Montag, 23. Oktober 2017


Leseprobe zu „Das schwarze Herz Afrikas”





Das schwarze Herz Afrikas
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492240482
Seiten: 298
Einband: broschiert
Erschien: Januar 2004

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Textauszug aus: Lieve Joris, „Das schwarze Herz Afrikas”, Roman

Meine erste Reise in den Kongo

Mein Onkel aus dem Kongo
ER sollte als Missionar nach Afrika, und das wurde mit einem Festessen - Tomatensuppe, Rinderbraten mit Prinzeßbohnen und Kongobooten, einem gefüllten Gebäck - gebührend gefeiert. Er ließ sich den Bart wachsen, denn auf die Schwarzen, deren Bärte sich immer gleich kräuselten, wirkte ein langer Bart respekteinflößend.
1923, am Abend vor Weihnachten, stand mein Onkel an der Reling der Albertville, in Soutane und hohem Hut, um den Hals einen schwarzen Wollschal - ein flämischer Junge vom Land auf dem Weg ins Innere Afrikas, um Seelen für das Christentum zu gewinnen. Neben ihm, in einem Meer von Pelzmänteln und Federhüten, blickt seine Mutter traurig in die Kamera. Zehn Jahre sollten vergehen, bis sie den geliebten Sohn wiedersah.
Nachdem man die Gangway hochgezogen hatte und die Dampfpfeife ertönt war, begann auf dem Promenadendeck die Blaskapelle zu spielen, und die Zurückbleibenden schaukelten in ihren gemieteten Booten auf der Schelde, winkten den Kongofahrern nach und riefen ihnen ein letztes Lebewohl zu.
Mein Onkel, der noch nie weiter als bis Lourdes gereist war, muß sich auf dem Schiff denkbar unwohl gefühlt haben. Während die Kolonisten im Ballsaal tanzten, zogen sich die Missionspatres in ihre Kabinen zurück und lasen in ihrem Brevier oder sie spielten im Rauchsalon Karten. Oft reisten sie als Schiffsgeistliche und bekamen dafür die Überfahrt billiger. Einer von ihnen schrieb einmal einen empörten Brief an die Reederei: Er hatte ein Besatzungsmitglied in inniger Umarmung mit einer Dame überrascht.
Damals gab es fast in jeder flämischen Familie einen Onkel, der in der Mission tätig war. Die Mutter wurde für ihren Kummer um den fernen Sohn reichlich entschädigt durch die neue Welt, die sich der Familie auftat: Missionare auf Urlaub brachten Geschichten von Mamas Herzblatt im Busch mit, sie saßen an der Sonntagstafel, wobei sie dunkelrote Weinflecken auf dem Damast-Tischtuch hinterließen, und ihr Zigarrenrauch zog durchs ganze Haus.
Die ersten Fotos, die mein Onkel nach Hause schickte, zeigten ihn auf einer kahlen Fläche, umringt von scheuen schwarzen Mädchen mit gefalteten Händen, »die ich getauft habe«, oder inmitten des »Personals der Mission«, jungen Männern in Hosen, die ihnen kaum bis zu den Knöcheln reichten, und in zu engen Jacken. Auf späteren Bildern trug er statt seines Hutes einen Tropenhelm, und im Hintergrund war ein neues Gebäude zu sehen, das er in seinen Briefen das »Missionshaus« nannte. Wenn er dort die Messe las, knieten die schwarzen Kinder im Sand, und sein Tropenhelm baumelte vom Strohdach herab.
Dann kamen die Geschenke. Auf unserem Kaminsims standen mit Speeren bewaffnete Eingeborene und dünnbeinige Antilopen. Eine unserer beiden Buchstützen aus Elfenbein war durch ein Versehen bei einem anderen Zweig der Familie gelandet. Im Haus meiner Großmutter hing in einem düsteren Zimmer im ersten Stock eine naive Malerei, die ein friedliches Lehmhüttendorf zeigte. Ein heiteres Leuchten ging von dem Bild aus, das sich im Lauf der Jahre noch zu verstärken schien.
