Dienstag, 22. August 2017


Leseprobe zu „Afrikanische Nächte”





Afrikanische Nächte
Verlag: Droemer Knaur
ISBN: 978-3426614334
Seiten: 212
Einband: broschiert
Erschien: Sept. 1999

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Textauszug aus: Kuki Gallmann, „Afrikanische Nächte”, Roman

Die Vollmond-Insel

War dies die letzte Nacht der Welt, was dann? Wir waren nach Afrika übergesiedelt und verbrachten unseren ersten Weihnachtsurlaub an der Küste. Die herrlichen Strande und unberührten Korallenriffe hatten zwar schon das Interesse des internationalen Tourismus geweckt, doch befand sich dieser hier noch in seinen ersten Anfängen, und die Küste Kenias war noch überwiegend das Reich der Seemöwen und Schildkröten, der aus hohlen Baumstämmen gebauten dahos und der Giriama-und Swahili-Fischer, die im Einklang mit den Gezeiten ihr Lied sangen von den Meereswogen und der Hoffnung auf einen reichen Fang. Und es gab kleine Siedlungen in der Nähe der Küstendörfer, in denen Europäer mittleren Alters ein beschauliches Leben führten. Die bevorzugten Orte waren Malindi, Kilifi, Vipingo, Shanzu und Shimoni. Sie bildeten eine ungewöhnliche Gemeinde von Ruheständlern, hauptsächlich ehemaligen Farmern, die ihre Ländereien am Fuße des Mount Kenya, auf dem windgepeitschten, trockenen Hochland oder in den fruchtbaren Tee- und Kaffeeanbaugebieten von Kericho und Thiko verkauft hatten und nun ihren Lebensabend verbrachten, ohne gestört zu werden und ohne zu stören. Sie trösteten sich mit einer Schar Hunde und ausgiebigen Drinks, die sie abends im luftigen Schatten der großen Veranden ihrer neuen Domizile tranken. Die Häuser waren hauptsächlich aus weißgetünchten Korallenblöcken gebaut; die hohen, mit Palmwedeln gedeckten Dächer versanken in verwunschenen Gärten aus Bougainvilleen und Mangobäumen, und die ständige Aussicht auf das schimmernde Riff verlieh allem eine besondere Schönheit. Die Ruheständler besaßen die unterschiedlichsten Boote. Einige hatten imposante Jachten, andere bescheidene selbstgebaute Katamarane, die sie sorgfältig pflegten, denn sie alle waren leidenschaftliche Hochseefischer oder Segler oder beides. Das Meer hatte auf Paolo immer eine besondere Anziehungskraft ausgeübt, und es gab für ihn kaum etwas Schöneres, als seine Geheimnisse zu erkunden. So verbrachten wir viel Zeit am Meer, bevor wir schließlich unser eigenes gelobtes Land entdeckten. Obwohl die Gesellschaft an der kenianischen Küste zurückgezogen in der Stille ihrer Erinnerungen lebte und es daher verständlich gewesen wäre, wenn sie Fremden mit Zurückhaltung begegnet wäre, war sie umgänglich und hieß uns vom ersten Augenblick an willkommen. Vielleicht erweckten wir auch ihre Neugier und eine unausgesprochene Sehnsucht nach vergangenen Tagen, weil wir jung waren, uns genau wie sie für den Ozean begeisterten, bezaubernde, fröhliche Kinder hatten, exotisch wirkten und über unendlich viel Zeit verfügten. Gastfreundlich und äußerst großzügig empfingen sie uns in ihren Häusern, stellten uns ihre Boote und Bars zur Verfügung und ließen uns mit ihren geliebten Haustieren Freundschaft schließen. Hin und wieder dachten sie sich mit erstaunlicher Phantasie Unternehmungen aus, um die Monotonie ihrer ungestörten Tage zu durchbrechen. Eines Abends in Shimoni, kurz vor Neujahr, luden sie uns und meine Mutter, die uns zum erstenmal in Afrika besuchte, zu einem Vollmond-Picknick ein. Es sollte weit draußen im Meer stattfinden, auf einer Insel, die nur bei Ebbe auftauchte, "Machen wir mit?" fragte Paolo, mit einem blauen Funkeln in seinen Augen. "Es wird eine klare Nacht werden, das Licht ist bestimmt phantastisch." In neckendem Ton fügte er hinzu: "Aber es ist ziemlich weit. Es könnte naß werden... wird vielleicht zu spät für die Kinder und deine Mutter. Den Weg finden wir nur mit einem Kompaß. Es ist eine verrückte Idee." Das war es. Und eine unwiderstehliche. "Andiamo", sagte ich, denn ich sprach damals nur Italienisch. Bei Einbruch der Dunkelheit versammelten wir uns alle in einem der Häuser. Am Ufer standen zahllose Kühltaschen und Körbe, deren Inhalt die Herkunft ihrer Besitzer verriet: eingelegte