Sonntag, 22. Oktober 2017


Leseprobe zu „Tunesier sucht Europäerin-zwecks Heirat”





Tunesier sucht Europäerin-zwecks Heirat
Verlag: Glaré-Verl.
ISBN: 978-3930761517
Seiten: 135
Einband: broschiert
Erschien: März 2006

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Textauszug aus: Amor Ben Hamida, „Tunesier sucht Europäerin-zwecks Heirat”


Fathi war siebzehn Jahre alt und ein gut aussehender junger Mann. Das Sommergeschäft mit den Touristen entwickelte sich von Jahr zu Jahr besser für ihn. Er hatte schon eine Beteiligung an einem kleinen Souvernir-Stand eingangs der Stadt und plante mit einem Freund – demjenigen, der ihn vor Jahren im Streit geschlagen hatte – eine kleine „Station“ mit Getränken und Imbiss für die rasch vorbei fahrenden Touristen. Vor lauter Umgang mit den europäischen Gästen hatte er auch sein Aussehen leicht verändert: Er trug lange Haare, Sonnenbrille und immer Jeans, coole Turnschuhe – obwohl Sandalen wohl gesünder wären. Auf die immer wieder kehrende, besorgte Frage seiner Mutter, ob er nicht zu weit ginge mit seiner Anpassung, antwortete er immer lächelnd: „Mutter, um Teil des Business zu werden, muss man sich dem Kunden anpassen“. Inzwischen hat er das Wort wohl genau verstanden.
Nun ergab es sich eines späten Nachmittags, dass ein Landrover voll von Touristen anhielt und die durstigen Gäste Getränke kauften, nahe dem Stand, wo Fathi seinen Partner für ein paar Stunden ablöste. Neben den vielen eher älteren Fahrgästen entstieg eine junge, blonde, braungebrannte Frau dem Wagen. Ihm stockte der Atem, als ihre Blicke sich trafen, sie auf der Suche nach Orientierung, er auf der Suche nach einem potentiellen Käufer für „alte“ Münzen und kleine Stoffkamele. Auch sie hielt inne, starr und auf ihn fixiert, einen Moment lang, dann – wie vereinbart – wendeten sie sich gleichzeitig voneinander ab. Sein Herz schlug wie noch nie. Er musste leer schlucken. Sie hatte aber die Gelassenheit wieder gewonnen und kaufte sich eine Cola. Ihre Stimme und ihr zartes, aufrichtiges Lächeln beim Bezahlen gaben ihm den Rest. Er konnte sich nicht mehr konzentrieren, sah ein paar Touristen auf seinen Stand zugehen und hätte am liebsten alles stehen und liegen gelassen und wäre weit weg gelaufen. Wie ein Blitz, der einen unvorsichtigen, unvorbereiteten Wanderer in der Nacht blendet, so kam sie ihm vor. Er hätte alles dafür gegeben, wenn er erfahren könnte, ob dieser blonde Engel irgend etwas auch nur annähernd Ähnliches spürte wie er! Ihre blauen, aussagekräftigen Augen fixierten ihn nochmals, bevor sie ins Auto stieg. Als die Touristen wieder weg fuhren, konnte er das, was ihm vor Jahren bei seiner Cousine gelang – nämlich nicht zurück schauen – nicht schaffen. Er sah ihr lange nach und sah nicht einmal mehr den Wagen, sondern nur ihr Haar aus dem Fenster wehen. Obwohl sie ihn keines Blickes mehr würdigte, konnte er seinen Blick nicht mehr von ihr wenden. Er hat sich zum ersten Mal im Leben verliebt, und das ausgerechnet in eine Touristin.
Als sein Freund zum Stand zurück kam und ihn nach dem Geschäft fragte, murmelte Fathi nur ungenau ein paar Dinge, die er verkauft hatte. Sein Freund sah es ihm an: „Oh Mann, Fathi, jetzt bist du rein gefallen! Ha, wie sah sie aus, komm beschrieb sie mir!“
„Wie soll ich sie dir beschreiben, und wie könntest du sie dir vorstellen, wo du noch nie im Paradies warst!“ Sie lachten herzlich.
Bevor ihn am selbem Abend der Schlaf einholte, dachte er lange über diese junge Frau nach. Er sah sich mit ihr, Arm in Arm, oder Hand in Hand – wie es die Touristen taten – irgendwo in einem fremden Land wie Frankreich, Deutschland, Dänemark oder gar in der Schweiz herum stolzieren. Er küsste sie, obwohl er noch nie eine Frau geküsst hatte, es sah sich neben ihr im Bett liegen, er sah sich und sie zusammen kochen und spielen und lachen und glücklich sein. Er sah das alles so reell, dass es ihm fast Angst machte. Ob diese Frau ihm den Verstand geraubt hatte? Nach nur ein paar Minuten?
Und dann sah er mehr: er stellte sich vor, wie sie beide in Europa arbeiteten, er vielleicht in einem Restaurant, sie – wer weiss – vielleicht in einer Bank. Sie würden viel Geld haben, zwei Autos, keine Sorgen. Er würde monatlich Tausend Dinar an seine Mutter schicken. Sie könnte sich auch dann einen Arzt leisten, wenn sie ihn gar nicht bräuchte. Er sah aber keine Kinder um sie herum. Es beunruhigte ihn nicht weiter. Im Moment war seine Mutter, seine Familie, ihre Armut und Hoffnungslosigkeit, die ihn in solche Träume trieben.
Am nächsten Tag führte er das Gespräch mit seinem Freund am Stand weiter. Dieser sagte ihm: „Fathi, vergiss es, sie ist Christin. Das ist zwar nicht verboten für uns Moslems, aber doch verpönt. Stell dir vor! Was würden deine Eltern sagen? Und mein Vater, als Imam, würde dir alle Schande sagen. Du hast doch deine Cousine. Die willst du doch heiraten. Komm zur Besinnung, Freund. Ich pass schon auf, dass du keine mehr so genau anschaust.“
„Ich Idiot“, antworte Fathi. „Ich hätte sie ansprechen können, um ihre Adresse bitten können. Mindestens ihren Namen hätte sie mir wohl verraten! Diese Europäerinnen sind so anders als unsere Frauen. Ich schwöre dir, mich hat ihr Blick wie ein Blitz getroffen, diese unglaublichen tiefblauen Augen, ein Ozean, sage ich dir. Und diese Beine, Mann, diese Beine, lassen dich von allem träumen, wovon du noch nie zu träumen wagtest. Aber eben: sie ist aus einem anderen Planeten!“ Er schüttelte leichte seinen Kopf, dann fuhr er fort:
„Weißt du, Béchir, als sie einfach so weg fuhr, kam mir eines der traurigsten Liebesgedichte in den Sinn, „Tötende Liebe“, von Khalif Yazid Ibn Moauja“.
Und er rezitierte nachdenklich:

