Donnerstag, 24. August 2017


Leseprobe zu „Im Jahr des Elefanten”






Im Jahr des Elefanten
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 3-426-62665-9
Seiten: 464
Einband: broschiert
Erschienen: Juli 2004

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Textauszug aus: Barbara Bickmore, „Im Jahr des Elefanten”, Roman

13

Der kleine Elefant bebte auf dem ganzen Rückweg ins Flüchtlingslager, wo Courtney – anders als in ihrer alten Klinik – nicht zu Hause war. Ihr fehlte das Gefühl des Verwurzeltseins, und sie vermutete, dass Frauen wahrscheinlich einen natürlichen Nestbauinstinkt hatten.

»Halten Sie durch«, rief Josh, »gleich landen wir.«

Gott sei Dank. Courtney hatte während des gesamten Flugs gekniet und die Arme um das Elefantenbaby gelegt, das sie aus traurigen Augen betrachtete. Sie fragte sich, wie sie sich so rasch in den Kleinen hatte verlieben können. Ob es wohl daran lag, dass er völlig hilflos war?

Josh landete auf der Piste, und der Motor des Helikopters verstummte. Sichtlich verdattert blickte der kleine Elefant sich um. Offenbar vermisste er den Lärm, das Surren und das Brummen.

Josh stand auf und ging in den Frachtraum. »Wir haben ihn zwar in die Maschine gehievt, aber wie sollen wir ihn wieder rauskriegen?«, fragte er grinsend. »Wenn wir ihn einfach schubsen, fällt er uns auf die Nase.«

Courtney hatte keine Antwort darauf.

»Geht es noch ein bisschen?«, erkundigte er sich.

»Klar.«

»Mein Jeep steht da drüben.« Er wies mit dem Kopf darauf. »Am besten fahre ich los und hole Ihren Vater und noch ein paar Männer. Dann schaffen wir es vielleicht, den Kleinen durch bloße Muskelkraft aus der Maschine zu heben.«

»Gute Idee.« Courtney erhob sich und streckte die steifen Knie. »Hoffentlich ist Ihnen schon eingefallen, womit wir den kleinen Kerl füttern sollen.«

Josh betrachtete sie und kratzte sich am Kopf. »Ich habe ein paar Bücher zu dem Thema, die uns weiterhelfen könnten. Aber zuerst müssen wir ihn hier rausholen. Dann braucht er dringend Wasser. Ich laufe rasch nach Hause, besorge Nährlösung und sehe nach, was wir sonst noch benötigen. Okay?«

»Okay.« Als Josh die Tür öffnete, sagte Courtney: »Ich muss zugeben, dass es ein sehr interessanter Ausflug war.«

Josh kletterte hinaus. »Ja, da stimme ich Ihnen zu. Abenteuerlich, aufwühlend, spannend, und was sonst noch alles so dazugehört.«

Sie lächelte ihm zu und wusste, dass er sie für übergeschnappt hielt, weil sie darauf bestanden hatte, den Elefanten mitzunehmen und zu retten, ohne zu wissen, ob sie ihn überhaupt durchbringen würden. Allerdings war ihr klar, dass auch er es nicht übers Herz gebracht hätte, das Tier allein in der Wildnis dem sicheren Tod zu überlassen.

»Bitten Sie Mara, mitzukommen und Ihnen zu helfen. Sie hat eine Schwäche für Elefanten und wird wegen eines Elefantenbabys ganz aus dem Häuschen sein.«

Kaum war Josh verschwunden, als der Elefant beschloss, dass es nun ungefährlich sei, sich hinzulegen. Der Helikopter erbebte, und Courtney hoffte, dass das Tier sich nicht mehr von der Stelle rühren würde, bis Hilfe kam. Der Elefant schloss die Augen, sie setzte sich und lehnte den Rücken an ihn. Mit dem ruhigen Leben war es nun endgültig vorbei, aber dafür würde ihr sicher nie wieder langweilig werden.

