Donnerstag, 25. Mai 2017


Leseprobe zu „Ins dunkle Herz Afrikas”





Ins dunkle Herz Afrikas
Verlag: Knaur Tb
ISBN: 978-3426505250
Seiten: 608
Einband: broschiert
Erschien: März 2010

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Textauszug aus: Stefanie Gercke, „Ins dunkle Herz Afrikas”, Roman

März 1968

Ein ausgetrampelter Nashornpfad im Busch von Zululand

Die Sommerregen waren spärlich gefallen dieses Jahr, und flirrende Hitze lag über dem weiten Tal. Die brutale afrikanische Sonne versengte Grasspitzen zu stumpfem Gold, sog den Saft aus Bäumen und Blättern, entzog der Haut aller Lebewesen auch noch den letzten Rest von Feuchtigkeit. Der glühende Himmel erstickte jedes Geräusch. Das hohe Sirren der Zikaden, das sanfte Gurgeln des Flusses, das Knistern des trockenen Buschs verstärkten nur die Stille. Die Vögel duckten sich in den tiefen Schatten, Reptilien suchten Kühlung in ihren Löchern unter den Felsen, zwei Flusspferde trieben reglos in einem Wasserloch, Augenhöcker und Nüstern aufmerksam aus dem Wasser gestreckt. Der Schlamm auf ihren massigen Rücken war zu einer gelben Kruste getrocknet.

Die beiden Männer gingen hintereinander auf dem schmalen Sandweg, der sich zwischen Dickicht und Felsvorsprüngen an dem abfallenden Ufer des träge fließenden Flusses dahinschlängelte. Der hintere trug die Kakiuniform eines Wildhüters, die Maschinenpistole hing am Riemen über seine rechte Schulter, in seiner linken Faust hielt er einen Strick, mit dem die Handgelenke des anderen Mannes auf dem Rücken gefesselt waren. Blut tropfte dem Mann, der fast einen Kopf größer war als der Wildhüter, aus einer Halswunde, trocknete auf Schulter und Rücken seines T-Shirts zu einer steifen, rostroten Fläche. Schweiß rann ihm in Strömen aus den schwarzen Haaren, lief ihm in die Augen, die er gegen die gleißende Helligkeit zu Schlitzen geschlossen hielt. Als ein Sonnenstrahl sie traf, blitzten sie in einem ungewöhnlich intensiven Violettblau auf.

Die Entzündung der Wundränder, die bereits die Haut rot färbte, verursachte ihm erhebliche Schmerzen, und der Schock über seine Gefangennahme verlangsamte noch immer seine Reaktionen. Innerlich flüchtete er sich zurück in die Arme der Menschen, die sein Leben bedeuteten, seine Frau, seine Kinder. Seine Familie. Vor vier Tagen war er geflohen, um sein Leben zu retten, und er hatte sie allein zurückgelassen. Wo mochten sie jetzt sein? Die Sonne stand noch nicht im Zenit. Etwa zehn Uhr, schätzte er es. Hatten sie die Tage ohne ihn wie immer verbracht? Hatten sie gegessen, geschlafen, waren an den Strand gegangen, hatten Freunde getroffen?

Nein, dachte er, das konnte nicht sein, es war unmöglich, dass das Leben einfach so weiterging, seit er ihr die letzten Worte zugeflüstert hatte. Ich liebe dich, Honey, mehr als mein Leben.

Ihre Antwort war nur ein Hauch gewesen, aber sie hallte in ihm nach wie Kirchengeläut. Ich liebe dich, mein Herz, ich liebe dich.

In einer Woche ist alles vorbei, hatte er ihr versprochen, warte auf mich im "Belle-Epoque".

In einer Woche! Vier Tage ab heute gerechnet, die tiefer schienen als jede Schlucht, höher als jeder Berg, weiter als jeder Ozean. Das Seil schnitt in seine Handgelenke, er fühlte den Lauf der Maschinenpistole im Rücken. Er musste sich befreien! Ihretwegen musste er es schaffen. In vier Tagen würde sie im "Belle-Epoque" sitzen, dem Hotel am Genfer See, die Arme schützend um die Zwillinge gelegt, und warten. Jede Faser ihres Körpers würde auf ihn warten. Sie würde sich mit den Kindern beschäftigen, sich ablenken, für sie würde sie fröhlich sein, sich nur jede Stunde erlauben, auf die Uhr zu sehen. Aber die Zeit würde verrinnen wie Wasser im Sand, und sie würde warten. Wann würde sie unruhig werden? Wann würde sie wissen, dass er nicht mehr kommen würde - nie mehr kommen würde?

