Samstag, 04. Februar 2012
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Bücher
| Buchinfos zu: „WG auf afrikanisch” |
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Silke Bork
WG auf afrikanisch
Verlag: Books on Demand GmbH
ISBN-10: 3-8334-1462-6
ISBN-13: 978-3833414626
Seiten: 336
Einband: broschiert
Erschienen: Juli 2004
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Kurzbeschreibung:
Julie, Solveig und Mark, drei junge Naturwissenschaftler, reisen im Auftrag ihrer Universität für drei Monate in ein afrikanisches Land. Ihr Auftrag lautet, ein landwirtschaftliches Forschungsprojekt zu reorganisieren, das infolge eines Bürgerkrieges jahrelang brach gelegen hat. Darüber hinaus reizt die ambitionierten jungen Leute sowohl die Perspektive, innerhalb des Projektes wissenschaftlich tätig zu werden, als auch die von ihrer Universität ausgeschriebene Projektleiterstelle. Zunächst sind die drei sowohl von ihrer gemeinsamen Aufgabe als auch von den ungeahnten Tücken des afrikanischen Alltags, der sie immer wieder vor neue Herausforderungen stellt, voll in Anspruch genommen, was das Trio rasch zusammenschweißt. Doch das Zusammenleben in dem projekteigenen Haus, ihrer afrikanischen WG, gestaltet sich nicht immer reibungslos. Im Lauf ihres Aufenthalts entstehen neue Freundschaften mit einer Gruppe afrikanischer Studenten und einem dänischen Entwicklungshelfer, zugleich rücken zunehmend Eigeninteressen in den Mittelpunkt. Die gerade erst gewachsene und auf wackligen Füßen stehende Einheit droht schließlich wieder zu bröckeln. Indes verschärfen erneut aufkeimende Unruhen die allgemeine Sicherheitslage im Land ... |
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Silke Bork
Leserstimme:
Verfasser: Mareike aus Bonn, 19. August 2006Afrika realitätsnah
»WG auf afrikanisch« erzählt von drei jungen Leuten, die im Auftrag ihrer Universität ein Forschungsprojekt in einem noch vom Bürgerkrieg gezeichneten afrikanischen Land reorganisieren sollen. Anhand lustiger bis trauriger Ereignisse gibt der Roman zahlreiche Einblicke in den afrikanischen Alltag und zeigt die Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung in einen fremden Kulturkreis.
Darüber hinaus geht es aber auch um ganz normale Bestandteile menschlichen Zusammenlebens: Freundschaft, Liebeleien, Intrigen. Beides miteinander zu verbinden ist der Autorin sehr gut gelungen.
Gegen Ende der Erzählung drängt schließlich die Sicherheitsfrage zunehmend in den Vordergrund, da der Bürgerkrieg noch immer unterschwellig in den Alltag des Landes und der Menschen eingreift. Das Land wird zwar im ganzen Buch an keiner Stelle namentlich genannt, doch drängen sich Parallelen mit Ruanda auf.
Wenn auch der Einstieg etwas "schwer" fällt (viele Informationen im ersten Kapitel), lohnt es sich, dran zu bleiben, da Afrika sehr authentisch rüberkommt und die Geschichte zunehmend fesselt.Bewertung: 
Leseprobe:
Sie fuhren weiter und beobachteten weiterhin aufmerksam die Landschaft. Auf einmal sahen sie einige hundert Meter vor sich am Beginn einer langen Steigung ein kleines Straßendorf. Davor kreuzte gerade eine Herde Ziegen ihren Weg und zwang sie zum Abbremsen. Ein kleiner Hirtenjunge kam augenblicklich zwischen zwei verfallenen Häusern hervor geschossen und wedelte aufgeregt mit einem langen Zweig, um die Tiere rasch über die Straße zu treiben. Sie fuhren langsam weiter auf das Dorf zu. Erst als sie es erreicht hatten erkannten sie, dass es sich bei den Häusern lediglich um Ruinen handelte und der Ort verlassen war. Viele der Grundmauern waren teilweise bis komplett eingestürzt, Dächer abgedeckt, Türen und Fenster hingen lose in den Angeln und die Vegetation war im Begriff, ihr verlorenes Terrain zurück zu erobern. Die ganze Szenerie wirkte wie eine Kulisse aus einem Film, doch da alles real war, vermittelte sie einen ziemlich trostlosen, traurigen Eindruck. Mark hielt am Straßenrand und sie stiegen aus, um sich kurz umzusehen.
