Mittwoch, 08. Februar 2012


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Buchinfos zu: „Der weiße Schatten”
 
Der weiße Schatten

Russell Banks
Der weiße Schatten

Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN-10: 3-630-87215-8
ISBN-13: 978-3630872155
Seiten: 511 Seiten
Einband: gebunden mit Schutzumschlag
Erschienen: Februar 2006



Kurzbeschreibung:


Das Porträt einer verblendeten Träumerin.

Im Alter fährt Hannah Musgrave, Farmerin in den Adirondacks, noch einmal nach Afrika. In den 60ern eine engagierte Studentin, musste sie sich später vor dem FBI verstecken und floh 1975 nach Liberia. Dort heiratete sie einen schwarzen Politiker und zog mit ihm drei Söhne groß. Als in dem korrupten Staat der Bürgerkrieg ausbrach, verwies man sie des Landes, allein. Doch nun, da sie ihr Leben rekapituliert, muss sie endlich wissen, was mit ihren Söhnen geschehen ist, die sie damals zurückgelassen hat.

Mit sechzig Jahren ist sie soweit: Hannah Musgrave erträgt es nicht mehr, ständig vor sich selbst davonzulaufen. Sie lebt geruhsam auf einer Ökofarm in den Adirondacks im Staate New York, aber innerlich verspürt sie keine Ruhe. Zu viel hat sie verdrängt, zu viel Leid anderen zugefügt. Sie muss noch einmal nach Afrika, sie muss endlich nach ihren Söhnen suchen, die sie damals dort zurück gelassen hat, auch wenn sie damit ihr Leben riskiert. In den 60ern hat sie ihr Medizinstudium abgebrochen und sich radikalen politischen Aktivisten angeschlossen. Sie will ihr Land verändern, sie baut Bomben für die Untergrundorganisation Weather, steht schnell auf der Fahndungsliste des FBI und muss untertauchen. 1975 flieht sie nach Afrika, zunächst Ghana, dann Liberia. In dieser ehemals amerikanischen Kolonie, in der einst die befreiten Sklaven angesiedelt wurden, gründet sie eine neue Existenz, heiratet einen schwarzen Politiker, bekommt drei Söhne. Die Arbeit in einem Versuchslabor für Schimpansen wird ihr zur Herzenssache: Sie setzt bessere Bedingungen für ihre "Träumer" durch, rettet so viele bedrohte Schimpansen wie nur möglich. Doch die Politik holt sie ein, in dem korrupten Staat tobt inzwischen ein brutaler Bürgerkrieg, und um ihr eigenes Leben zu retten, muss sie nicht nur ihre geliebten "Träumer", sondern auch ihre drei Söhne zurücklassen ...

Russell Banks' packender, kompromissloser Roman über ein dunkles Kapitel amerikanischer und afrikanischer Geschichte ist auch die Lebensbeichte einer ungewöhnlichen Frau, einer Kämpferin, die im Alter mit ihren Idealen und Illusionen abrechnet.



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Rezension

Leseprobe, lesen Sie nun einen Textauszug:


I
Nachdem ich viele Jahre geglaubt hatte, ich träume nie, träumte ich plötzlich von Afrika. Es war eines Nachts Ende August hier auf der Farm in Keene Valley, einem Ort, wie ich ihn weiter weg von Afrika nicht hätte finden können. An die Handlung des Traums konnte ich mich nicht erinnern, ich wußte aber, sie hatte sich in Afrika abgespielt, in Liberia und in meinem Haus in Monrovia, und irgendwie hatten die Schimpansen eine Rolle gespielt, denn runde, braune, maskenhafte Gesichter schwirrten noch vor meinem inneren Auge herum, als ich in der Sicherheit meines Bettes in diesem alten Haus inmitten der Adirondack Mountains erwachte und zu meiner Verwunderung von dem Wissen erfüllt war, daß ich bald nach Afrika zurückkehren würde.