Plötzlich, aus weiter Ferne, irgendwo aus dem Hitzeschleier über dem Busch, klang schwach das aufgeregte Kläffen mehrerer Hunde herüber, die offenbar seine frische Fährte gefunden hatten.

Der Mann mit den gefesselten Händen zuckte zusammen, alle seine Sinne vibrierten. Hunde! Polizisten suchten ihn, Agenten des Büros für Staatssicherheit, im Volksmund BOSS genannt. Schon seit Tagen waren sie hinter ihm her. Aufs Höchste gespannt lauschte er auf das aufgeregte Gebell der Hunde.

"Die Hunde sind am schlimmsten, riesige, gelbe Viecher - Ridgebacks, für die Löwenjagd gezüchtet. Die haben ein Gebiss wie eine Hyäne und sind angriffslustig wie ein Hai im Blutrausch", hatte Vilikazi, sein schwarzer Freund, ihn gewarnt. "Sie mischen ihnen etwas ins Futter, es macht sie rasend. Die springen dich an und reißen dir glatt die Kehle raus!" Seine Grimasse war überdeutlich gewesen. "Dann kannst du nur hoffen, dass sie dich erschießen, bevor die Hunde dich zerfleischen!"

Wurde das Gebell lauter? Kamen die Hunde näher? Vor Jahren, nachts im Busch, hatte er jene entsetzlichen Laute gehört: Knurren, Grollen, Jaulen, dazwischen jämmerliches Blöken, dann ein Schrei, der sich ins Kreischen steigerte und in einem langen Seufzer erstarb. Danach nur noch Schmatzen, Knacken von Knochen, Schlürfen von Blut. Im Scheinwerferlicht hatte er sie dann entdeckt: eine Meute von Hyänen, die eine zierliche Impala gerissen hatten. Ihre Gesichter waren nass vom Blut der Gazelle, es tropfte ihnen von den Lefzen, färbte ihre Brust und ihre Läufe. Kurz hatten sie in das Licht gestarrt, dann machten sie sich wieder über ihre Beute her.

Würde er bald die Beute der Ridgebacks sein, würden sie sein Blut trinken?

Halt die Klappe, du Bastard, schrie er sich innerlich an, du musst für sie und die Kinder am Leben bleiben!

Die Polizei war längst bei ihr aufgetaucht, dessen war er sich sicher, die Agenten, die Männer mit den kalten Augen und harten Gesichtern. Sie würden fragen, fragen, fragen, immer wieder fragen. Wo ist Ihr Mann, raus mit der Sprache, wo ist Ihr Mann?

Und dann schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, den er bisher nicht zugelassen hatte. Was würden diese Männer einsetzen, um sie zu einer Antwort zu zwingen?

Er stöhnte auf. Wie habe ich sie allein lassen können, was habe ich ihr angetan? Er sah sie vor sich. Sie war so schmal geworden in den letzten zwei Wochen, ihre blauen Augen hatten ihren Glanz verloren, ihr Lachen, dieses strahlende Lachen, war verschwunden, hatte einer marmornen Versteinerung Platz gemacht.

Er stolperte, fühlte den Schlag der Waffe des Wildhüters im Kreuz, und das riss ihn aus seiner Verzweiflung, seine Kraft kehrte wieder. Ich bringe dir dein Lachen zurück, Liebes, ich verspreche es! Er richtete sich auf. Seine Häscher würden leer ausgehen.

Kleine Fliegen krochen ihm in Nase und Ohren, saßen auf seiner Wunde, bissen schmerzhaft zu, sobald sie einen Tropfen Feuchtigkeit fanden, winzige Zecken überfielen ihn, hingen mittlerweile in Trauben an seinen Beinen. Die Stellen, wo sie ihre Kieferklauen tief in seine Haut geschlagen hatten, juckten zum Rasendwerden, aber das ließ seinen Widerstand nur umso größer werden.

