Montag, 11. Dezember 2017


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Interview mit Jann Turner
Diesen Herbst erschien ihr neuer Roman „Unter dem Kreuz des Südens” bei BLT



Januar 1978: Dr. Rick Turner, Lehrer und bekannter Aktivist gegen die Apartheid, wird vor den Augen seiner 13-jährigen Tochter ermordet. Jahre später engagiert sich Jann Turner selbst in der von Nelson Mandela eingesetzten Wahrheitskommission.
Nach „Herzland” (1998) ist nun ein neuer Roman der Autorin Jann Turner „Unter dem Kreuz des Südens” (2006) auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich. In beiden Romanen verarbeitet die Autorin auch ihre eigene Biografie.



„Das Literaturportal AfrikaRoman (LAR) fragte nach .. ”


LAR:   Gerade erschien in Deutschland Ihr Roman „Unter dem Kreuz des Südens”. Worum geht es in Ihrem neuen Buch?

Jann Turner: „Unter dem Kreuz des Südens” ist eine Geschichte der Liebe und des Verrates, der Entdeckung und der Hoffnung, die erneuert wird. Sie spielt im Südafrika der ersten zehn Jahre nach der Apartheid. In Wahrheit ist es die Geschichte von Anna und James, die sich in einer Verwicklung von Lügen wiederfinden, die dann durch die Wahrheits- und Versöhnungskommission aufgedeckt werden. James arbeitet als Journalist für eine lokale Zeitung und verfolgt Annas Suche nach dem Mörder ihres geliebten Paul.
Es ist eine Geschichte, die die privaten und persönlichen Dinge reflektiert, in denen eine traumatisierte Vergangenheit die Gegenwart überwältigen und sabotieren kann. Im Großen und Ganzen ist die Geschichte, wie sich Anna von der schmerzhaften Vergangenheit befreit, auch ein Widerspiegeln der Art und Weise, in der die Wahrheits- und Versöhnungskommission versuchte, eine Nation von ihrer gespaltenen und brutalen Geschichte zu befreien. „Unter dem Kreuz des Südens” ist eine Geschichte von Helden und Verrätern, eine Geschichte darüber, wie gewöhnliches Leben zum Mittelpunkt des Konflikts gemacht wird, und wie die Seiten sowohl an den großartigsten als auch an den unbedeutendsten Argumentationen gewechselt haben. „Unter dem Kreuz des Südens” ist auch eine Geschichte von der Arbeit der Journalisten und ihren Fähigkeiten, die oft aufreibenden Erlebnisse, die ihr tägliches Brot sind, zu bewältigen. Und „Unter dem Kreuz des Südens” ist auch ein Liebesbrief an Johannesburg, die lebhafte, unvorhersehbare, aufregende und allumgebende Stadt, in der Anna und James leben.

LAR:    Unter dem Kreuz des Südens In ihrem Buch wird Paul, der weiß ist, brutal ermordet. Zehn Jahre später bringt Anna den Fall ihrer großen Liebe vor die Wahrheitskommission (TRC). [...] Sind Sie Anna? Oder besser - wie weit identifizieren Sie sich mit dieser Figur?