Courtney machte die Augen zu und erinnerte sich an die letzten zehn Jahre. Sie vermisste ihre Großmutter immer noch, denn sie war einer der interessantesten Menschen gewesen, die Courtney je gekannt hatte. Als sie sich gerade das Gesicht ihrer Großmutter ins Gedächtnis rief, hörte sie Maras Stimme: »Ach du meine Güte, schaut euch das an!«

Courtney fuhr hoch. »Oh«, murmelte sie und rieb sich die Augen. »Ich muss eingeschlafen sein.«

In der offenen Tür standen Mara, ihr Vater und drei im Lager angeworbene Eingeborene. Dahinter parkte Andrews Landrover.

»Das Schönste daran, dein Vater zu sein, ist, nie zu wissen, was du als Nächstes ausheckst«, sagte Andrew.

»Es war keine Absicht«, erwiderte sie grinsend.

Mara kletterte in die Maschine. »Ist der süß! Einen so jungen Elefanten habe ich noch nie gesehen. Ach, bist du niedlich.«

Andrew lachte. »Wenn er ein Hund wäre, würde er jetzt mit dem Schwanz wedeln. Schau nur, wie er sich über dein Liebesgeflüster freut.«

Das Elefantenbaby hatte wohlig die Augen aufgerissen. Mara schlang ihm die Arme um den Hals.

»Offenbar haben wir uns richtig entschieden«, sagte Josh.

»Haben Sie je daran gezweifelt?«

»Während des gesamten Flugs.«

»Wie kriegen wir ihn hier raus?«, fragte Mara.

»Ich schlage vor, wir machen es wie Sargträger«, erwiderte Andrew. »Wir stellen uns in zwei Reihen auf, heben ihn hoch und lassen ihn langsam runter.«

Gesagt, getan. Es funktionierte so reibungslos, als ob sie es geübt hätten. Andrew hatte ein Seil mitgebracht. Das eine Ende band er locker um den Hals des Tiers, das andere befestigte er am Heck seines Landrovers.

Während Andrew in Schrittgeschwindigkeit fuhr, gingen Courtney und Mara zu Fuß neben dem Elefanten her. »Andrew«, rief Mara, »du musst etwas für uns bauen.«

Er nickte, drehte sich um und ließ den Wagen langsam weiterrollen. »Sucht euch einen Platz aus, dann fange ich noch heute Abend an.«

»Das ist auch nötig«, meinte Courtney, sonst ist unser Elefantenbaby nämlich morgen verschwunden.«

»Morgen zimmern wir einen richtigen Pferch. Wenigstens wird einem das Leben mit dir nie langweilig.«

»Das liegt nicht an mir«, entgegnete Courtney, sondern an Afrika. Eintönigkeit gibt es hier nicht.«

»Bist du nicht froh, dass wir hier sind?«, sagte Mara grinsend und tätschelte den Elefanten, der ruhig zwischen den beiden Frauen herging.

»Ich vermisse die Ruhe«, erwiderte Courtney.

»Ich nicht. Ich liebe die Aufregung, auch wenn ich deshalb nie genug Schlaf bekomme.«

»Und außerdem«, fügte Andrew hinzu, »bin ich ja auch noch da. Wegen der Klinik hätte ich mich nie zur Ruhe gesetzt. Dort habt ihr mich nicht gebraucht.«

»Wir sind froh, dass wir dich haben«, rief Mara ihm zu. »Sonst wäre alles nur halb so schön.« Erschrocken über ihre eigene Kühnheit, zuckte sie zusammen.

Courtney starrte ihre Freundin an. Dann betrachtete sie ihren Vater und stellte fest, dass sein Nacken sich langsam scharlachrot verfärbte. Ach du meine Güte, dachte sie, das kann ja noch heiter werden.



Ein elfjähriger Junge namens George wurde der Pfleger und Begleiter des Elefanten.

Mara nannte das Elefantenbaby Sabu, nach einem Film, den sie als kleines Mädchen gesehen hatte.

George gehörte zu den Waisenkindern, die vor einem Monat von einer Gruppe von Männern im Stich gelassen worden waren. Die Männer waren nur zwei Nächte geblieben und am Morgen des dritten Tages in aller Früh aufgebrochen.

George war allein zurückgeblieben. Im Lager gab es dutzende von Waisen, die herumzogen und um Lebensmittelreste bettelten. Sie waren halb verhungert, ihre Bäuche vor Unterernährung aufgequollen.

Courtney und Mara hatten nicht genug zu essen für die vielen verlassenen Kinder. Die Köchin verteilte zwar Reisbrei an die Waisen, aber es reichte nur für eine Portion am Tag.

