Mittwoch, 23. August 2017


Leseprobe zu „Mbe-Mbong oder das ferne Leuchten”






cover
Verlag: Books on Demand
ISBN: 3-8334-3795-3
Seiten: 404
Einband: Paperback
Erschienen: Mai 2006

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Textauszug aus: Harriet Caloidy, „Mbe-Mbong oder das ferne Leuchten”, Reisen am Rande des Harmattan

Vorspiel


Die ostafrikanische Ameise

Friedliche Insel Korbsessel. Freundlicher Sonntagmorgen schattengrün und zitronengelb gesprenkelt. Durch das obere Geblätter blinzelt es ferienblau. Da hinauf ins flachgewölbte Chlorophyllgekröse bäumt sich nackt und glatt Pythonschlangengeäst. Nachschlängelt der bebrillte Blick, und es züngelt nach Worten, das vielverzweigte, kleingekrauste Riesengemüse herabzuholen aufs Papier. Ein leicht verbogener Schmerz im Nacken irrt umher im Laublabyrinth, ruht aus am grüngold zerfransten Rande der Lagunen so blau und sinkt zurück.

Sinkt in eine Lichtung Morgensonne neben Hand und Bleistift. Über die Lichtung läuft eine Ameise hin und weg über den Rand des Papiers. Zufall auf sechs Beinchen – bist du mir geschickt als Antwort auf die unbedachte Frage: wozu und für wen?

Zwischen den hausumfriedenden Hecken ist viel wohlbeschatteter Raum. Ist viel feiertägliche Stille. Nur der Korbsessel knarrt. Sechzig bedächtige Schritte in die eine Richtung, siebzig in die andere, dazwischen die ungerade Zahl der abgelebten Jahre, straff und züchtig ins graue Haar geknotet. Was da nachschleift am weiten Rocksaum, grünviolett und staubrosenrot – ja, ach, es sind die Jahre in Afrika, und das Gras wird schon wieder gelb. Februar, tropische Trockenzeit. Die letzte eines halben Jahrzehnts an den sanft auslaufenden immergrünen Hängen eines ostafrikanischen Viertausenders.

Sieh dich noch einmal um, eh das hier auch zu Ende geht. Entwirf einen Rahmen, nach innen gestaffelt, für ein Stück einzuholende Vergangenheit. Für das, was ein Hauch Abenteuer war: für die Reisen von einst, heraus aus dem Wald, hinauf in die Savanne, ich und allein und wie es dazu kam – das Gesicht im westafrikanischen Vollmond, greinend, grinsend, grübelnd, weiß es. Es möge, was es weiß, hinterm Berge halten, bis die ostafrikanische Morgensonne den äußersten, am weitesten in die Gegenwart vorspringenden Teil des Rahmens, das Hier und Jetzt, beleuchtet hat.

Die Ameise aber, die da beiläufig über das Papier und durch die Morgensonne lief, hat sie nicht im voraus die Frage beantwortet, für wen hier erinnert, ab-, aus- und schöngeschrieben werden soll? Für die Ameise. Es war eine kleine, harmlose. Memoiren für eine Ameise als zufälliger Verkörperung des flüchtig über das erste Wort hinlaufenden Gedankens, für wen? Außer für die Ameise – vielleicht für einen, den dergleichen auch nach zwanzig Jahren noch angehen könnte.

Die Morgensonne der Gegenwart – schon längst nicht mehr die Sonne Homers; untergegangen ist sie im Abendland, und in Ostafrika lächelte sie nie, nicht einmal in eine weitberühmte Bibliothek hinein – sie beleuchtet einen Campus an einem Berg, der mit gezacktem Vulkankegel felsengrau über einem luftig schlanken Glockenturm und inzwischen auch im Internet steht. Friedlich ist alles ringsum und wohlumhegt. Ungestört, seit eine dichte Dornenhecke und solide Schiebetore den gesamten Lehrkörper und seine raison d’être, eine ansehnliche Zahl von Studenten und ihre Familien, vor Überfällen und Einbrüchen schützten. Wer als resident alien hier seine Tage und letzten Berufsjahre zubringt, kann in Ruhe dem täglichen Unterricht nachgehen und nachts ungestört schlafen. Wer nichts Dringlicheres vorhat oder Ablenkung sucht von Sorgen, wie sie überall und jederzeit dem Einzelnen zur Heimsuchung werden können, der mag nebenher Brot backen, in Jowetts Plato herumschmökern oder zur Selbsterbauung eine ‚History and Religion of Ancient Greece‘ verfassen als Ausgleich zu all dem leergedroschenen Stroh aus dem Alten Orient, das, den Musen von Parnaß und Helikon sei’s geklagt, viel zu viel Lebenszeit in Anspruch genommen hat.

Wahrhaftig, schade um alle die Jahre. Sonne Homers, und du, Sapphos Selanna, am Lebensabend lächelt auch mir. Denn auf dem Hochplateau des Lebens, vor dem Abstieg und endlicher Rückkehr zum Musenhügel über dem alten, dem veilchenumkränzten Athen; unter die Phädriaden von Delphi und in die Gefilde am Kronoshügel von Olympia, breiten sich Regenwald und Savanne und die langen Jahre in Afrika. Es wird Zeit. An Papier ist kein Mangel. Den alten Griechen die letzte Liebe; dem jungen Afrika und der eigenen Lebensmitte das Bemühen, Reisetagebüchern ein Stück Leben und ein Stück Afrika nachschreibend abzugewinnen.

aus: Harriet Caloidy: Mbe-Mbong oder das ferne Leuchten, Reisen am Rande des Harmattan

Wir danken der Autorin für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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