Jann Turner: Ich identifiziere mich am ehesten mit James Kay. Wie er verbrachte ich lange Zeit meiner Jugend in Großbritannien und kam nach Südafrika zurück mit einem tiefen Gefühl der Verbindung für die Heimat, aber mit einer Ungewissheit über die Verpflichtung zu dem Land. Wie er war ich Journalist, der über die TRC berichtete und wie er entschied ich zu bleiben und habe Südafrika zu meinem Zuhause gemacht.
Ich identifiziere mich mehr mit Annas Suche nach der Wahrheit darüber, was mit Paul geschah, als mit ihrem Charakter. Das zentrale Drama in „Unter dem Kreuz des Südens” ist, dass Anna dringend herausfinden möchte, wer ihren politisch aktiven Geliebten tötete und warum. Mein Vater war der Aktivist Dr. Rick Turner, der am 8. Januar 1978 an unserem Haus in Durban ermordet wurde. Die Untersuchung über seinen Tod fand heraus, dass er von "einer oder mehreren Personen" getötet wurde. Sein Mörder blieb bis 1996 unbekannt, bis das Zusammenkommen der Wahrheits- und Versöhnungskommission uns Hoffnung gab, daß die Unklarheiten betreffs seines Todes geklärt würden.
Ich arbeitete in einem Team von Journalisten, dass die Fälle des TRC zu einem TV - Programm zusammenfasste, dass „Sonderbericht der Wahrheitskommission” genannt wurde. Auch ich trat vor die Kommission, zusammen mit meiner Mutter, Stiefmutter und Schwester, um sie um eine Untersuchung des Mordes zu bitten. Sie forschten nach, aber es kam nur sehr wenig heraus und so blieben die Mörder unbekannt und ich lebe weiter mit der Frage – Warum? Beim Schreiben von „Unter dem Kreuz des Südens” erforschte ich, was es für Möglichkeiten gibt, die Wahrheit herauszufinden und wie sich die Antwort auf diese Frage anfühlt. Im Fall Anna’s gibt es – anders als in dem meines Vaters, aber wie in einer großen Anzahl von Fällen, die vor die Kommission gingen – einen bösen Zwiespalt in der Wahrheit.

LAR:   Wie stark fließen ihre Kindheits- und Jugenderlebnisse in ihr Schreiben ein?

Jann Turner: Es gibt keinen Zweifel, dass dieses Buch durch meine Erfahrungen als heranwachsende Tochter eines Aktivisten, Zeuge der Ermordung meines Vaters und dann durch den TRC - Prozess beeinflusst wurde. So sind eine Menge eigene Erfahrungen, Gefühle über meinen Vater und über Südafrika in die Geschichte eingeflochten. Aber meine Kindheit war nicht voller Politik und Schmerz, also fokussieren meine Bücher und mein Schreiben nicht immer auf dieses Thema. Ich werde stark durch die Liebe zu Büchern und durch Werte, die insbesondere mein Vater mir während meiner Kindheit mitgab, beeinflusst. Ich denke, dass die meisten Autoren als Leser anfangen. Ich liebte Bücher und war von ihnen seit frühester Kindheit umgeben.

LAR:   Könnten Sie uns den Hintergrund schildern, in wie weit die Handlung in Ihrem Buch mit den realen Geschehnissen des Jahres 1978 und den darauf folgenden Jahren, also eigenen schrecklichen Erlebnissen, übereinstimmen - oder besser sich nähern?

Jann Turner: Die Handlung von „Unter dem Kreuz des Südens” und das Lösen des Mysteriums um Pauls Mord ist meiner eigenen Geschichte bei der Suche, die Mörder meines Vaters zu finden, überhaupt nicht ähnlich. Mein Vater war ein Aktivist, der ermordet wurde, aber das ist die einzige Ähnlichkeit dabei. Was übereinstimmt, sind meine Erfahrungen, die ich in den letzten zehn Jahren in Johannesburg gemacht habe, eine Stadt, die ich lebhaft und aufregend finde und die sowohl voller Licht- als auch Schattenseiten ist. Auch meine Erfahrungen im Umgang mit der TRC und den Tausenden von Geschichten, die ich hörte, erzähle ich darin. Die Romanfigur des Colonel Ig Du Preez basiert auf einer wahren Person; Oberst Eugene De Kock ist ein Mann, mit dem ich während der zwei Jahre mit der TRC viel Zeit verbracht habe. De Kock ist momentan in Pretoria’s C-Max Gefängnis, wo er 212 Jahre plus mehrere lebenslängliche Freiheitsstrafen wegen Mordes verbüßt. Sie können meinen Artikel über ihn auf meiner Website www.jannturner.co.za lesen.

LAR:   Wie kam es zu diesem Buchtitel? (Gibt es einen Zusammenhang mit dem gleichnamigen Sternzeichen?)

Jann Turner: Das Sternbild „Kreuz des Südens” sticht am südlichen Himmel heraus und ich betrachte es oft, genau so wie viele andere Südafrikaner. Ich habe den Titel gewählt, damit das Buch mit Südafrika in Verbindung gebracht wird, weil ich den Klang des Wortes „Double cross” mag und auch, weil Paul denkt, das ihn die wichtigsten Menschen in seinem Leben an dieses Sternzeichen erinnern.

