Freitag, 28. Juli 2017


Leseprobe zu „Der Tanz des Leoparden”





Der Tanz des Leoparden
Verlag: Piper
ISBN: 978-3492242479
Seiten: 398
Einband: broschiert
Erschien: Okt. 2004

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Textauszug aus: Lieve Joris, „Der Tanz des Leoparden”, Roman

Mein afrikanisches Tagebuch

Kinshasa – Der Wind aus dem Osten

Ich habe zu lange gezögert. Auf dem Flughafen von Zaventem sehe ich im Fernsehen Kabilas Kindersoldaten in Kinshasa einmarschieren. Gummistiefel, Plastikschlappen, staubiges Kraushaar – die Kinois jubeln, geben ihnen Wasser zu trinken. Da hätte ich dabeisein, da hätte ich in der Menge stehen müssen!
Den ganzen Flug über nagt der Ärger an mir. Seit ich vor elf Jahren in Zaire war, wusste ich, daß ich wiederkommen würde. Ich war noch nicht fertig mit dem Kongo. Aber ich hatte Angst. Die letzten Jahre der Mobutu-Ära: In seinem Todeskampf wurde der alte Leopard immer gerissener. Er bezahlte seine Soldaten nicht mehr und ließ sie wie hungrige Wölfe auf sein Volk los. Nicht mit ihm da oben sollten sie sich befassen, sondern mit ihresgleichen da unten. Reisende berichteten, daß ihnen im Flugzeug der Paß abgenommen wurde und sie den Zollbeamten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Mit allem Gepäck aus dem Flughafen herauszukommen war schier unmöglich. Und dann ging es erst richtig los! »Du musst einen Bodyguard anheuern, dann schaffst du’s vielleicht ...« Wie sollte das erst im Landesinneren werden?
Dann begann der Krieg, anfangs nur ein Ausläufer des Krieges in Ruanda, wie es schien. Hutu, die im Osten Zaires von Tutsi verfolgt wurden – das erinnerte mich zu sehr an Israel und den Libanon; nie wieder wollte ich in solch einen gordischen Knoten hineingeraten. Kabila erschien auf der Bildfläche. Vorrückende Truppen, eine Interimsregierung in einem Hotel in Goma. Immer öfter rief mich Lukusa an. Er kannte einige der Rebellen, die über eine Website in den USA Kontakt miteinander aufgenommen hatten. »Soll ich unseren Minister Mawampanga anrufen und ein gutes Wort für dich einlegen?« Unseren Minister, und er selbst saß wohlbehalten in Kanada! »Hast du gehört, daß wir Mukendi zum Verkehrsminister ernannt haben?« Wir!
Je größer die Gebietsgewinne der Rebellen wurden, je mehr Reden Kabila über seine Sicht der Zukunft hielt, desto mehr erlahmte Lukusas Enthusiasmus. Der revolutionäre Jargon der sechziger Jahre war nichts für ihn, und das Blutbad, das die Rebellen auf ihrem Vormarsch in den Hutu-Flüchtlingslagern anrichteten, empörte ihn. Er war inzwischen Europa-Berater des kanadischen Außenministeriums, und der Kongo lag nicht mehr auf seinem Weg. Eines Abends rief er aus New York an. Er riet mir, noch abzuwarten, mich nicht in das Kriegschaos zu stürzen. Aber ich hatte genug gewartet. Allzuoft war ich mir in den vergangenen Jahren wie ein Feigling vorgekommen. Meine Abreise war unumgänglich geworden.