Was wohl aus den Menschen geworden ist, die hier lebten? überlegte Julie als sie die Straße entlanggingen und zu ihrem Schrecken erkennen mussten, dass die Mauern der Häuser von Einschusslöchern übersät waren. Auf einmal kam aus einer Straßenkreuzung ein kleiner barfüßiger Junge auf die Straße gerannt, der wahrscheinlich ihr Auto gehört hatte. Bei ihrem Anblick hielt er kurz inne, kam dann aber auf sie zugelaufen. Ein paar Meter vor ihnen blieb er stehen und bedeutete mit einer Geste, ihm zu folgen, ohne dabei auch nur ein Wort zu sagen. – Ob das eine Falle ist? Nicht, dass er uns womöglich in einen Hinterhalt von Banditen lockt, schoss es Mark durch den Kopf. Doch Julie und Solveig hatten sich bereits neugierig angeschickt, der Aufforderung des Knirpses Folge zu leisten. Mark schloss sich ihnen an, hielt jedoch Augen und Ohren wachsam offen.
Der Junge führte sie schweigend in die unasphaltierte Straße, aus der er so plötzlich aufgetaucht war. Nach etwa fünfzig Metern mündete diese in eine große, freie Fläche, in deren Mitte eine malerisch ausladende Schirmakazie stand. Am gegenüberliegenden Ende des Platzes befand sich ein größeres Gebäude, das seinem Aussehen nach einmal eine Schule gewesen sein mochte. Im Näherkommen sahen sie auf den Treppenstufen, die auf eine überdachte Veranda führten, einen Mann und eine Frau nebeneinander sitzen. Um sich herum waren mehrere Plastikeimer und -wannen gruppiert, in denen sie irgendetwas nicht näher Identifizierbares mit Lappen und Bürsten zu reinigen schienen. Sie starrten sich einige Augenblicke gegenseitig aus der Entfernung an, während der kleine Junge hüpfend auf die beiden, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um seine Eltern handelte, zulief und sich dabei immer wieder zu Julie, Solveig und Mark umdrehte. „Was machen die bloß in diesem Geisterdorf?“ fragte Julie. „Hier kann man doch nicht leben …“
Da hob der Mann seine Hand zum Gruß und winkte ihnen zu, was die drei nach anfänglichem Zögern als Aufforderung zum Näherkommen interpretierten. Etwas unsicher gingen sie auf die Leute zu. – Wie Banditen sehen sie jedenfalls nicht aus, dachte Mark, eher wie eine ganz normale Familie beim Abwasch. Als sie sich der Familie bis auf wenige Schritte genähert hatten, traf sie beinahe der Schlag:
Was hier gereinigt wurde, waren nicht etwa Wäschestücke oder Kochutensilien – es waren Knochen!
Die Plastikbehältnisse waren voller Menschenknochen! Hier lag ein Oberschenkelknochen, dort lugte ein Teil eines Beckens hervor, ein Unterarm, eine Hand – und die Frau bürstete gerade einen menschlichen Schädel … Entsetzt wichen sie zurück und Julie fasste Solveig dabei unwillkürlich am Handgelenk. Alle drei spürten, wie ihnen auf einmal trotz der Hitze ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Was ging hier vor? Wo waren sie hier bloß gelandet?
Der Mann sagte etwas in der Landessprache zu ihnen, das sie natürlich nicht verstanden.
Anscheinend sprachen weder er noch die Frau oder das Kind Französisch, so dass eine Verständigung nicht möglich war. Der Mann sprach dennoch mit ruhiger, angenehmer Stimme weiter und wies mit der Hand hinter sich auf das Gebäude. Dann erhob er sich und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Julie, Solveig und Mark sahen sich unsicher an, doch keiner brachte ein Wort heraus. Der Mann und der Junge, der diesem gefolgt war, hatten die restlichen Stufen zu dem Gebäude bereits erklommen und winkten sie zu sich auf die Veranda. Obgleich sie das ungute Gefühl beschlich, dass es nichts erfreuliches sein würde, was ihnen gezeigt werden sollte, folgten sie den beiden.
