Sonntag, 22. Oktober 2017


„Allein in Afrika” - Leseprobe





Allein in Afrika
Verlag: BoD GmbH
ISBN: 3-8334-2699-3
Seiten: 208
Einband: broschiert
Erschien: März 2005

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Textauszug aus: Blanca Imboden, „Allein in Afrika”, Keniaroman


MOMBASA, KENIA

Wir sind da!
Schon beim Verlassen des Flugzeuges empfängt mich die Luft Mombasas warm und feucht. Ich werde von ihr umhüllt und eingenommen. Sofort fühle ich, wie sich meine schmerzenden Glieder entspannen. Die Luft könnte fremdartiger gar nicht sein: Sie riecht süsslich nach exotischen Pflanzen, ein wenig nach Meer, aber auch nach Kerosin und Schweiss. Ich atme tief durch und es ist, als ob ich in dem seltsamen Duft schon etwas vom Zauber Afrikas erahnen könnte.

"Meine Güte, hier kann man ja kaum atmen!", jammert Michael.
Michael teilt meine Empfindungen nicht. Ziemlich mürrisch und zerknittert sieht er aus. Dabei hatte er einen wirklich guten Flug. Er trank beim Start in Zürich ein paar kleine Schnäpse, die alle im Flugpreis inbegriffen waren, und schlief ein, um erst kurz vor der Landung wieder aufzuwachen. Ich dagegen zählte jede einzelne Stunde und habe eine sehr lange Nacht hinter mir. Ich wusste gar nicht, dass mein Körper so viele Knochen hat die schmerzen können. Manchmal fühlte ich Platzangst in mir hochkommen und wäre am liebsten einfach ausgestiegen, ohne Rücksicht auf Verluste. Am Ende konnte ich mich mit einem ziemlich miesen Film ablenken, der fast nur aus Mord und Totschlag bestand. Ausführlich studierte ich auch das Bordmagazin und wunderte mich, was für Empfehlungen Keniareisende darin bekommen: Einwegspritzen, Wasserentkeimer und - man höre und staune - ein Einwegskalpell hätte ich mitbringen sollen, erklärte da ein schlauer Reisemediziner!
Ein Einwegskalpell!
Ich hoffe doch sehr, in Kenia ohne ein Skalpell auskommen zu können. Sie kommen ohnehin etwas spät, die guten Ratschläge, wenn man doch bereits im Flieger sitzt. Aber unterhaltsam war es allemal.
Amüsiert habe ich mich auch über die Sitznachbarn, zwei charmante ältere Damen. Die Grauhaarige fragte die Magere: "Möchtest du auch ein homöopathisches Kügelchen gegen Malaria?" Ob die wohl den Ernst der Lage erkannt haben? Wir reisen mitten ins Malariagebiet und sie schlucken homöopathische Kügelchen.

Schon bei der ersten Passkontrolle stehen wir lange an. Tatsächlich sitzt nur ein einziger Beamter am Schalter und dieser sieht gar nicht gestresst aus. Er studiert die Einreiseformulare, dreht und wendet die bunten Reisepässe, als hätte er noch nie so schöne Exemplare gesehen. Dann drückt er sorgfältig einen Stempel hinein, schenkt jedem Touristen ein erstes afrikanisches Lächeln und rollt seine grossen runden Augen.
‹Pole, pole›, denke ich.
‹Immer mit der Ruhe›, heisst das in Suaheli.
Ich habe in meinem Reiseführer gelesen, dass Zeit in Afrika eine ganz andere Bedeutung hat, als in unserer durchorganisierten Schweiz. Da stand auch der sinnige Spruch:
‹Wir haben die Uhren, sie haben die Zeit.›
Ich lächle also zurück und schenke dem Beamten mein erstes fröhliches "Jambo!". Im letzten Moment kommt mir auch der Gutenmorgengruss in den Sinn: "Habari ya asubuhi." Ich bin stolz auf mich. Der herzige Beamte mit dem Lächeln und den Schweissperlen auf der Stirne reicht mir die Hand und antwortet etwas, das ich natürlich nicht verstehe. Vielleicht sagt er mir, dass meine Aussprache erbärmlich sei und ich seine Sprache besser in Ruhe lassen solle. Aber in meinen Ohren klingt es eher wie ein Segen. Oder ein feierliches Willkommen. Und das freut mich.


Wir danken Blanca Imboden für die Veröffentlichungserlaubnis.


 
   

   
  
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