LAR:   Sie waren ja selbst in der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) aktiv. In welcher Form?

Jann Turner: Ich war Teil eines Teams von Fernsehjournalisten, die die aktuellen wöchentlichen Ereignisse der Wahrheitskommission zusammenfassten. Das Programm nannte sich „Sonderbericht der Wahrheitskommission”. Unser Programm lief (zu recht) über zwei Jahre – genau so lange wie die Kommission selbst existierte. Wir reisten zu Verhören im ganzen Land und brachten die Geschichten der Opfer und Täter mit, welche in unserer wöchentlichen Zusammenfassung über die Arbeit der TRC gesendet wurden.

LAR:   Wie haben Sie die Zeit der Kommission empfunden?

Jann Turner: Meist taub. Auf die Geschichten mit Gefühl zu reagieren war nach einer Weile hart, weil sie so unnachgiebig schrecklich waren. Ich fühlte mich häufig wütend. Und zum Ende hin sehr müde. Aber meistens fühlte ich mich aufgedreht und voller Energie durch das Gefühl, im Zentrum eines der wichtigsten Momente in der südafrikanischen Geschichte zu sein und privilegiert durch die Gelegenheit, die Geschichten so vieler Leute zu notieren, die die schreckliche Periode, benannt Apartheid, durchlebten.

LAR:   Hat die Kommission die erhofften Ziele erreicht?

Jann Turner: Ich denke, nur die Zeit wird uns zeigen, was die Wahrheits- und Versöhnungskommission erreicht hat. Es war ein großes und ehrgeiziges Projekt und es war vermutlich immer unwahrscheinlich, dass es seine Ziele erreichte – wir erfuhren eine Menge Wahrheit, aber zweifellos nicht genug. Der Wiederaufbau des Lebens, wie man es kannte, ist ein gegenwärtiges Problem. Dennoch war es ein außerordentliches und bewundernswertes Projekt, daran teilzunehmen und es mitzuerleben.

LAR:   Ist die Apartheid in Südafrika heute tatsächlich beendet?

Jann Turner: Absolut nicht. Wir haben noch einen langen, sehr langen Weg vor uns. Die Vermächtnisse der brutalen Ungleichheit und des Rassismus sind sehr lebendig und wohlauf.

LAR:   Welches Jahrzehnt empfanden Sie als am schönsten?

Jann Turner: Ich liebte die ersten 10 Jahre meines Lebens und die dritte Dekade – meine Zwanziger – waren auch wundervoll.


LAR:  
Herzland
Nach Ihrem Studium in NY schrieben Sie Drehbücher und produzierten sehr erfolgreich Dokumentarfilme. Was gibt Ihnen mehr, das Schreiben oder die Arbeit am Set?

Jann Turner: Ich schreibe lieber Romane als Drehbücher und ich bevorzuge die Film- und Fernsehproduktion anstelle der Arbeit an einem Drehbuch. Wenn ich ein Drehbuch schreibe, dann habe ich einen genauen Plan, wie ich die Story produzieren möchte und denke nicht daran, dass die Arbeit danach beendet ist. Wenn man das Drehbuch dem Director überreicht, hat man immer das Gefühl, man hat nur die halbe Arbeit gemacht. Mit einem Roman ist das anders. Du siehst alle Ideen klar und deutlich bis zum Schluss. In den vergangenen drei Jahren habe ich in Südafrika viel TV gemacht und es hat sich als aufregend und lohnenswert herausgestellt, aber ich denke, das ich an einem Punkt angelangt bin, wo ich mich als Vollzeit - Romanscheiberin sehen möchte.

LAR:   Auf welche Frage hätten Sie gern eine Antwort?

Jann Turner: Wer tötete meinen Vater?


Wir danken Jann Turner recht herzlich für die Beantwortung unserer Fragen!
Das Interview führte: Sven Rosenow


November 2006 | © Literaturportal AfrikaRoman - Afrikaromane im Netz

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