Heringe in Dill und hochprozentiger Schnaps von den Skandinaviern, Sandwiches mit geräuchertem Lachs, hartgekochte Eier mit Fleischfüllung, Blauschimmelkäse und Bier von den Engländern, Weißkäse und Oliven und köstlicher Ouzo von den wenigen Griechen und von uns natürlich Pizza, Salami, Provolone, Korbflaschen mit rotem Chianti und gekühltem weißen Fol, sowie der klassische große Panettone, der in Italien zu jedem Weihnachtsfest gehört und den meine Mutter, die jetzt durch das bevorstehende Abenteuer ein wenig aufgeregt war, tapfer den weiten Weg von Venedig bis hierher geschleppt hatte. Nur in Gruppen, die überwiegend aus Briten bestehen, kann eine Stimmung von "ausgelassener Erregung" herrschen. Tatkräftig, zügig, zielgerichtet. In dieser Atmosphäre wurden die Boote beladen, die Dunkelheit brach herein, und es ging los. Eine feuchtwarme, salzige Brise trieb uns Tropfen ins Gesicht, und die schwarze glatte Fläche des Ozeans öffnete sich geschmeidig in einem Strudel schimmernder Gischt vor den Kielen. Das Plankton leuchtete phosphoreszierend wie versunkene Galaxien und zeichnete wundersame Muster auf die unruhige Wasseroberfläche. Die Motoren brummten vor sich hin. Emanuele, ein kleiner Junge von sechs Jahren, setzte sich ganz dicht neben mich, und in seinen großen Augen, die alles in sich aufnahmen, spiegelte sich die Nacht. Jemand sang ein getragenes Lied, das mit dem Stimmengemurmel und dem Motorengeräusch und dem Duft des Seetangs verschmolz. Stundenlang fuhren wir in die Dunkelheit hinein. An einer Stelle im Ozean, die aussah wie jede andere, hielt das vorausfahrende Boot plötzlich an, den Motor zu einem leisen Summen gedrosselt. Wir verstummten und sahen mit gespannter Erwartung zu, wie sich der Horizont aufhellte und die tiefschwarze Nacht zu einem blauen Samtvorhang wurde, an dem nach und nach Sterne wie erlöschende Kerzen verblaßten. Die Brise schien stärker zu werden, schlug in einen seltsamen Wind um, die Wellen, die die Flanken des Bootes umspülten, schienen immer schneller fortgezogen zu werden, während allmählich ein unglaublich großer weißer Mond aufging und über den Himmel glitt. Ganz langsam und lautlos tauchte vor unseren Augen die wuchtige Gestalt der mysteriösen Insel auf. Zuerst erhoben sich die Korallenfelsen wie der gezackte Rücken eines schlafenden Seeungeheuers. Dann kam ein verblüffend weißer, glatter, wie Opal schimmernder Strand in Sicht, passend zu dem kühlen Mond. Von allen Booten wurden Dingis herabgelassen und mit den Proviantkörben, den Grillgeräten und Kästen voller Flaschen beladen. Die ersten ruderten eifrig ans Ufer. Ich bekam ein winziges gelbes Schlauchboot zugeteilt, naß und glitschig. Ich lud Emanuele, einen Kasten Bier und eine Kiste Bananen ein und setzte mich an die Ruder. Ich begann zu rudern, doch ich hatte nicht damit gerechnet, daß die Strömung so stark war. Der Wind blies kräftiger. Nach zwanzig Minuten kam es mir so vor, als hätte ich mich kaum von der Stelle bewegt. Ich war bis auf die Haut durchnäßt und fror, die Freunde schienen in weiter Ferne, das Ufer unerreichbar, und der Wind verschlang meine Stimme. Schließlich entdeckte Paolo mich und kam mir lachend in einem anderen Boot zu Hilfe. Im Nu war ich am Ufer auf dem festen, kühlen Sand; sicher in Paolos Armen, trank ich ein Glas Wein. Die Leute zerstreuten sich in kleinen Grüppchen, je nach Alter, Geschmack, Laune, Hunger oder Durst. Nach einigen Versuchen gelang es, die Holzkohle mit Paraffin zu entzünden, dessen blaue Flamme der Wind bald in eine orangefarbene Glut verwandelte, die die schmiedeeisernen Grillstäbe erhitzte. Der angenehme Duft von gegrillten marinierten Hähnchen, brutzelnden Würstchen und Knoblauchbrot verbreitete sich mit den Rauchwölkchen im Wind. Der weiche, gekühlte Schnaps, den man genießerisch aus kleinen Gläsern trank, hob im Nu die Stimmung, vertrieb das Frösteln, und das fröhliche Geräusch knallender Korken erfüllte die Nacht.

aus: Kuki Gallmann: Afrikanische Nächte
© Droemer/Knaur Verlagsgruppe, 1999


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis.


 
   

   
  
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