Der Flughafen N’Djili ist geschlossen, und wir landen in Brazzaville am gegenüberliegenden Ufer des Kongo. Bei meinem französischen Freund Nicolas läuft der Fernseher. »Mobutu ist geflohen, ich kann’s kaum glauben!« ruft ein junger Mann. »Das ist, als würde man die Bibel aufschlagen und Gott wäre daraus verschwunden.« Plünderer sind in Mobutus Residenz im Militärlager Tshatshi eingedrungen, reißen Kristallüster von der Decke, zertrampeln sein Porträt. »Mobutu verkauft Sardinen in Togo«, singen junge Leute auf der Straße. »Sein Premier verkauft Wasser in Brazzaville.«
Wie komme ich nach Kinshasa? Der Fährbetrieb ist eingestellt worden, sagt Nicolas. Wir fahren zu dem Boulevard am Fluß. Neugierige stehen dort und schauen ans andere Ufer hinüber. Gestern hat man Schüsse gehört, und vom Lager Tshatshi stiegen Rauchwolken auf, heute sendet die Stadt keine Signale mehr aus. Will ich da wirklich hin? Wo doch alles von dort flüchtet! Szenen haben sich hier abgespielt! Soldaten zogen mitten auf dem Fluß ihre Uniformen aus und warfen ihre Waffen ins Wasser, und gestern kam ein Boot herüber, auf dem ein Mann in einem hellblauen Polstersessel saß. Nachdem Träger den Sessel ausgeladen und in den weichen Sand gestellt hatten, sank er, zu Tode erschöpft, wieder hinein.
Es ist Sonntag, ein Tag, an dem trübe Stimmung herrscht in den Straßen von Brazzaville. »Vergiß es«, sagt Nicolas, »heute erreichst du gar nichts.« Er setzt mich bei Bekannten ab, die ebenfalls nach Kinshasa müssen. Seit dem Morgen sitzen sie wie gebannt vor dem Fernseher, und plötzlich haben sie es gar nicht mehr so eilig. Ein pensionierter General Mobutus ist bei ihnen zu Besuch; er ist geflüchtet, hat aber seine Familie in Kinshasa zurückgelassen. Ich gehe mit ihm zu einer Telefonzelle, und da er kein Geld für eine Telefonkarte hat, benützt er mit größter Selbstverständlichkeit meine. Ich höre ihn reden und dann schreien. »Die plündern mein Haus«, empört er sich, nachdem er eingehängt hat. Den ganzen Rückweg über schimpft er. »Also plündern die Rebellen auch!« Er habe sich nichts vorzuwerfen, hat er zuvor noch gemeint, in Kürze werde er nach Kinshasa zurückkehren – nach dem Telefonat scheint er sich da nicht mehr so sicher zu sein.
Im Hotel Méridien haben sich wohlhabende Flüchtlinge einquartiert. Kinder laufen durch die Flure, Frauen sitzen in der Halle gelassen beieinander. Im dezent beleuchteten Garten gehen bullige Typen mit Moschino-Anzügen und goldenen Halsketten auf und ab und sprechen aufgeregt in ihre telecels, wie die Handys der Firma Telecel hier heißen. Ihrem nervösen Gang nach zu schließen, sind die Nachrichten von zu Hause nicht die besten.
Ich fahre mit dem Taxi zu Nicolas zurück. Tour des coopérants – Entwicklungshelferturm – wird das Gebäude genannt, in dem er wohnt. Es wimmelt darin von Franzosen, und ich komme mir doppelt heimatlos vor. Auch Nicolas fühlt sich dort nicht wohl. Früher hat er mitten unter Afrikanern gewohnt. »Warum bist du dann umgezogen?«
»Dringende Empfehlung der Botschaft. Bei den vielen Privatarmeen in der Stadt ...«
»Hier auch schon?!«
»Ja, wußtest du das nicht? Jeder Politiker von einiger Bedeutung hat ...«
Aber ich will es nicht wissen. Mein Blick wandert nach draußen, während er spricht: Die Nacht senkt sich über Kinshasa herab.

Im Hafen von Brazzaville herrscht Hochbetrieb. Fliegende Händler, Kongolesen, die von den Ereignissen überrascht wurden und nach Hause wollen, ausländische Journalisten. Der Besitzer des Rennbootes, mit dem Mobutus Sohn Kongolo vor ein paar Tagen nach Brazza geflüchtet ist, hat in dem Durcheinander gestern noch Leute nach Beach Ngobila gebracht, aber inzwischen hat Kinshasa seine Tore geschlossen, und auf normalem Weg kommt man nicht mehr hinein. Wilde Gerüchte machen die Runde, von Booten, mit denen man für fünfhundert Dollar übersetzen könne. Niemand weiß, wo sie abfahren und was einen am anderen Ufer erwartet.
In meinem Zimmer sehe ich meine Sachen durch. Stadtkleider, Busch-Ausrüstung, Schuhe, Sandalen, Bücher, Hefte, Medikamente, Geschenke – mit leichtem Gepäck reisen war noch nie meine Stärke. Ich packe das Allernötigste in einen kleinen Koffer und stelle ihn beiseite.
Am nächsten Tag erwähnt auch ein Bekannter von Nicolas die Privatarmeen in Brazzaville. Diesmal spitze ich die Ohren. Sie leben vom Schmuggel, sagt er. Einer der Milizführer hat in der Nähe der früheren Tanzbar La Main Bleue einen kleinen Hafen, von dem Händler gegen Bezahlung nach Kinshasa übersetzen. Ich würde staunen, meint er, was dort los sei. Er habe einen Bekannten, dessen Chauffeur mich hinbringen könne. Wir stehen in der Lobby eines Hotels am Hafen. Ein niederländischer Journalist nickt mir zu – er will mitkommen.
Von da an geht alles rasend schnell. Nachdem der Chauffeur uns seiner Kontaktperson übergeben hat, reißen kleine Jungen uns das Gepäck aus der Hand und laufen damit den schmalen Weg zum Fluß hinunter. Männer mit schweren Lasten auf dem Kopf kommen uns entgegen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Soldaten treiben uns weiter, ans Wasser, wo Frauen in grellfarbigen pagnes, wie die Gewänder der Frauen hier heißen, das Ausladen ihrer Waren und den Weitertransport durch Träger beaufsichtigen. Sie lachen ungläubig, als wir den Weg heruntergeschlittert kommen. Weiße – benutzen die jetzt auch schon diesen Schleichweg?
Kaum sitze ich im Boot, fällt die Unsicherheit von mir ab. Der gemütliche Betrieb in dem kleinen Hafen, das rostbraune Wasser des Kongo, das gegen die verwitterten Planken unseres Bootes schwappt, der alte Mann, der routiniert seine Paddel eintaucht, die widerhallenden Stimmen: Das kenne ich, das ist mir vertraut. Ich bin zwischen den Fernsehbildern durchgeschlüpft und im normalen Leben dahinter gelandet.
Unser Bootsführer hat es eilig – in einer halben Stunde ist es dunkel, und bis dahin muß er wieder in Brazza sein. »Habt ihr Kontakt zu den Soldaten der Alliance?« fragt er besorgt. »Wir? Nein.« Wir suchen das Ufer ab. »Hoffentlich schießen die nicht auf uns.«
Aber der kleine Strand, an dem wir anlegen, ist leer. Erst als wir die Böschung hinaufsteigen, sehen wir halb verborgen unter einem Baum ein Auto stehen.
»Taxi?« Wir werfen unsere Taschen in den Kofferraum und fahren in die Stadt.