Die Rückkehr war keine bewußte Entscheidung. Eher ein Vorgefühl, mehr nicht, eine vage Ahnung vielleicht, die im selben Tempo aus dem dunkelsten Teil meines Inneren aufstieg wie die Bilder aus Liberia, die dort umhertrieben, auftauchten und wieder in den schwarzen Fluten versanken, in denen ich die meisten meiner Erinnerungen an Afrika verwahrt habe. Erinnerungen an Afrika und an die schrecklichen Jahre davor. Wenn man so lange so viele Geheimnisse bewahrt wie ich, bewahrt man sie schließlich vor sich selbst. Also, ja, in das Versteck meiner vergessenen Erinnerungen an Liberia und die Jahre, die mich dorthin geführt hatten – dorthin wanderte mein Traum. Als wäre es das Geheimnis von jemand anderem und sollte vor allem vor mir geheimgehalten werden.

Und von dort kam auch dieses Wissen, daß ich bald zurückkehren würde – eigentlich ein Vorauswissen, denn die Entscheidung traf ich erst später an diesem Tag, als Anthea und ich mit dem Schlachten der Hühner fertig waren und sie zur Lieferung und Abholung in Papier und Plastikbeutel packten.

Es war am Ende des Sommers, dem Beginn eines frühen Herbstes, und obwohl es kaum ein Jahr her ist, kommt es mir vor wie zehn, so viel hat sich in diesem einen Jahr verändert. Die zehn Jahre hier: nun, die kommen mir hingegen wie ein paar Tage und Nächte vor, denn nichts als das immer Gleiche ist hier Tag für Tag, Jahreszeit für Jahreszeit, Jahr für Jahr geschehen. Keine neuen oder zurückkehrenden alten Geliebten, keine Hochzeiten oder Scheidungen, keine Geburten oder Todesfälle, zumindest nicht unter den Menschen. Nur die Farm und die Welt, die sie ernährt und in Gang hält. Zeitlos, wie es scheint.

Die Farm ist ein kommerzielles Unternehmen, da ich den Großteil meiner Erzeugnisse verkaufe, aber in Wirklichkeit ist sie eher so etwas wie eine altmodische Familienfarm, und um sie zu führen, mußte ich auf meine persönliche Zeiteinteilung verzichten. Ich mußte all meine städtischen Gewohnheiten, Zeit zu messen, aufgeben und an ihre Stelle die Uhr der Farm setzen, die durch die Notwendigkeiten und Bedürfnisse von Vieh und Ernte, die Erfordernisse des Bodens und die Schwankungen des Wetters bestimmt wird. Es ist kein Wunder, daß Farmer in früheren Zeiten wie besessen die Bewegungen der Planeten und das Wachsen und Abnehmen des Mondes beobachteten, als wären ihre Farmen Frauenkörper. Manchmal denke ich, weil ich eine Frau bin – oder vielleicht auch nur, weil ich all die Jahre in Liberia gelebt und mich an die afrikanische Zeit angepaßt habe –, war ich in der Lage, mich so mühelos an das Tempo, die Schemata und rhythmischen Wiederholungen der Uhr und des Kalenders der Natur anzupassen.

Es war also wie immer an jenem Augustmorgen, die Dunkelheit begann sich gerade aus dem breiten Flußtal in die Wälder und Berge zurückzuziehen, die hinter dem Haus aufragen, als ich um halb sechs aufwachte und wegen der vormorgendlichen Kälte in meinem Flanellnachthemd und den Pantoffeln mit den hinter mir hertrappelnden Hunden nach unten kam, an dem mondgesichtigen Thermometer draußen am Küchenfenster die Temperatur kontrollierte (noch immer kein Frost, was gut war, denn wir hatten versäumt, die Tomaten zuzudecken) und die Hunde hinausließ.



Ich machte Kaffee für Anthea, die immer um sechs kommt und erst ansprechbar ist, wenn sie zwei Tassen getrunken hat, und die anderen Mädchen, die um sieben kommen. Ich trödelte ein paar Augenblicke in der Küche herum, während der Kaffee zog, und genoß dessen dunklen Duft. Ich trinke nie Kaffee, weil ich mit Tee groß geworden bin, eine Angewohnheit, die ich von meinem Vater übernommen habe, sobald er es zugelassen hat, aber ich liebe den Duft frisch aufgebrühten Kaffees und beziehe biologisch-dynamische kolumbianische Bohnen aus einem Mail-order-Katalog, die ich für jede Kanne extra mahle, bloß wegen des Aromas.

