hier neben ihr zu sitzen. Aber jetzt war sie froh, daß sie das nicht getan hatte, weil es sie doch nur in neue Abgründe gestürzt hätte.
Wen sie vermißte, war Britta, die natürlich gekommen wäre, wenn sie nicht an diesem Wochenende zu der Historikertagung nach New York gemußt hätte, um dort einen Vortrag zu halten.
»Daß der Golfclub niemanden geschickt hat, verstehe ich nicht«, sagte Tante Hilde, die Schwester ihres Vaters, und zupfte ihren Schleier zurecht.
Dann ertönte ein Präludium von Bach.
Die Ansprache des Pfarrers war so allgemein, daß er sie für unzählige andere Tote hätte halten können. Dennoch lobte später Tante Hilde mit tränenerstickter Stimme die passenden Worte des Herrn Pfarrer.
Pia hatte ein Café mit Elbblick gewählt, in dem etwa 20 Trauergäste mit Streuselkuchen und wahlweise Tee oder Kaffee bewirtet wurden. Die Herren in dunklen Anzügen sprachen über Bilanzen und verabschiedeten sich nach einer knappen Dreiviertelstunde. Kurz darauf gingen auch die zwei Männer aus dem Segelverein.
»Ich hätte nichts gegen einen Cognac einzuwenden«, verkündete Tante Hilde.
Nach dem zweiten Cognac fing Tante Hilde an zu erzählen. Was für ein fröhliches Kind er gewesen sei, der Dieter. Er habe immer nur Schabernack im Kopf gehabt.
»Und wann hat das aufgehört?«
»Na, wann wohl? Als er deine Mutter geheiratet hat. Die hatte zwar Geld, aber ...« Tante Hilde schnalzte mit der Zunge. »Diese Kälte! Das war ja nicht zum Aushalten!«
»Hat er dir gegenüber jemals den Namen Zoë erwähnt?«
Tante Hilde stutzte. »Zoë? Was ist das denn für ein Name?«
»Ein englischer.«
»Kenn ich nicht. Soll das ein Frauenname sein?«
Pia nickte.
»Der hat nie eine andere Frau gehabt, das kannst du mir glauben. Dabei habe ich’s ihm immer gewünscht, daß er mal mit jemandem richtig glücklich wird, vor allem nachdem deine Mutter gestorben war.«
»Ihr Tod ist ihm sehr nahe gegangen.«
»Daß er sich nicht befreit gefühlt hat, nach all den Jahren ...«
»Er hat sie geliebt.«
»Das mag ja sein. Aber sie ... sie hat ihn nicht geliebt. Die konnte gar nicht lieben.«
Am Tag nach der Beerdigung fuhr Pia zum Haus ihres Vaters. Sie war besessen von dem Gedanken, daß es irgendwo in diesen Räumen einen Hinweis auf Zoë geben mußte. Stundenlang blätterte sie in alten Briefen, Notizbüchern und Reiseaufzeichnungen. Sie sah sichunzählige Ordner mit Steuerunterlagen und Hefter mit Bankauszügen an, die bis zum September 1966 zurückreichten, dem Monat, in dem sie Südafrika verlassen hatten. Irgendwann fand sie ein altes Adreßbuch, das nur noch von einem Bindfaden zusammengehalten wurde, und darin entdeckte sie ihren Namen: Zoë Shenton, 8 Hanover Street. Keine Telefonnummer.
Wieso hatte ihr Vater im Sterben an diese Frau gedacht? 30 Jahre waren vergangen seit jenem Aufbruch aus Kapstadt. Hatte er ein Verhältnis mit ihr gehabt? Ein weißer Geschäftsmann, der mit seiner farbigen Angestellten schläft? Nein. Ihr Vater hätte ihre Mutter niemals betrogen. In all den Jahren, in denen es ihr so schlechtgegangen war, hatte er immer zu ihr gehalten. Hatte sie in die Klinik gefahren, wenn sie wieder operiert werden mußte. Hatte sie nach Hause geholt, sobald es ihr wieder besserging. Für jede Chemotherapiebehandlung hatte er sich freigenommen, um an ihrem Bett sitzen zu können und ihr die Schüssel zu halten, wenn sie sich übergeben mußte. Er hatte sie angefleht, nicht aufzugeben. Als sie vor fünf Jahren gestorben war, hatte er wochenlang mit niemandem gesprochen.