»Das Problem mit uns Katholiken ist«, jammerte Mara, »dass wir so leicht ein schlechtes Gewissen kriegen.« Wenn sie an die hungernden Kinder dachte, die hinter ihrem Haus lagerten, bekam sie kaum ihr Abendessen herunter.

Am ersten Abend bastelte Andrew einen provisorischen Pferch für Sabu. Doch Josh warnte sie, dass man den Kleinen nicht allein lassen dürfe. »Elefanten unterscheiden sich von anderen Säugetieren. Sie sind so sensibel, dass die ganze Familie ein Jungtier tröstet, wenn es bedrückt wirkt.«

Mara und Courtney hörten aufmerksam zu.

»Sie trauern, wenn ein Baby tot geboren wird oder wenn ein Familienmitglied stirbt. Elefanten können vor Einsamkeit eingehen. Heute Nacht muss jemand bei Sabu bleiben und ihm Gesellschaft leisten. Ich übernehme das«, bot Josh an.

»Danke«, sagte Andrew. »Und ich sorge dafür, dass ein paar Männer morgen einen richtigen Pferch bauen.«

Als Josh am Morgen aufwachte, sah er einen mageren dunkelhäutigen Jungen, der dalag und den Kopf an Sabus runzlige Haut schmiegte. Nachdem er den Jungen eine Weile beobachtet hatte, kroch er langsam aus seinem Schlafsack und zog die Schuhe an. Während er auf Zehenspitzen zu dem kleinen Jungen hinüberschlich, stellte er fest, dass dieser nur ein Lendentuch trug. Josh kauerte sich neben ihn.

Der Junge fuhr erschrocken hoch, doch bei Joshs Anblick breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus.

»Ich heiße George«, stellte er sich vor.

Josh nickte. Allerdings vermutete er, dass das nicht der Geburtsname des Jungen war. Auf Portugiesisch fand er heraus, dass George keine Eltern mehr hatte, Elefanten liebte und sich mit diesem hier anfreunden wollte. »Ich bin ganz allein«, erklärte George. »Ich brauche einen Freund.« Josh hatte den Verdacht, dass er in Wirklichkeit etwas zu essen brauchte.

Er nahm ihn mit ins Esszimmer, wo Mara und Andrew schon ihren Tee tranken.

Eine Hand auf Georges Schulter gelegt, machte Josh sie mit dem Jungen bekannt. »Das ist George. Er will sich um Sabu kümmern.« Er zwinkerte den anderen zu. »Aber ich glaube, zuerst muss er frühstücken.«

Und so wurde George zum Familienmitglied. Er lebte in dem Pferch, den Andrew gemeinsam mit vier kräftigen Stammesmitgliedern baute. Wenn er Hilfe brauchte, fanden sich stets Freiwillige, denn jede Art von Arbeit war willkommen, um die Eintönigkeit der Tage zu bekämpfen. Ansonsten saßen die Leute nur herum, warteten auf das Ende des Kriegs, fragten sich, woher die nächste Mahlzeit kommen sollte, oder hatten Angst um das Leben eines Angehörigen, der im Krankenhaus lag.

George schlief nicht nur bei Sabu, sondern spielte auch mit ihm, fütterte ihn und führte ihn an einem langen Seil spazieren.

Mara hatte den Jungen in die Wanne gesteckt und ihm eine kurze Hose geschenkt, die nicht rutschte. Nun sorgte sie dafür, dass er zum Abendessen Gemüse aß und jeden Morgen Frühstücksflocken mit Milch und eine Tasse Tee bekam. Wenn sie ihn abends nach dem Essen hinaus zum Pferch begleitete, tätschelte sie ihm den Scheitel und küsste ihn auf die Stirn. Sabus Wohlbefinden war ihr sehr wichtig, und sie sagte George, sie alle seien froh darüber, dass er sich um den Elefanten kümmerte.

Mara bemutterte George, wie er es in seinen elf oder zwölf Lebensjahren noch nie erfahren hatte. Nach einer Weile begann er sie Mumu zu nennen.

aus: Barbara Bickmore: Im Jahr des Elefanten
© Droemer/Knaur Verlagsgruppe, 2oo4


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis.


 
   

   
  
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