Einige Momente stand ich, wie ich es immer tue, am Fenster und sah den Hunden zu. Es sind Border-Collies,Vater und Tochter, Baylor und Winnie, und wenn sie ihr Geschäft gemacht haben, durchstreifen sie als erstes jeden Morgen das Gelände, nehmen ihr Territorium erneut in Besitz und vergewissern sich, daß über Nacht nichts Schlimmes passiert ist. Gewöhnlich sehe ich ihnen bei ihrer Arbeit zu und stelle mir vor, sie arbeiten für mich. Aber an diesem Morgen erschienen sie mir seltsam anders, so als hätte während der Nacht einer von uns, sie oder ich, die Loyalität gewechselt. Sie sahen aus wie Geisterhunde, als sie in dem grauen frühmorgendlichen Licht über den Hof neben dem Haus huschten, im Schatten des Hauses und der Eichen verschwanden, mit der Nase dicht am Boden in die Garage flitzten, dann wieder auftauchten und weiterliefen. Heute arbeiteten sie für niemanden als für sich, so sah ich sie. Ihre Gangart war irgend etwas zwischen Traben und Rennen – schnell, mühelos, geschmeidig und lautlos, die Ohren aufgestellt, die buschigen Ruten nach hinten gestreckt –, und sie sahen eher aus wie kleine Wölfe, nicht wie sorgfältig abgerichtete und vollkommen zahme Hütehunde.

Einen Moment lang machten sie mir angst. Ich sah die urzeitliche Wildheit in ihnen, ihre radikale Unabhängigkeit und Selbstsucht, die Ungezähmtheit ihrer rein hündischen Begierden. Vielleicht lag es an dem schwachen, silbrigen Halblicht und daß ich sie meistens als Silhouetten sah, während sie im Zickzack über den Hof rannten, und als sie die Garage inspiziert hatten, die eigentlich ein offener Schuppen ist, wo ich den Pritschenwagen und meinen Honda unterstelle, liefen sie weiter zur Scheune und von dort zum Hühnerstall, wo der Hahn krähte, und trotteten vor bis zum Teich in dem Feld vor dem Haus, wo sie die Enten und Gänse weckten, ohne haltzumachen, immer hintereinander her, zwei zielstrebige Raubtiere, die ihr Territorium mit äußerster Gründlichkeit durchstöberten.

In ihrer Mischung aus Wildheit und Beherrschung waren sie wunderschön. Mit ihrer lautlosen und unfaßbaren, die Gestalt wechselnden Veränderlichkeit ängstigten sie mich. Noch vor fünf Minuten waren sie unter meiner Kontrolle gewesen, zusammengerollt in meinem Bett, wo sie mich zur Seite gedrängt hatten wie zwei Kinder. Und jetzt waren sie Wildhunde, Bestien, wie sie die Alten in der Morgendämmerung zwischen dem Lagerplatz und dem Wald flüchtig durchs Unterholz schlüpfen sahen.

Natürlich hatten sie sich über Nacht nicht verändert. Vielleicht aber hatte ich mich verändert, durch meinen Traum von Afrika und den Schimpansen, und die Hunde spürten es, als hätte ich sie irgendwie hintergangen. Als dann Anthea von der Straße auf den Feldweg abbog und ihre Scheinwerfer auf und nieder hüpften wie schwere Früchte an einem Baum, während ihr ramponierter Jimmie-Pritschenwagen über die Furchen holperte, rannten ihr die Hunde entgegen wie jeden Tag, und als sie ausstieg, begrüßten sie sie mit dem üblichen erregten Gejapse und folgten ihr zur Seitenveranda. Doch als sie sich hinter ihr in die Küche drängten, liefen sie weiter ins Wohnzimmer, kreisten rasch durch das Eßzimmer zurück zur Küche und kratzten an der Tür, um wieder hinausgelassen zu werden.

Anthea riß sich die Mütze vom Kopf, fuhr sich mit einer Hand durch ihre kastanienbraunen Locken und sah die Hunde an. Sie verzog das Gesicht und sagte: »Was ist denn mit den Hündchen los?«

»Ich weiß nicht«, sagte ich. »Vielleicht hat sie was erschreckt.«

Sie machte die Tür auf, und die Hunde schossen quer über den Hof und verschwanden. »Du bist es wohl, die sie erschreckt, Hannah.« Sie lachte und füllte ihren Becher mit Kaffee, dann seufzte sie laut und setzte sich an den Tisch.

