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Verlag: Droemer/Knaur
ISBN: 978-3426778357
Seiten: 320
Einband: Taschenbuch
Erschienen: 2005
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Textauszug aus: Senait G. Mehari, „Feuerherz”
Wir fliehen
Die Gleichmäßigkeit und Sicherheit, die den Alltag bei meinen Großeltern geprägt hatten, waren dahin. Im Haus meines Vaters regierten Unbeständigkeit, Aufregung und Unsicherheit. Schon ein halbes Jahr nach meiner Ankunft, als ich mich eben halbwegs eingelebt hatte, mussten wir packen, denn meine neue Familie zog weiter. Unsere Habe passte mühelos in einige wenige Plastiktüten und Jutesäcke: ein paar Schüsseln und Töpfe, ein Kocher, eine Kaffeekanne, ein Transistorradio, eine Mappe mit Dokumenten und Fotos, ein paar Decken und unsere Kleider, von denen wir nicht viel mehr hatten als das, was jeder von uns am Leib trug, das war alles.
Wir mussten fortziehen, weil immer mehr Soldaten durch unser Dorf kamen und uns bedrohten. Nachts hörten wir oft Schüsse, wie ich es bereits aus Asmara gewohnt war, und ein dumpfes Grollen, vor dem ich anfangs große Angst hatte, weil ich es nicht kannte. Ich dachte, die Erde bebt oder es naht ein gewaltiges Gewitter, bis mir meine Schwestern erklärten, dass diese Geräusche vom Krieg kommen und von sehr großen Gewehren gemacht werden, die man Geschütze nennt.
Wir boten einen erbärmlichen Anblick, als wir uns auf den Weg machten: Unser Vater, seine Frau, die zerlumpte Kinderschar, alle waren mit Säcken, Decken und dem restlichen Kleinkram beladen. Weder hatten wir ein Kamel noch ein Auto - Autos gab es damals für Privatpersonen nicht, selbst wenn wir uns eines hätten leisten können -, also mussten wir uns auf unserer Reise auf die überfüllten Ladeflächen von Lastautos quetschen, die in unsere Richtung fuhren oder den durch den Krieg aus dem Takt geratenen Busverkehr ersetzten. Das Leben unterwegs war kein Vergnügen. Es gab nichts zu essen, kaum zu trinken, keine Ruhe, um zu schlafen, und keine Gewissheit, wohin die Reise gehen sollte. Mein Vater litt unter der Situation. Er ließ seiner Unruhe und Unzufriedenheit freien Lauf, indem er uns bei jeder nur denkbaren Gelegenheit schlug, trat oder bespuckte. Nachts rasteten wir meistens am Straßenrand. Wir hörten wieder das Donnergrollen der Artillerie und das Dröhnen von Flugzeugen, die über uns ihre Bahnen zogen, um ihre Bombenlast auf nahen Städten abzuladen. Die Flugzeuge waren nur zu erahnen, weil sie ohne Positionslichter flogen. Wir hörten bloß ihr Brummen und sahen, wie sich die Erwachsenen angsterfüllt duckten. Meine Angst wuchs.
Unsere Familie war nicht auf einer Reise unterwegs, sondern auf der Flucht. Auf unseren Fahrten und Märschen sah ich erstmals die Folgen des Krieges: zerstörte Dörfer, ausgebrannte Häuser, zerschossene, zerbeulte und verkohlte Kanonen und Fahrzeuge am Straßenrand. Doch was wir hier sahen, war noch nicht die ganze Geschichte. Es war nur der Anfang eines noch viel größeren Elends. Auf der Suche nach einer neuen Bleibe landeten wir wieder in einer aus Holz und Holzresten erbauten Hütte. Sie befand sich am Rande eines abgelegenen Dorfes in einer bergigen Landschaft. Es war fast eine kleine Stadt mit zwar ebenerdigen, aber gemauerten Gebäuden, die entlang einer Hauptstraße und ein paar Nebenstraßen standen. Hier gingen wir wieder zur Schule. Das »Schulgebäude« war nicht mehr als ein Dach ausWellblech und ein paar alten Baumaterialien, das ein Stück steinigen Bodens beschattete. Alle saßen im Staub, die Lehrerin uns gegenüber. Es gab weder Bücher noch Hefte oder andere Unterrichtsmaterialien, nur eine kleine Schiefertafel für die Lehrerin, auf die sie mit Kreidesteinen Zahlen und Buchstaben malte. Trotzdem hingen alle wie gebannt an ihren Lippen. Niemand störte, blödelte oder beschäftigte sich mit etwas anderem, denn der Schulbesuch hatte etwas von einem Gottesdienst. Wir waren froh, uns mit Erfreulicherem beschäftigen zu können als mit Krieg, Flucht und Not. Diese ländlichen Schulen wurden von den Befreiungsarmeen organisiert - in diesem Fall von der ELF, der Eritrean Liberation Front, für die mein Vater gekämpft hatte. Unter dem Wellblechdach in der Steinwüste erfuhren wir erstmals von den ELF-Ideen eines freien, sozialistischen und aufstrebenden Eritreas, und uns wurden die entsprechenden Slogans, Lieder und Träume eingepflanzt. Außerhalb der Schule gab es nur die mörderische Hitze, die Steine, die Dornen und das Gestrüpp rund umunser Schulgebäude - und die Nebenwirkungen des Krieges: die Gefechtsgeräusche, die Not, den Hunger und die angespannten bis aggressiven Erwachsenen. Da war es am besten, aufmerksam dem Unterricht zu folgen, der Welt des Krieges zu entfliehen und in eine andere, eine bessere Welt einzutauchen. Damals war ich sechs Jahre alt.
aus: Senait G. Mehari: Feuerherz © Droemer/Knaur Verlagsgruppe, 2oo4
Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!
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