Ich habe auf den Knien um ihre Liebe
Sie angebettelt. Darauf sagte sie:
Weißt du denn nicht, daß alle, die im Traume
Mich zu besitzen meinen, beim Erwachen
Verzweifelt sterben, weil sie nun erkennen,
Daß sie mich nicht besitzen? Ach, zu viele
Sind hingesiecht, aus Leidenschaft zu mir,
Bis in den Tod. Die andern, die nicht wagten
Mir ihres Herzens Qualen zu gestehen,
Sind fortgereist und kehrten nie zurück...

Und ich entgegnete: Ich bitte Gott
Um Nachsicht für die Glut, die in mir lodert,
Und werde standhaft und voll Muts beharren
Bei meiner Liebe, die dich ganz umschlingt.

Und dann verließ sie mich. Und ich stand da
Wie ausgedorrt, ein abgestorbener Baum.“


Der junge Café-Angestellte gesellte sich zu ihnen und gab bekannt, dass drei Busse heute hier anhalten würden. Er habe seinen Vorrat an Cola schon mal vorsorglich aufgestockt. „Hey Jungs, habt ihr gestern die Blondine gesehen. Mann! Sie hat mich mit einem Blick zum Schmelzen gebracht. Ich hätte Frau und Kinder zuhause vergessen, für eine Stunde mit ihr.“
Er sah ihnen an, dass sie darüber nicht reden wollten und ging wieder an seine Arbeit, nicht ohne anzubieten: „Darf ich euch zwei Express offerieren?“
Der Tag wurde sehr erfolgreich. Die Busse kamen tatsächlich mit ein paar Stunden Intervall. Es wurde neben den kleinen Stoffkamelen auch einiges an Tonwaren gekauft, Aschenbecher, Geschirr, und natürlich wurden ein paar Wasserpfeifen – nach einiger Verhandlungszeit – gewinnbringend verkauft.
Ein älterer Tunesier trat in die Boutique von Fathi und erkundigte sich nach einem dieser Souvenirs. Dann hielt er Fathi einen Vortrag: „Hör zu, ihr jungen Leute haltet uns für Touristen, wir sind eure Landsleute. Ich will doch nicht den Laden kaufen, zu diesem Preis, nur dieses Kamel für meine Tochter in Frankreich. Mach mir einen anständigen Preis.“ Sie einigen sich schnell, denn Fathi war immer noch mit seinen Gedanken bei diesem blonden Engel. Einige junge Frauen entstiegen im Laufe des Tages einem der Busse, doch keine sah auch nur annähernd so schön aus.
Beim Verlassen des Ladens reklamierte der Tunesier noch mal: „Gott stehe uns bei. Jetzt verkauft ihr auch noch eure Geschichte. Dieser Topf hier könnte jener sein, in dem meine Grossmutter die mageren Mahlzeiten zubereitet hatte. Er ist bestimmt über fünfzig Jahre alt, und dieser Mörser könnte auch schon vor fünfzig Jahren benutzt worden sein, um Knoblauch zu zerstampfen. Bald liegt das irgendwo in Europa als antikes Stück in einem Trödlerladen oder in der Villa eines Sammlers. Wir verkaufen unsere Traditionen.“
Fathi war froh, dass der Mann endlich weg war, denn die Touristen drängten schon ins Innere der Boutique, wahrscheinlich wegen des kühlen Schattens.
Tage und Wochen lang beobachtete Fathi jeden vorbeifahrenden oder anhaltenden Wagen oder Bus, in der stillen Hoffnung, seine blonde Touristin würde wieder aussteigen. Vergebens. Er sah sie nie wieder. Er sah sie anfangs oft vor seinen Augen, mit all ihrer Schönheit und ihrem Reiz, dann wurde ihr Bild immer kleiner und blasser, bis sie nur noch unerkennbar am Horizont erschien und schliesslich ganz in Vergessenheit geriet. Zeit ist das sicherste Heilmittel gegen alle Schmerzen.

Wir danken dem Autor für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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