»Vielleicht ist es der Mond. Ich hatte die ganze Nacht seltsame Träume. Du?«

»Nix. Hab gepennt wie ein Bär im Winterschlaf. Vollmond ist ja auch erst in drei Tagen.« Anthea ist schalkhaft und verschmitzt, eine stattliche Frau, stark; wäre sie ein Mann, würde man sie als bullig bezeichnen. Sie hat ein breites, flaches Gesicht in der Form und Farbe einer Himbeere, ein Bauerngesicht, würden manche Leute vielleicht sagen, und wahrscheinlich haben es viele von den Sommergästen so genannt. Aber wenn man genau hinsieht, erkennt man sofort, daß sie gutmütig und fleißig ist und Mutterwitz im Überfluß besitzt. Alles an ihr drückt intelligente Kraft aus.

Sie ist eine Einheimische, und ich bin es natürlich nicht. Als ich die Farm von ihrer Tante und ihrem Onkel kaufte und beim Vertragsabschluß erfuhr, daß Anthea die Farm selbst jahrelang geleitet hatte, wußte ich, daß ich sie mindestens genauso nötig haben würde wie der kranke Onkel und die bettlägerige Tante, und engagierte sie auf der Stelle als Verwalterin. Außerdem tat mir Anthea leid, und ich war wütend für sie. Als ihre beiden Verwandten sich entschlossen hatten, ins Nachbarschaftshaus im Dorf zu ziehen, ein betreutes Altenwohnheim, hatten sie die Farm zum Kauf angeboten, ohne sich mit ihr zu besprechen. Sie erzählte mir, eines Nachmittags sei sie nach Hause gefahren, nachdem sie ihren wöchentlichen Lebensmitteleinkauf bei Stop & Shop in Lake Placid getätigt hatte, und habe ein Verkaufsschild an der Ecke gesehen, wo der Feldweg von der Straße abgeht, und ein zweites steckte mitten im Vorgarten.

Anthea hätte die Farm eigentlich erben sollen. Oder ihr Onkel hätte es irgendwie so einrichten sollen, daß sie ihnen die Farm abkaufte. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch klein war, und Onkel und Tante hatten sie wie ihre eigene Tochter großgezogen. Aber sie war eine unverheiratete Frau, die in eine verheiratete Frau aus dem Nachbarort verliebt war, und die Affäre war weithin bekannt; wahrscheinlich wußte sogar der versoffene Mann der Frau Bescheid, ein Anstreicher, der kaum arbeitete, aber wegen seines sanften Wesens im Ort beliebt war, und wegen der drei kleinen Kinder kümmerte man sich um ihn.

Tante und Onkel gingen nach dem Vertragsabschluß vom Büro des Immobilienmaklers geradewegs ins Nachbarschaftshaus. Wenn sie tot sind, wird das, was eventuell noch übrig ist von den fast hundertdreißigtausend Dollar, die ich für die Farm bezahlt habe, wahrscheinlich an Anthea gehen. Aber damit wird sie sich die Farm nicht kaufen können. Nicht einmal, wenn ich bereit wäre, sie zu verkaufen. Die Farm ist inzwischen dreimal soviel wert, wie sie 1991 gekostet hat. Anthea mag mir ja leid tun, und ich mag auch wütend für sie sein, aber ich werde ihr die Farm nicht unter Preis verkaufen. Die Wahrheit ist, ich bin nicht sehr großzügig, und das gebe ich auch offen zu.