Einmal wurde ein Geschenk meines Onkels schon am Tag, nachdem es eingetroffen war, in einen Winkel des Dachbodens verbannt. Wir Kinder stiegen oft hinauf und betrachteten es. Die Dielen knarrten, und überall standen Mausefallen, die zuschnappten, wenn man in ihre Nähe kam. Ganz hinten sah uns eine Schlange in einem Glaskasten durchdringend an. Sie war weiß-grau gesprenkelt und lag mit halb hochmütig, halb zornig erhobenem Kopf auf einem Polster aus vergilbter Watte.
Und dann kam mein Onkel selbst. Schon Tage vor seiner Ankunft herrschte geschäftiges Treiben. Großmutter, die Schwester meines Onkels, stellte einen weinroten Wandschirm vor das Sofa und besorgte Herve-Käse, blaue Trauben, Zigarren und Elixir d’Anvers, alles Dinge, auf die er im Busch verzichten mußte.
Wie er so auf dem schneeweißen Deck des Dampfers stand, waren ihm die Entbehrungen des Buschs allerdings nicht anzusehen: Er hatte ein rundes lachendes Gesicht mit einem zerzausten Bart, und sein Bauch, der mit den Jahren erheblich an Umfang gewonnen hatte, ragte stolz vor.
In den folgenden Wochen war er die Attraktion der Gegend. Nachts lag er schnarchend auf dem Sofa, als wäre er noch im Busch und niemand könnte ihn hören. Wegen des Herve-Käses - »Stinkerkäse« nannten wir Kinder ihn - mieden wir Großmutters Haus zu den Mahlzeiten, verfolgten aber durch das große Eßzimmerfenster alles genau mit. Nach einem üppigen Frühstück ließ sich mein Onkel mit einem »Tropfen« Elixir im Sessel nieder, blies Rauchringe ins Zimmer und erging sich in Erinnerungen an früher, als er und Großmutter noch jung und alle noch am Leben gewesen waren.
»Du solltest nicht so viel trinken«, sagte meine Großmutter manchmal besorgt, wenn sein Gesicht sich rötete. Doch er wischte ihre Bedenken beiseite: »Im Kongo trinken wir Whisky wie Wasser, das ist die beste Medizin gegen Malaria.«
Nach dem Mittagsschlaf empfing er Besucher. Wir spielten Karten und lauschten dabei den fremden Worten, die ihm so leicht über die Lippen kamen und die den gefährlichen Busch in unserem öden Dorf zum Leben erweckten: makak, kakkerlak, matata. Er brachte uns ein Lied bei, das seine kleinen Schwarzen in Tumba sangen, wenn sie barfuß durch den heißen Sand zur Schule gingen: »A wani kunni ka a wani, a wa wa wika janka jeja
Nachmittags spazierte er am Kanal entlang und las in seinem Brevier. Versprachen wir, still zu sein, durften wir mitkommen. »Vorsicht, nicht in die Bank knien!« warnte er uns, wenn wir an der Kapelle Unserer Lieben Frau von Flandern vorbeikamen. Als er im Kongo einmal zum Beten niederkniete, war eine Giftschlange unter der Bank hervorgeschossen. Am Kanal angelangt, sah er kurz von seinem Gebetbuch auf und zeigte auf die rauchenden Schlote in der Ferne: »Da drüben, das ist der Kongo.«
Wenn er am Sonntag in seiner raschelnden Soutane durch die Straßen schritt, verneigte sich das ganze Dorf ehrerbietig vor ihm. In der Kirche hielt er eine flammende Predigt über »unsere braven Schwarzen«, die mit schweren Lasten tagelange Fußmärsche in der Äquatorsonne bewältigen mußten - worauf der Kirchenvorsteher Geld für einen Kleintransporter sammelte. Bei solchen Gelegenheiten merkten wir, was für ein bedeutender Mann unser Onkel war.