Der Mann führte sie in einen Raum, der ein ehemaliges Klassenzimmer gewesen sein musste, denn überall standen Schreibpulte und Stühle oder lagen einfach umgeworfen auf dem Boden. Am kurzen Ende des Raumes war eine große Wandtafel angebracht, auf der noch Teile von Rechenaufgaben zu lesen waren. Doch das wirklich Grausige war: Überall lagen kleine menschliche Skelette und einzelne Knochen auf dem Boden … Julie hielt sich vor Entsetzen die Hand vor den Mund und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf diesen Anblick. Solveig und Mark erging es nicht besser. Alle waren sie leichenblass geworden und spürten Übelkeit und Trauer zugleich in sich aufkommen. Der Mann sagte etwas und winkte sie nach einer Weile wieder aus dem Raum hinaus. Sie folgten ihm mechanisch, als hätten sie keinen freien Willen mehr, in einen weiteren Raum, dessen einstige Nutzung weniger offensichtlich war, da sich außer einem Schreibtisch und zwei Bürostühlen keine weiteren Möbelstücke mehr darin befanden. Auch hier lagen menschliche Skelette auf dem Boden. Der Mann zeigte auf ein kleines Skelett, dem die Fußknochen fehlten. Dann deutete er auf ein weiteres in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes, bei dessen Anblick sie einen Moment brauchten um zu erkennen, dass es sich um eine Frau gehandelt haben musste, die ihr Baby auf dem Rücken getragen hatte … Julie, deren Augen so tränenfeucht geworden waren, dass sie ohnehin kaum mehr richtig sehen konnte, machte abrupt kehrt und verließ das Gebäude, Solveig und Mark folgten ihr kurz darauf. Sie setzten sich draußen auf die Treppe, allerdings in einiger Entfernung zu der Frau, die mit ausdruckslosem Gesicht weiter Knochen säuberte. Der Mann nahm wieder neben ihr Platz und setzte seine Arbeit fort, während der Junge auf einem Bein die Treppen hinunterhüpfte, sich auf dem Platz in den rötlichen Staub setzte und mit einem Holzstöckchen ein Muster in den Sand malte. Minutenlang saßen sie schweigend nebeneinander.
„Weshalb reinigen sie bloß all diese Knochen?“ fragte Julie und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht während Mark sich geräuschvoll die Nase schnäuzte.
Solveig, die als einzige äußerlich gefasst geblieben war, zuckte die Schultern. „Er hat es uns bestimmt eben erzählt …“
„Ich habe mal irgendwo gelesen, dass sie aus einigen solcher Stätten Mahnmale für künftige Generationen errichten wollen, vielleicht deswegen“, meinte Mark.
„Ob sie ihm die Füße abgehackt haben, als er noch lebte …?“ Julie erschauerte bei dieser Vorstellung. „Scheiß Krieg“, fügte sie hinzu und wischte sich erneut die Augen.
Sie verabschiedeten sich mit einem Winken von der Frau und dem Mann, welches diese schweigend mit dem Anflug eines zaghaften Lächelns erwiderten. Der kleine Junge rappelte sich vom Boden auf, als sie die Treppen herunterkamen, ergriff Julies Hand und begleitete die drei bis zur Kreuzung. Dort ließ er ihre Hand los und sah ihnen nach, wie sie zu ihrem Auto gingen. Was sie gesehen hatten, hatte ihnen wahrlich einen Schock versetzt. Zwar hatten sie bereits von vielen furchtbaren Dingen gehört und gelesen, die sich während des Krieges ereignet hatten, doch die Opfer bzw. deren Überreste mit eigenen Augen zu sehen, war etwas völlig anderes. Sie dachten an die Universität von Kuranda, an der ähnliches geschehen war, nur mit noch viel mehr Toten.
„Was machen wir jetzt?“ fragte Mark ratlos, als sie wieder im Auto saßen. „Weiterfahren oder zurück nach hause?“
Sie beschlossen, weiter zu fahren, jedoch auf keinen Fall nochmals an einem verlassenen Ort anzuhalten. Der Junge winkte ihnen nach, als sie an ihm vorbeifuhren, und sie winkten zurück.
