|
Verlag: Dtv
ISBN: 978-3423210034
Seiten: 272
Einband: broschiert
Erschien: Juli 2007
bequem online bestellen:

|
|  |
 |
Textauszug aus: Henning Mankell, „Der Chronist der Winde”, Roman
Verwundert lauschte Nelio ihren
Erzählungen, und er stellte fest, daß er
einer der Ihren war, sie hatten die gleiche Herkunft
und die gleichen Erfahrungen. In ihren Geschichten erkannte
er sich selbst wieder, ebenso wie sie alle das verbrannte
Dorf in sich trugen. Oft, wenn er im Bauch des Pferdes
lag und auf den Schlaf wartete, dachte er, es sei, als
hätte dieselbe Mutter sie alle geboren. Eine Frau,
einst jung und voller Kraft, später jedoch von
Banditen, von Monstern, von Armut herabgewürdigt
zu einem zahnlosen, geduckten Schatten. Er wußte,
daß es das war, was sie wirklich verband, nichts
zu besitzen, mit Widerwillen in die Welt geboren zu
sein, oder hinausgeworfen in ein Elend, das von Banditen
und Monstern geschaffen worden war.
Ihre Aufgabe im Leben war: zu überleben.
Tagsüber sah er im Zentrum der Stadt die Reichen
auf den breiten Avenues aus ihren glänzenden Autos
steigen und wieder wegfahren, weiße Männer,
schwarze Männer, Inder. Von Cosmos hatte er erfahren,
was diese Autos kosteten. Die Summe war so schwindelerregend,
daß es war, als hätte Cosmos von der Entfernung
zu einem Stern gesprochen und nicht vom Preis eines
Autos. Wenn er diese Reichen betrachtete, konnte Nelio
zugleich seine eigene Armut sehen. Zwischen den Reichen,
die offenbar dauernd in eiligen Angelegenheiten unterwegs
waren, und dem Rudel der Straßenkinder gab es
einen Abgrund, den er sich täglich öffnen
sah. Sie überquerten ihn, wenn sie rasch zur Stelle
waren und baten, das Auto waschen oder bewachen zu dürfen,
während der schwarze, weiße oder indische
Mann, der mit seinem Aktenkoffer ausstieg, seine bedeutenden
Aufträge erledigte. Nelio hatte Cosmos einmal gefragt,
wer diese Männer seien, was sie in ihren Aktenkoffern
hätten, und wieso sie immer so beschäftigt
wirkten. Cosmos hatte keine Antwort gehabt, aber zugegeben,
daß es wertvoll sein könnte, es in Erfahrung
zu bringen. Bei einer günstigen Gelegenheit hatte
er Mandioca und Tristeza angewiesen, ein Auto aufzubrechen
und den Aktenkoffer zu stehlen, der darin lag. Anschließend
hatten sie hinter der Tankstelle Schutz gesucht und
den Koffer untersucht. Mandioca hatte phantasiert, er
wäre voller Geld. Aber als sie die Schlösser
öffneten und den Deckel aufklappten, hatten da
nur die vertrockneten Reste einer Eidechse gelegen.
Es war ein magischer Augenblick, denn niemals hätten
sie sich vorgestellt, eine tote Eidechse könnte
das Geheimnis der großen Reichtümer sein.
-Sie tragen Kästen mit toten Tieren herum, sagte
Cosmos gedankenvoll. Vielleicht sind es spezielle Eidechsen,
die vor bösen Geister schützen?
-Es ist eine gewöhnliche Eidechse, sagte Mandioca,
nachdem er sie genommen, gründlich studiert und
schließlich beschnüffelt hatte.
-Irgendwas muß es aber bedeuten, meinte Cosmos.
-Laßt uns jedenfalls deutlich machen, daß
wir jetzt wissen, was in ihren Koffern ist, sagte Nelio.
Woher ihm diese Idee gekommen war, wußte er nicht,
genausowenig wie bei so vielem anderem, was in seinem
Kopf vorging. Er stellte sich vor, es gäbe da einen
heimlichen Raum, wo die überraschenden Gedanken
auf einen günstigen Moment warteten, um in die
Freiheit zu entschlüpfen.
-Wie machen wir das, ohne daß sie uns erwischen?
fragte Cosmos.
Nelio überlegte. Plötzlich wußte er
es.
-Wir fangen eine lebende Eidechse und stecken sie in
den Koffer, sagte er. Dann legen wir ihn zurück
ins Auto. Mandioca und Tristeza knacken die Autotür
so, daß man nichts merkt. Der Mann bekommt etwas,
worüber er grübeln kann, solange er lebt.
Wir haben jetzt die Macht über ihn. Wir wissen,
wie es zugegangen ist. Er weiß es nicht.
Cosmos nickte. Dann rief er Alfredo Bomba und erteilte
ihm den Auftrag, sofort eine der Eidechsen zu fangen,
die an den Baumstämmen auf und ab huschten oder
sich in den Ritzen der Hausfassaden versteckten. Alfredo
Bomba stellte sich regungslos neben einen Baum, legte
seine Hand an den Stamm und wartete, bis eine Eidechse
ganz in der Nähe war. Dann ruckte er mit dem Handgelenk,
und die Eidechse steckte zwischen seinem Daumen und
Zeigefinger fest.
Nelio wollte wissen, wie er diese Kunst gelernt hätte.
Alfredo Bomba hatte sich über die Frage gewundert.
-Ich habe den Eidechsen abgeschaut, wie sie die Insekten
fangen, sagte er.
Da es Tristeza war, der das Auto bewachte, konnten Mandioca
und Tristeza ungehindert die Autotür noch einmal
öffnen und den Koffer zurückstellen. Als der
Besitzer des Wagens zurückkam, gab er Tristeza
einen Schein über ganze 5000, weil er das Auto
so gut gehütet hatte.
aus: Henning Mankell: Der Chronist der Winde
© Paul Zsolnay Verlag, 2000
Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!
|