Und ihre Mutter? Die hätte sofort die Scheidung eingereicht, wenn sie von einer Geliebten erfahren hätte. Ihr konnte niemand etwas vormachen. Sie hatte eine untrügliche Nase, hätte jede andere Frau gerochen.
Als Pia das Adreßbuch einsteckte, wußte sie, daß sie eines Tages versuchen würde, Zoë zu finden. Es war nur eine Frage der Zeit.
Die Auflösung des Haushalts dauerte fast zwei Monate. Pia brachte die Kleidung ihres Vaters zum Roten Kreuz, gab eine Anzeige zum Verkauf seiner Möbel auf und überlegte, was sie selbst behalten wollte. Bis auf eine alte russische Brücke, ein paar Bilder und einen Teil seiner Bücher gab es nichts, woran sie hing und was sie an ihn erinnert hätte.
Ende Juni übergab sie das Haus einem Makler zum Verkauf. In der darauffolgenden Nacht hatte sie einen seltsamen Traum. Hunderte von Menschen zogen am offenen Grab ihres Vaters vorbei, warfen Blumen hinein und schüttelten ihrer Mutter und ihr die Hände. Sieschaute sich selbst zu, wie sie immer neue Hände ergriff, Hände von Menschen, die sie noch nie gesehen hatte. Kennst du all diese Leute, fragte sie ihre Mutter. Sie antwortete ihr nicht. Pia drehte sich zu ihr um und sah, daß neben ihr nicht ihre Mutter, sondern eine fremde alte Frau stand. Sie war klein, untersetzt und von milchkaffeefarbener Hautfarbe. Wer sind Sie, fragte sie. Mein Name ist Zoë Shenton, sagte die Frau. Zoë? rief sie. Warum erkenne ich dich nicht? Zoë zuckte mit den Achseln. Mich erkennt selten jemand wieder. Wie hast du vom Tod meines Vaters erfahren? Aber Pia, sagte sie und schüttelte fünf weitere Hände, weißt du nicht mehr, daß du es warst, die mich geholt hat? Nein, flüsterte Pia. Sag mir, wo ich dich gefunden habe. In dem Augenblick begannen Zoës Umrisse zu verschwinden. Pia wollte sie umarmen, doch sie faßte schon ins Leere.
Am nächsten Morgen war sie drauf und dran, in ein Reisebüro zu gehen und einen Flug nach Kapstadt zu buchen. Doch im letzten Moment machte sie wieder kehrt.
Und dann kam die Redaktionssitzung am 1. August, auf der der Redaktionsleiter verkündete, daß der Südafrika-Korrespondent schwer erkrankt sei und sich bereits auf der Rückreise nach Deutschland befände.
»Irgend jemand von euch muß für ihn einspringen und über die Anhörungen der Wahrheitskommission berichten. Gerade in den nächsten beiden Wochen wird es um sehr wichtige Fälle gehen.«
»Wo?« fragte Pia.
»In Kapstadt und Durban.«
»Ich fliege hin«, hörte sie sich sagen.
Die anderen sahen sie erstaunt an. Sie neigte sonst nicht zu schnellen Entscheidungen.
»Gut«, sagte der Redaktionsleiter. »Ihre Maschine geht in zwei Tagen.«
»Du wirst dich wundern, an was du dich alles erinnerst, wenn du erst mal da bist«, sagte Britta auf der Fahrt zum Flughafen.
Pia schüttelte den Kopf. »Ich war vier, als wir Kapstadt verlassen haben. Ich kann mich an gar nichts erinnern.«
»Wie lange bleibst du?«
»Zwölf Tage.«
»Ich wette, daraus wird mehr.«
Als Pia ihre Bordkarte vorzeigte, sah sie auf einmal die grauen, eingefallenen Wangen ihres Vaters wieder vor sich, sah seine Lippen, die versuchten, dieses eine Wort zu formen, und dann hörte sie sein Wispern ...
Sie nahm ihr Handgepäck und lief durch einen hellerleuchteten, schlauchförmigen Gang, der ein wenig zu schwanken schien, aber vielleicht war sie es auch, die schwankte.
aus: Renate Ahrens: Zeit der Wahrheit; Südafrika-Roman
© Piper Verlag GmbH, München 2oo3
Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!
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