Die Straße führte sie nun ein ganzes Stück den Hügel hinauf und nachdem sie ihn erklommen hatten änderte die Landschaft ihr Aussehen erneut radikal: Hatten zuvor noch Bananenanbau und Brachflächen dominiert, begann hier die Teeanbauzone des Landes. Sämtliche Hügel waren von dem hellen, beinahe schon „giftigen“ Grün der Teesträucher überzogen und da alle Pflanzen auf gleiche Höhe gestutzt waren glichen sie in ihrer Gesamtheit einem homogenen Teppich, der über die Hügel gerollt war. Dahinter zeichnete sich im krassen Gegensatz dazu das dichte, wilde Dunkelgrün des Bergregenwaldes ab, aus dem überall Nebelschleier aufstiegen, die von tief hängenden, dunkelblauen Regenwolken aufgenommen wurden. Beeindruckt von diesem Anblick hielten sie erneut an und stiegen aus. Einige Teepflückerinnen, die ihnen barfuss auf dem feuchten, kalten Asphalt entgegenkamen und riesige, mit Teeblättern gefüllte Körbe auf ihren Köpfen trugen, sahen sie neugierig an und erwiderten scheu ihren Gruß. Seit sie das Dorf verlassen hatten, hatte keiner der drei ein Wort gesprochen. Solveig brach nun das Schweigen, indem sie vorschlug, ein stückweit in den Wald hinein zu fahren. Julie und Mark zögerten, da sie sich daran erinnerten, dass Herr Löffler sie vor den Wäldern gewarnt hatte, in denen sich immer noch bewaffnete Milizen versteckt halten sollten.
Doch die Neugier auf den Regenwald war größer als die Furcht und sie beschlossen, wenigstens ein paar Hundert Meter hinein zu fahren. Kaum waren sie im Wald wurde es wie auf Knopfdruck plötzlich dunkel, da die Kronen der Baumriesen den größten Teil des Tageslichts abfingen. In den niedrigeren Stockwerken des Waldes wuchsen zahlreiche Baumfarne, übermannsgroße Heidekrautgewächse sowie kleinere, krüppelwüchsige Gehölze. Kletterpflanzen wanden sich wie Schlangen die bemoosten Baumstämme empor und ein Gewirr von Lianen hing von den Ästen herab. Dazwischen hingen regelrechte Moosbärte, aus denen Wasser tropfte. Überhaupt schien Wasser allgegenwärtig, sei es in flüssigem oder gasförmigem Zustand, und die extrem hohe Luftfeuchtigkeit war selbst im Wageninnern deutlich fühlbar.
„Jetzt wird mir klar, warum solche Bergregenwälder auch als „Elfenwälder“ bezeichnet werden“, meinte Solveig andächtig. „Kleines wirkt zu groß geraten, Großes dagegen scheint klein geworden zu sein.“
„Würde mich nicht wundern, wenn gleich tatsächlich Elfen oder Hobbits zum Vorschein kämen“, sagte Julie.
Der Wald hatte alle drei regelrecht in seinen Bann gezogen und das schreckliche Erlebnis von vorhin in den Hintergrund gedrängt, was ihnen nur recht war.
„Halt doch mal an, damit wir die Geräusche des Waldes hören können“, rief Julie.
Mark stoppte und schaltete den Motor aus. Sie stiegen aus und blieben still stehen, um zu lauschen.
Weit und breit war kein menschliches Geräusch zu vernehmen. Allein die Stille des Waldes umgab sie, die lediglich von einem gelegentlichen Rascheln, Knacken oder Schnarren und vereinzelten, entfernten Affenrufen durchbrochen wurde. Sie waren erstaunt: Wo sie lautes Vogelgezwitscher erwartet hatten, wurden sie nahezu von Grabesstille empfangen. „Richtig unheimlich“, wisperte Julie, als ob sie der Stille des Waldes Respekt zollen wollte. Solveig und Mark nickten.
„Kommt, lasst uns weiter fahren“, sagte Mark ebenfalls leise.
Wie verzaubert fuhren sie tiefer in den Wald hinein …
Aus: Silke Bork: WG auf afrikanisch
© Books on Demand, 2004
Wir danken der Autorin für die Veröffentlichungserlaubnis!
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