Mein belgischer Gastgeber Guido holt mich im Hotel Intercontinental ab. Schlank und hochgewachsen, Bürstenhaarschnitt, wachsame Augen – vor Jahren war er beim Militär. Er nimmt meinen Koffer und geht federnden Schrittes zum Ausgang. Draußen wettert er los: In der Lobby habe sich General Kikunda, ein Halunke ersten Ranges, seelenruhig mit einigen von den Neuen, wie die Rebellen genannt werden, unterhalten!
Es ist dunkel, und ich verstehe jetzt Guidos leichtes Zögern am Telefon: Außer uns ist praktisch niemand unterwegs. Abends bleiben die Kinois lieber zu Hause, denn es wird immer noch geplündert. Nicht alle Soldaten aus Mobutus gefürchteter Spezialeinheit DSP, der Division Spéciale Présidentielle, sind geflohen; einige haben sich den Rebellen als Führer zur Verfügung gestellt.
Über den verlassenen Boulevard Lumumba fahren wir in den Vorort Limete, in dem Guido mit seiner kongolesischen Frau Christine wohnt. Ein magerer Wachmann öffnet das eiserne Tor in der Mauer, die das Haus umgibt. Papa Jacques schläft in der Holzhütte am Eingang und scheint mir nicht die Statur zu haben, um sich Plünderern entgegenzustellen, aber nach Guidos Worten besitzen alle Nachtwächter kleine Plastikpfeifen, mit denen sie sich bei Gefahr gegenseitig warnen.
Christine sitzt vor dem Fernseher auf dem Sofa. Seit Tagen tut sie nichts anderes mehr, gesteht sie, nur so kann sie herausfinden, was in der Stadt vor sich geht. In der Cité versammeln sich jubelnde Menschen um die schwelenden Leichen von Mobutisten, die mit einem brennenden Autoreifen um den Hals zu Tode gekommen sind, ein Brauch aus Südafrika, der sich über den ganzen Kontinent verbreitet hat. Guido ist empört. »Die Kleinen zerren sie aus ihren Häusern«, sagt er, »aber aalglatte Typen wie General Kikunda kommen ungeschoren davon.«
Christine zeigt mir mein Zimmer am Ende eines langen Flurs, der das Wohnzimmer von den Schlafzimmern trennt. Meine Tür sieht aus, als wäre sie mit einer Machete aufgebrochen worden. Unversehens stehe ich mit der Klinke in der Hand da. »Ist bei euch auch geplündert worden?«
»Nein, nein, das ist noch vom letzten Mal«, sagt Christine. »Wir haben alles so gelassen; man weiß ja nie, wann es wieder soweit ist.«
Christine stammt wie Kabila aus Katanga und hat den Vormarsch ihres »Bruders« mit Spannung verfolgt. Sie ist auf die Straße gelaufen, als die kadogos – die Kleinen, wie die Kindersoldaten genannt werden – in die Stadt einmarschiert sind. Was hat man ihnen für mythische Kräfte angedichtet! Kugeln könnten sie nicht treffen, hieß es, ihre Gummistiefel seien minensicher, sie hätten Geräte, mit denen sie aus großer Entfernung Waffen aufspüren könnten. Für Christine waren sie nichts als ein armseliger Haufen. Matratzen auf dem Kopf, da und dort ein Koffer; manche hatten nur eine Sandale an, andere nur eine Socke. Die Kinois schrien, lachten, wollten mit ihnen reden und stellten dann verwundert fest, daß sie sie nicht verstanden. »Speak not, speak not«, sagten die Soldaten.
Vor dem Fernseher trinke ich mein erstes Tembo-Bier seit elf Jahren, und ein Gefühl des Triumphs überkommt mich bei dem Gedanken, daß ich gestern noch einsam durch Brazzaville gelaufen bin und jetzt in einem Wohnzimmer in Kinshasa sitze. In dieser Nacht schlafe ich beim Rattern der Klimaanlage ein, glücklich wie ein heimgekehrtes Kind und doch auch mit der leichten Unruhe, die man empfindet, wenn man in eine neue, fremde Stadt kommt.

aus: Lieve Joris: Der Tanz des Leoparden
© Piper Verlag, 2004


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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