Nach seiner Abreise ging das Leben im Dorf wieder seinen gewohnten Gang. Als wir herausfanden, daß die Schlote, die er uns gezeigt hatte, zur Blei- und Zinkfabrik gehörten, begannen wir auch an seinen anderen Geschichten zu zweifeln: Dann war bestimmt auch keine Schlange unter der Kirchenbank gewesen, und den Affen, den er uns versprochen hatte, würde er wohl auch nicht schicken. Doch seine Briefe klangen ernst. Er ermahnte uns darin, für seine »Lausebengel« zu beten, »die mir noch die Haare vom Kopf fressen.«
Eines Tages brachte der Postbote ein Paket, das gut und gern anderthalb Meter lang war. Es kam aus dem Kongo. Unsere Begeisterung über die Größe des Geschenks bekam einen Dämpfer, als wir den Deckel von dem Karton hoben: Eine bleiche, klapperdürre Puppe mit dünnen Zöpfen lag darin, deren Beine lose an ihrem Papprumpf befestigt waren. »Die Puppe kann laufen!« hatte mein Onkel stolz dazugeschrieben.
Am Nachmittag ließen wir die Puppe zur Schule laufen. Ihre Haut blätterte in unseren verschwitzten Händen ab, ihre Wangen schälten sich, und unsere Freundinnen lachten uns aus. Am Abend wurde sie mitsamt ihrem Karton auf den Dachboden verfrachtet.
Wurden im Kongo so häßliche Puppen hergestellt? Und warum war sie nicht schwarz, wie die kraushaarigen Puppen mit den Baströckchen, die mein Onkel uns früher einmal geschickt hatte? Jahrelang stellten wir Mutmaßungen über die Herkunft der »laufenden Puppe« an, bis uns eine entfernte Verwandte, die ebenfalls eine bekommen hatte, darüber aufklärte, lange nachdem mein Onkel gestorben war.
Das Kongoschiff legte auf jeder Fahrt in Teneriffa an, und die Bewohner der Insel hatten im Laufe der Jahre ein lukratives Geschäft mit den Passagieren aufgebaut. Jungen tauchten nach Münzen, die von Deck in das klare Wasser geworfen wurden, Händler bastelten Figuren, die einer Puppe ähnlich sahen und laufen konnten. Bald waren sie unter den Passagieren der letzte Schrei und gingen weg wie warme Semmeln.
Mein Onkel hatte sich immer von dem Touristenrummel ferngehalten, doch eines Tages folgten die Händler dem bärtigen Mann in der schwarzen Soutane bis aufs Schiff und zeigten ihm unterwegs, was die Puppe alles konnte. Schließlich kapitulierte er und kaufte gleich zwei.
Als er 1970 aus dem Kongo zurückkam, war er ausgebrannt. Seine Lunge war ruiniert, und er hatte ein schwaches Herz, und trotzdem bat er seinen Vize-Provinzial in einem Brief inständig, in den Kongo zurückkehren zu dürfen: »Ich denke, ich kann mich soweit erholen, daß ich noch eine Zeitlang im Kongo arbeiten kann.«
Ein Foto aus dieser Zeit zeigt ihn betend in seiner Klosterzelle in Antwerpen: ein weißhaariger alter Mann mit einem kurzen Bart und einer Hornbrille auf der Nase. In dem Bücherregal hinter ihm ist undeutlich ein Elefant aus Ebenholz zu erkennen. Mein Onkel muß sehr einsam gewesen sein in seinen letzten Jahren; ich kann mich nicht erinnern, daß wir ihn je besucht hätten. Er war der Mann im fernen Kongo gewesen, und jetzt, da er wieder in der Nähe und ein Onkel wie jeder andere war, führte kein Weg mehr zu ihm.
Er starb in aller Stille. Niemand trauerte um ihn. Und wenn ich heute an ihn denke, ist er nicht alt und krank, sondern er steht hochaufgerichtet am Kanal, eine stattliche, geheimnisumwobene Gestalt im schwarzen Gewand. Mein Onkel aus dem Kongo.

aus: Lieve Joris: Das schwarze Herz Afrikas, Meine erste Reise in den Kongo.
© Piper Verlag, 2004


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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