Dienstag, 25. Juli 2017


Leseprobe zu Der Chronist der Winde





Der Chronist der Winde
Verlag: Dtv
ISBN: 978-3423210034
Seiten: 272
Einband: broschiert
Erschien: Juli 2007

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Textauszug aus: Henning Mankell, „Der Chronist der Winde”, Roman

Verwundert lauschte Nelio ihren Erzählungen, und er stellte fest, daß er einer der Ihren war, sie hatten die gleiche Herkunft und die gleichen Erfahrungen. In ihren Geschichten erkannte er sich selbst wieder, ebenso wie sie alle das verbrannte Dorf in sich trugen. Oft, wenn er im Bauch des Pferdes lag und auf den Schlaf wartete, dachte er, es sei, als hätte dieselbe Mutter sie alle geboren. Eine Frau, einst jung und voller Kraft, später jedoch von Banditen, von Monstern, von Armut herabgewürdigt zu einem zahnlosen, geduckten Schatten. Er wußte, daß es das war, was sie wirklich verband, nichts zu besitzen, mit Widerwillen in die Welt geboren zu sein, oder hinausgeworfen in ein Elend, das von Banditen und Monstern geschaffen worden war.
Ihre Aufgabe im Leben war: zu überleben.
Tagsüber sah er im Zentrum der Stadt die Reichen auf den breiten Avenues aus ihren glänzenden Autos steigen und wieder wegfahren, weiße Männer, schwarze Männer, Inder. Von Cosmos hatte er erfahren, was diese Autos kosteten. Die Summe war so schwindelerregend, daß es war, als hätte Cosmos von der Entfernung zu einem Stern gesprochen und nicht vom Preis eines Autos. Wenn er diese Reichen betrachtete, konnte Nelio zugleich seine eigene Armut sehen. Zwischen den Reichen, die offenbar dauernd in eiligen Angelegenheiten unterwegs waren, und dem Rudel der Straßenkinder gab es einen Abgrund, den er sich täglich öffnen sah. Sie überquerten ihn, wenn sie rasch zur Stelle waren und baten, das Auto waschen oder bewachen zu dürfen, während der schwarze, weiße oder indische Mann, der mit seinem Aktenkoffer ausstieg, seine bedeutenden Aufträge erledigte. Nelio hatte Cosmos einmal gefragt, wer diese Männer seien, was sie in ihren Aktenkoffern hätten, und wieso sie immer so beschäftigt wirkten. Cosmos hatte keine Antwort gehabt, aber zugegeben, daß es wertvoll sein könnte, es in Erfahrung zu bringen. Bei einer günstigen Gelegenheit hatte er Mandioca und Tristeza angewiesen, ein Auto aufzubrechen und den Aktenkoffer zu stehlen, der darin lag. Anschließend hatten sie hinter der Tankstelle Schutz gesucht und den Koffer untersucht. Mandioca hatte phantasiert, er wäre voller Geld. Aber als sie die Schlösser öffneten und den Deckel aufklappten, hatten da nur die vertrockneten Reste einer Eidechse gelegen. Es war ein magischer Augenblick, denn niemals hätten sie sich vorgestellt, eine tote Eidechse könnte das Geheimnis der großen Reichtümer sein.
-Sie tragen Kästen mit toten Tieren herum, sagte Cosmos gedankenvoll. Vielleicht sind es spezielle Eidechsen, die vor bösen Geister schützen?
-Es ist eine gewöhnliche Eidechse, sagte Mandioca, nachdem er sie genommen, gründlich studiert und schließlich beschnüffelt hatte.
-Irgendwas muß es aber bedeuten, meinte Cosmos.
-Laßt uns jedenfalls deutlich machen, daß wir jetzt wissen, was in ihren Koffern ist, sagte Nelio.
Woher ihm diese Idee gekommen war, wußte er nicht, genausowenig wie bei so vielem anderem, was in seinem Kopf vorging. Er stellte sich vor, es gäbe da einen heimlichen Raum, wo die überraschenden Gedanken auf einen günstigen Moment warteten, um in die Freiheit zu entschlüpfen.
-Wie machen wir das, ohne daß sie uns erwischen? fragte Cosmos.
Nelio überlegte. Plötzlich wußte er es.
-Wir fangen eine lebende Eidechse und stecken sie in den Koffer, sagte er. Dann legen wir ihn zurück ins Auto. Mandioca und Tristeza knacken die Autotür so, daß man nichts merkt. Der Mann bekommt etwas, worüber er grübeln kann, solange er lebt. Wir haben jetzt die Macht über ihn. Wir wissen, wie es zugegangen ist. Er weiß es nicht.
Cosmos nickte. Dann rief er Alfredo Bomba und erteilte ihm den Auftrag, sofort eine der Eidechsen zu fangen, die an den Baumstämmen auf und ab huschten oder sich in den Ritzen der Hausfassaden versteckten. Alfredo Bomba stellte sich regungslos neben einen Baum, legte seine Hand an den Stamm und wartete, bis eine Eidechse ganz in der Nähe war. Dann ruckte er mit dem Handgelenk, und die Eidechse steckte zwischen seinem Daumen und Zeigefinger fest.
Nelio wollte wissen, wie er diese Kunst gelernt hätte.
Alfredo Bomba hatte sich über die Frage gewundert.
-Ich habe den Eidechsen abgeschaut, wie sie die Insekten fangen, sagte er.
Da es Tristeza war, der das Auto bewachte, konnten Mandioca und Tristeza ungehindert die Autotür noch einmal öffnen und den Koffer zurückstellen. Als der Besitzer des Wagens zurückkam, gab er Tristeza einen Schein über ganze 5000, weil er das Auto so gut gehütet hatte.

aus: Henning Mankell: Der Chronist der Winde
© Paul Zsolnay Verlag, 2000


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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