Sonntag, 19. November 2017


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„Moolaadé” - Plädoyer gegen Genitalverstümmelung
Mädchen lernen Selbstvertrauen


 Moolaadé - Bann der Hoffnung von Ousmane Sembène Der mittlerweile 83jährige Autor und Regisseur Ousmane Sèmbene, bekannt durch Romane wie Xala und Guelwaar, hat wieder einmal Regie geführt. 1963 war er der erste schwarzafrikanische Regisseur, der es schaffte, einen Spielfilm in Afrika fertigzustellen und auch 43 Jahre später ist er noch leidenschaftlicher Filmemacher.

Sein neuestes Werk hat die Genitalverstümmelung junger Mädchen in Burkina Faso zum Thema und beschreibt meisterhaft die Spannung zwischen dem Althergebrachtem und der modernen Zeit. Als „Moolaadé”, so der Titel des Filmes, bezeichnet man ein ein magisches Band, das Collé, die Heldin des Films, spannt, um die Beschneiderinnen von ihrem Hof und den dort untergebrachten Mädchen fern zu halten. Diese Mädchen, zwischen 6 und zehn Jahren alt, fliehen zu der aufsässigen, progressiven Dorfbewohnerin aus Angst vor der rituellen Beschneidung. Und weil man den Mädchen und ihrer Beschützerin einfach nicht beikommt, fangen auch die anderen Frauen an, sich Gedanken zu machen, hören Radiosendungen aus den Großstädten und stellen fest, daß es Freiheiten gibt, von denen sie nicht einmal zu träumen wagten. So fassen sie Mut und beginnen, gegen die für sie vorgesehene untergeordnete Rolle zu kämpfen.

Das Thema Genitalverstümmelung wurde schon oft in den Medien thematisiert, aber erst durch Bestseller wie Waris Dirie’s „Schmerzenskinder” einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Oft wird die Verstümmelung fälschlicherweise mit der männlichen Beschneidung, also dem Entfernen der Vorhaut, gleichgesetzt. Doch während beim letztgenannten Eingriff kaum Risiken entstehen und verschiedene Gründe dafür sprechen, liegt der Fall der weiblichen Genitalverstümmelung ganz anders.
Vorgenommen wird sie meist von traditionellen Heilerinnen. Verbreitet ist dieses Ritual in 28 afrikanischen Ländern, außerdem in Teilen Asiens, dem Süden der arabischen Halbinsel und im Irak. Jährlich werden etwa 3 Millionen Mädchen beschnitten, c.a. 130 Millionen Betroffene gibt es laut Expertenschätzungen weltweit. Ob „nur” die Klitoris oder zusätzlich die Schamlippen komplett entfernt werden, die Risiken sind enorm. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, daß 10 % der beschnittenen Mädchen an akuten und 25 % an langfristigen Komplikationen sterben. In jedem Fall ist die Folge eine irreparable Schädigung des weiblichen Körpers.
Es gibt nicht, wie oft angenommen, religiöse Gründe für diese Art der Verstümmelung. Auch der Ursprung ist nicht feststellbar, sie wird in den betroffenen Ländern bei Christen, Moslems, Juden und Animisten gleichermaßen praktiziert. Hauptrechtfertigung ist die Tradition, sozialer Druck spielt bei der Durchführung eine große Rolle. In Gesellschaften, in denen die weibliche Genitalverstümmelung praktiziert wird, ist es fast unmöglich, seine Tochter diesem Eingriff zu entziehen. Sie würde in ihrer Heimat stigmatisiert und sozial ausgegrenzt.

Heute kämpfen Organisationen wie UNICEF, UNO und verschiedene Menschenrechtsorganisationen gegen diese barbarische Praxis. Auch die Literatur hat einen großen Beitrag zur Aufklärung der Öffentlickeit geleistet. Die Autobiografien von Waris Dirie und Fadumo Korn („Wüstenblume” bzw. „Geboren im Großen Regen”) haben daran einen besonders großen Anteil. Auch in den Ländern, in denen diese Art der Beschneidung heute noch praktiziert wird, regt sich langsam und vereinzelt Widerstand. Und nicht zuletzt der international bekannte und beachtete Ousame Sèmbene mit seinem aktuellen Film „Moolaadé - Bann der Hoffnung” und seiner Tätigkeit als Autor sorgen dafür, daß die weibliche Genitalverstümmelung weiterhin im Fokus der kritischen Weltöffentlichkeit bleibt und stetig dagegen gekämpft wird. Diese Entwicklung läßt für die Zukunft hoffen.


Quellen:

Mitteldeutsche Zeitung vom 15.05.2006
Waris Dirie Foundation - www.waris-dirie-foundation.com
TERRE DES FEMMES e.V. - www.frauenrechte.de
Female genital cutting - www.wikipedia.org/wiki/FGM
www.netdoktor.de


Stand: 20.05.2006


 
   

   
  
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