Das Gebell erstarb, die Hunde schienen die Fährte wieder verloren zu haben. Sein Herz schlug wieder normal. Sie gingen weiter.

Der schlammige Fluss neben ihnen gurgelte leise, der Pegel in der Sommerhitze war so weit abgesunken, dass sich Sandinseln in seinem Bett gebildet hatten. Weiße Reiher und Pelikane standen in Gruppen, putzten ihr Gefieder oder verschliefen den heißen Tag mit dem Kopf unter den Flügeln. Ein Nashornvogel quorrte. Auf den abgeschliffenen Felsen in Ufernähe lagen übereinander fußballgroße Halbkugeln.

Schildkröten, dachte der Gefangene und wünschte sich, sie seinen Kindern zeigen zu können, wie er es ihnen schon so lange versprochen hatte. Aber immer war "morgen" noch Zeit dazu gewesen. Bis zum letzten Donnerstag, als es diese Zeit plötzlich nicht mehr für ihn gab.

Vielleicht sind es ja nur Hyänen, hoffte er, und nicht die Polizisten mit ihren Löwenhunden. Gab es hier überhaupt Hyänen? Er rieb seine Handgelenke aneinander, versuchte, den Knoten zu lösen, der sie fesselte, doch der Wildhüter hielt den Strick straff. Jede Bewegung zog ihn enger zu, schnürte ihm das Blut in den Händen ab. Mistkerl!

Eines Tages werde ich sie hierher führen, schwor er sich und schätzte die Breite des Flusses ab und ob er es schaffen würde, ihn zu überqueren, bevor ihn die Kugeln des anderen trafen. Unmerklich ging er langsamer, der Strick hing durch, und mit einem heftigen Ruck gelang es ihm, die Schlinge um seine Handgelenke etwas zu lockern. Sofort drehte er sie so, dass der Wildhüter es nicht bemerkte.

Die rote Erde unter seinen Füßen war von vielen Hufen zu feinem Staub gemahlen. Kaum merklich war die Luft weicher geworden, leichter zu atmen als dieser glühend heiße Hauch, der geradewegs aus einem Hochofen zu entweichen schien. Auch die Pflanzen wuchsen üppiger, ihr Grün war saftiger als in der ausgetrockneten Savanne. Es musste ein größeres Wasserloch in der Nähe sein.

Ein lianenumrankter Ast bog sich über den Weg, Blattranken griffen nach ihm, Dornen wie große Widerhaken rissen an seiner Kleidung. Eben wollte er ihn mit den Schultern aus dem Weg schieben, als er die grüne Baumschlange entdeckte. In graziösen Schlingen hing sie im Astgewirr. Er duckte sich, wich ihr gerade noch aus. Hätte sie ihn erwischt, direkt in die Arterie getroffen, wäre er tot gewesen, bevor er den Boden berührt hätte, das wusste er von seinem Freund, der Schlangen fing, um sich sein Studium als Zoologiestudent zu verdienen - Schlangenland nannte er diese Gegend.

Der Mann war jetzt hellwach, sein Organismus arbeitete auf Hochtouren. Ich werde es schaffen, mein Liebling, ich lass euch nicht allein! Sorgfältig achtete er auf jeden seiner Schritte, aufmerksam suchte er Pfad und Buschrand mit den Augen ab, hielt nach einer Möglichkeit Ausschau, dem Mann, der ihn wie einen Hund an der Leine führte, zu entkommen. Der Weg wand sich unter ein paar Bäumen entlang, vertrocknete Blätter raschelten unter ihren Schritten.

Sie döste ein paar Meter vor ihm, das braungelbe Diamantmuster ihrer Schuppen vermischte sich so vollständig mit dem sonnengesprenkelten, toten Laub, dass er sie nur durch Zufall entdeckt hatte. Er erschrak. Eine Gabunviper.

aus: Stefanie Gercke: Ins dunkle Herz Afrikas
© Droemer/Knaur Verlagsgruppe, 2oo1

Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis.


 
   

   
  
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