Die anderen Mädchen, Frieda, Nan und Cat, kamen zur üblichen Zeit an, Frieda und Nan donnerten um sieben zusammen auf Nans Motorrad heran, und Cat schwebte zehn Minuten später wie ein Blütenblatt, das von einem Gänseblümchen abfällt, herein, war vergnügt den Feldweg heruntergeschlendert, als überlegte sie, was sie mit diesem schönen Spätsommertag, der sich vor ihr auftat, beginnen sollte, obwohl sie sehr genau wußte, daß Anthea und ich den ganzen Tag für sie durchgeplant hatten. Sie ist ein Hippie der dritten Generation, fast dem Teenageralter entwachsen, eine verträumte Reminiszenz an die sechziger Jahre, die Zeit ihrer Großeltern. Meiner Zeit. Catalonia ist ihr wahrer Name, der ihr bei der Geburt von ihren Eltern, Raven und Rain, gegeben wurde, die ihre Namen als Erwachsene in einer Kommune in New Mexico von einem bengalischen Guru erhalten hatten, erzählte sie mir. Ihre zerstreute, lässige Art und Sprache ist die gleiche wie die ihrer Eltern und Großeltern, aber deren sanfte, unbefristete Rebellion hat sie durch eine späthippiehafte, puritanisch-strenge Enthaltsamkeit ersetzt. Sie ist eine drogenfreie, zu Hause unterrichtete, veganische Jungfrau aus Vermont, kindhaft und reizend nach außen, aber innerlich angespannt wie eine geballte Faust. Cat ist der Typ Mädchen, den ich vor dreißig Jahren für Weatherman anzuwerben versucht hätte. Ein Mädchen, das heutzutage durchaus zu einer fanatischen christlichen Fundamentalistin werden könnte, freudlos und streng im Urteil. Sie ist ein Mädchen, wie ich es einmal war.

Aber Anthea und ich und die anderen Mädchen lieben Cat und müssen sie einfach beschützen – vor allem vor uns selbst, wie sich herausstellt, unseren Ecken und Kanten und unseren Schwächen. Keine von uns ist drogenfrei, jungfräulich oder auch nur zeitweise Vegetarierin. Wir rauchen, trinken nach der Arbeit Bier und schärfere Sachen oft bis zum Schlafengehen und essen Fleisch, wann immer es möglich ist.

Ich hatte nicht vorgehabt, eine rein weibliche Belegschaft einzustellen, und halte nicht prinzipiell daran fest. Es hat sich einfach so ergeben, zuerst mit Anthea, die wußte, wer im Ort Arbeit suchte, was, wie sich herausstellte, fast ausschließlich Frauen und Mädchen waren. Es war Frühsommer, als ich herzog, und alle Männer und Jungen, die arbeiten wollten, hatten bereits Jobs, meistens als Saisonarbeiter, und waren an biologisch-dynamischem Gartenbau, an der Aufzucht freilaufender Hühner und der Wiederherstellung lange vernachlässigter Apfelplantagen auch gar nicht interessiert – Frauenarbeit. Und sie waren sicherlich nicht scharf darauf, Anweisungen von zwei Frauen entgegenzunehmen, einer dürren, weißhaarigen, reichen Zicke von draußen, wie sie hier sagen, die sowieso nicht wußte, was sie tat, und einer kodderschnauzigen Lesbe aus dem Ort, die all ihre schmutzigen kleinen Geheimnisse kannte. Und so engagierten wir einheimische High-School-Mädchen, arbeitslose Krankenschwestern, College-Aussteigerinnen, die vorübergehend bei ihren Eltern wohnten, junge Mütter, deren Männer sie verlassen hatten und keinen Unterhalt für die Kinder zahlten, und manchmal Wintersportlerinnen wie Frieda und Nan, Skinärrinnen und Eiskletterinnen, die die sechs schnee- und eisfreien Monate hier oben in den Bergen verbrachten.

Die Farm heißt Shadowbrook Farm; diesen Namen hätte ich ihr nie selber gegeben – ein bißchen zu poetisch oder, anders gesehen, zu morbid, geradezu schauerromantisch –, aber er gehörte zu dem Anwesen. Und da das Gelände hier am Ort immer noch als Shadowbrook Farm bekannt war und der Name davon herrührte, daß sich das ganze Jahr ein breiter Bach durch die flirrenden Schatten schlängelt, die von Birken- und anderen Hartholzwäldchen auf der anderen Seite der breiten Wiese vor dem Haus geworfen werden, sah ich keinen Grund, ihn zu ändern. Der Bach – es ist eigentlich ein Fluß, der Ausable River – ist das Malerischste an der alten Farm, die ansonsten ein schlichtes Kolonialhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert ist, mit einer breiten Veranda vorn, drei windschiefen Nebengebäuden, die wir zum Unterstellen von Fahrzeugen und Landmaschinen und zur Lagerung von Heu und Futter benutzen, einem Geräteschuppen und dem Hühner- und Schafstall, den Anthea und ich in jenem ersten Sommer selbst gebaut haben.

