Donnerstag, 22. Juni 2017


Leseprobe: „Das Herz des Jägers”






Das Herz des Jägers
Verlag: Rütten & Loening
ISBN: 3-352-00727-6
Seiten: 409
Einband: gebunden mit Schutzumschlag
Erschien: August 2005

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Textauszug aus: Deon Meyer, „Das Herz des Jägers”, Thriller aus Südafrika




Thobela hielt seine Tasche auf dem Schoß, er fühlte sich immer einsamer. Seit über einem Jahr lebte er nun mit Miriam zusammen, mehr als ein Jahr hatte er die Abende mit seiner Familie verbracht, und plötzlich war er wieder so allein, wie er es früher gewesen war.
Er fragte sich, was er davon eigentlich hielt. Fehlte ihm die Freiheit? Die Antwort überraschte ihn, denn das Alleinsein befriedigte ihn nicht. Er hatte sich ein Leben lang nur auf sich allein verlassen, und dann hatten Miriam und Pakamile sein Leben in nur zwölf Monaten vollkommen umgekrempelt. Er wollte bei ihnen sein, nicht hier.
Aber er mußte diese Sache hier zu Ende bringen.
Der Johnny Kleintjes, den er kannte, hätte sich niemals verkauft. Irgend etwas mußte den alten Mann verändert haben. Wer konnte schon wissen, was tief in den innersten Zirkeln der neuen Regierung und des neuen Geheimdienstes vor sich ging? Es war nicht unmöglich, nur unwahrscheinlich: Johnny Kleintjes war integer und loyal. Ein starker Mann mit Charakter. Thobela würde ihn fragen, wenn er ihn traf, wenn er die Festplatte übergab und Johnny sein Geld bekam. Wenn alles gut ausgegangen war. Das mußte es. Er hatte keine Lust auf Ärger, nicht mehr.
Dann standen sie neben ihm, zwei graue Anzüge. Er hatte sie nicht kommen sehen, und als sie neben ihm auftauchten, schrak er zusammen, er war wirklich vollkommen außer Übung.
»Mr. Mpayipheli«, sagte einer.
»Ja.« Er war überrascht, daß sie seinen Namen kannten. Sie preßten sich dicht an ihn und hinderten ihn daran aufzustehen.
»Wir möchten, daß Sie mit uns mitkommen.«
»Warum?«
»Wir vertreten den Staat«, sagte der zweite und hielt ihm eine Ausweiskarte vor die Augen – Foto und Staatswappen.
»Mein Flug geht gleich«, sagte er. Plötzlich war sein Kopf klar, sein Körper reagierte endlich.
»Heute abend nicht«, sagte Nummer eins.
»Ich will niemandem weh tun«, sagte Thobela Mpayipheli.
Die beiden lachten, sie amüsierten sich über ihn. »Ach wirklich?«
»Bitte.«
»Es tut mir leid, aber Sie haben keine Wahl, Mr. Mpayipheli.« Der Mann klopfte auf die blaue Tasche. »Der ¬ Inhalt …«
Wieviel wußten sie? »Bitte hören Sie zu«, sagte Thobela. »Ich will keinen Ärger.«
Der Agent hörte die Verzweiflung in der Stimme des großen Xhosas. Er hat Angst, dachte er. Mach dir das zunutze. »Wir können Ihnen mehr Probleme bereiten, als Sie sich je vorstellen können«, sagte er und zog seinen Jackettaufschlag ein wenig zur Seite, um den Stahlgriff seiner Pistole im schwarzen Schulterholster zu zeigen. Er streckte die Hand nach der Sporttasche aus. »Kommen Sie«, sagte er.
»Na gut«, sagte Thobela Mpayipheli. In den Sekundenbruchteilen, die der Agent brauchte, um die Sporttasche zu greifen, mußte er eine Entscheidung treffen. Er hatte etwas aus ihrem Verhalten geschlossen: Sie wollten kein Aufsehen. Sie wollten ihn still und leise hier herausführen. Er sah das Jackett von Nummer eins aufklaffen, als der Arm sich zur Tasche ausstreckte. Er sah den Griff der Pistole, packte zu und zog sie aus dem Holster, er drehte sie um und stand auf. Nummer eins hatte die Tasche in den Händen und riß erschrocken die Augen auf. Thobela beugte sich zu ihm her¬ über; der Lauf der Pistole zielte direkt auf sein Herz. Nummer zwei stand hinter Nummer eins. Die anderen Passagiere in der Wartehalle hatten noch nichts mitbekommen.
»Ich will keinen Ärger. Geben Sie mir einfach meine ¬ Tasche zurück.«
»Was soll das?« fragte Nummer zwei.
»Er hat meine Pistole«, zischte Nummer eins.
»Sie nehmen die Tasche«, sagte Thobela zu Nummer zwei.
»Was?«
»Nehmen Sie ihm die Tasche ab und legen Sie Ihre Pistole hinein.« Er drückte mit der Pistole, die er in der Hand hielt, kräftig gegen die Brust von Nummer eins; er achtete darauf, ihn als Schutzschild zwischen sich und Nummer zwei zu belassen.
»Tu, was er sagt«, sagte Nummer eins leise.
Nummer zwei war unsicher, sein Blick wanderte zu den Passagieren, die in der Abflughalle warteten; er versuchte, sich zu entscheiden.
Schließlich sagte er: »Nein.« Er zog seine Pistole, hielt sie aber noch unter dem Jackett verborgen. »Tu, was er sagt«, flüsterte Nummer eins drängend.
»Verdammt, Willem.«
Thobela ließ seine Stimme betont verständnisvoll und ruhig klingen. »Ich möchte bloß meine Tasche. Ich kann nicht gut mit Revolvern umgehen.
Hier sind jede Menge Leute. Vielleicht würde jemand verletzt werden.«
Unentschieden. Thobela und Willem eng beieinander, Nummer zwei einen Meter entfernt.
»Teufel, Alfred, mach schon, was dieser Scheißkerl will! Wo soll er schon hin?«
»Das kannst du dem Chef erklären.« Alfred nahm Willem langsam die Tasche ab, öffnete den Reißverschluß, legte seine Pistole hinein, zog den Reißverschluß wieder zu und stellte sie vorsichtig auf den Boden, als wäre der Inhalt zerbrechlich.
»Jetzt setzt ihr euch beide hin.«
Die Agenten gehorchten langsam.
Thobela nahm die Sporttasche, steckte Willems Pistole in die Hosentasche, behielt sie aber noch in der Hand, und dann ging er zum Passagierausgang, er schaute sich zur Sicherheit um. Nummer eins und Nummer zwei, Willem und Alfred, einer weiß, einer braun, starrten ihm mit ausdruckslosem Gesicht hinterher.
»Sir, Sie können nicht …«, sagte die Frau am Ausgang, da jedoch war er schon an ihr vorbei, er war draußen, auf der Startbahn. Ein Sicherheitsmann rief ihm etwas hinterher und winkte, aber er lief aus dem Lichtschein des Gebäudes hinaus in die Dunkelheit.

aus: Deon Meyer: Das Herz des Jägers
© Rütten und Loening Berlin GmbH, 2oo5


Wir danken der Rütten und Loening Berlin GmbH für die Veröffentlichungserlaubnis.


 
   

   
  
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