Mehr als alles andere an der Farm, mehr als das Land, die Gebäude, die Tiere oder Pflanzen, ist es merkwürdigerweise der Fluß, der mir das Gefühl gibt, hierherzugehören. Er ist mein immerwährendes, persönliches Eigentum. Doch im Gegensatz zu allem anderen verändert er sich ständig. Er spricht zu mir: Ich habe Stimmen aus ihm gehört. Die Stimmen von Kindern üblicherweise. Ich höre sie von der Veranda, aus der Küche und aus meinem Schlafzimmer oben an der Vorderseite des Hauses zu allen Tages- und Nachtzeiten und zu allen Jahreszeiten, selbst wenn die Fenster geschlossen sind – lange Unterhaltungen und bisweilen Lieder, deren Worte ich fast verstehe, als wäre da draußen auf der anderen Seite des Feldes ein Spielplatz, und die Kinder riefen einander oder mich in einer anderen Sprache als Englisch oder sängen Kinderreime und -lieder eines anderen Landes.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, daß hier nur Frauen sind, aber jeder, die ich im Laufe der Jahre eingestellt habe, schien die Arbeit bei mir zu gefallen. Es ist schwere Arbeit, und ich kann streng sein, ich weiß, und gereizt, launisch und nicht besonders umgänglich und menschenfreundlich, obwohl ich mich gern für demokratisch und gerecht und, wenn es um Hoffnungen geht, für vernünftig halte. Aber ich fasse nicht leicht Vertrauen, seit Jahren nicht mehr. Vielleicht noch nie. Und während ich zum Beispiel Anthea als enge Freundin betrachte, vielleicht die engste Freundin in diesem Ort oder sonstwo, eine Frau, die mir alles über sich erzählt, erwidere ich das Vertrauen im Grunde nicht, gebe ihr kaum Informationen über mich, vor allem nicht über meine Vergangenheit. Ich habe ihr nur die paar Nebensächlichkeiten anvertraut, die ich seit dem Tag, als ich vor elf Jahren hier ankam, jedem im Dorf mitgeteilt habe: eine plötzlich wohlhabende Frau, die ihre kürzlich verstorbene Mutter beerbt hatte, die Witwe ihres berühmten Vaters, ein Vermögen von einer halben Million Dollar nach Steuern sowie die Urheberrechte an den fünf Bestsellern des berühmten Vaters. Niemand im Ort weiß natürlich Näheres, allerdings war allen von Anfang an klar, daß ich eine vermögende Frau war.

Keene Valley ist ein kleiner Ort, ein Dorf, und weil ich es wirklich nicht geheimhalten konnte und ohnehin auch nicht wollte, wußte jeder oder erfuhr es bald von meinem Anwalt, von dem Immobilienmakler, der für mich den Kauf der Farm abgewickelt hatte, oder von Anthea – der ich schließlich einige Dinge anvertrauen mußte, sonst sähe ich aus wie jemand, der etwas Gefährliches zu verbergen hat –, daß ich, ehe ich hierher ins Northcountry kam, viele Jahre in Westafrika in einem Land gelebt hatte, das Republik Liberia heißt.

Wo immer das liegt. Irgendwo da drüben im Urwald, das kam der Sache recht nahe.


Zehn Tage später fuhr ich im Dunkeln über Land von der Elfenbeinküste in nordwestlicher Richtung nach Liberia hinein und vom Nimba-Hochland hinunter zur Küste, die meiste Zeit hinten auf einem Lkw unter einer Plane in einer Ladung roh zugeschnittener Bretter versteckt. Zunächst hatte ich mehrere Stunden vorn neben dem Fahrer gesessen. Ich hatte die Grenze illegal überquert, aber ebenso mühelos, als wenn ich eine Kiste chinesischer Gewehre oder ein Karton Johnnie Walker gewesen wäre.

aus: Russell Banks: Der weiße Schatten
© Verlagsgruppe Random House 2oo6

Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


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