Montag, 11. Dezember 2017


Leseprobe zu „Regenzauber. Auf dem Niger ins innere Afrikas”





Regenzauber
Verlag: Frederking & Thaler
ISBN: 3-89405-249-X
Seiten: 567
Einband: broschiert
Erschien: April 2005

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Textauszug aus: Michael Obert, „Regenzauber. Auf dem Niger ins innere Afrikas”, literarischer Reisebericht



3. Buch, Kapitel 4: Im Norden Nigerias

Ein grauenhaftes Geräusch riss uns aus dem Schlaf. Es schwankte zwischen den panischen Schreien kleiner Kinder und dem Gebrüll von Raubkatzen, die sich grausame Wunden zufügten. Es schlang sich um die Bäume vor unserer Hütte, verhedderte sich im Geäst, in den Zweigen, den Dornen und brach sich, wie Knochen in einer Mühle brechen, wurde etwas schwächer, schwoll erneut an, bohrend, surrend, quiekend, und endete in einem bösartigen Fauchen.
"Jesus Christus!", presste Sunday heraus und bekreuzigte sich dreimal.
"Mohammed!", rief ich. "Mohammed, was war das?"
Mohammed saß wie gelähmt auf seiner Matte und starrte auf eine Türritze, durch die das erste Tageslicht hereinsickerte und sich zögernd auf dem Boden ausbreitete wie die giftigen Ausdünstungen des unheimlichen Geräuschs.
"Ich wusste nicht, dass es so schnell beginnen würde", stammelte er.
"Ich . . ."
"Was beginnt, Kyede?", keuchte Sunday und suchte im Halbdunkel nach seiner Flasche.
"Der Ndako Gboya", flüsterte Mohammed. "Der Ndako Gboya will das Dorf sauber machen."
"Der Ndako Gboya?"
"Er ist mächtig, mächtig und gefährlich. Er haust im Busch - niemand weiß, wo. Der Hexenjäger ruft ihn, und der Ndako Gboya kommt und findet die Hexen, alle Hexen im Dorf."
"Der Hexenjäger?", fragte ich aufgeregt. "Der Mann von gestern Nacht?"
Mohammed nickte.
"Ein Hexenjäger?", japste Sunday und stopfte hastig das Leintuch in seine Tasche. "Schnell! Brechen wir auf, solange wir noch Zeit haben."
"Keine Zeit mehr", murmelte Mohammed, den Blick noch immer auf den Lichtstreifen geheftet, der das Dunkel der Hütte durchschnitt wie eine staubige Klinge. "Der Hexenjäger hat Gonkozhingi bereits verschlossen. Er hat einen unsichtbaren Faden um das Dorf gespannt. Wer ihn zerreißt, stirbt."
Ich sah durch einen Spalt im Fenster. Die Wege Gonkozhingis waren verlassen. Es herrschte eine Stille wie vor einer Naturkatastrophe. Während ich die Umgebung nach einem Hinweis auf den Ursprung des Geräuschs absuchte, erinnerte ich mich an einen Bericht von Siegfried F. Nadel, dem zufolge es in Bida, der Hauptstadt Nupes, im Januar 1932 zu einem regelrechten Ausbruch von Hexerei gekommen war. Die hysterische Menge hatte damals drei Frauen zu Tode gesteinigt. Ich drückte mein Auge noch dichter an den Spalt und erkannte zwei Sandhaufen, hinter denen ein Weg in den Busch führte. Tuchfetzen flatterten in den Ästen der umstehenden Bäume. Am Boden lagen getrocknete Schildkrötengehäuse, und dann sah ich ihn: den Ndako Gboya. Einen schlanken Zylinder aus weißem Tuch, fünf Meter hoch, ohne jedes menschliche oder tierische Merkmal. Er wuchs aus dem Busch wie ein riesiger, bleicher Finger und stand einfach nur da, und obwohl ich keine Augen erkannte, war ich sicher, dass er das Dorf anstarrte, jede einzelne Hütte - stumm und regungslos. Nur der Wind zog hier und da an seiner zerknitterten weißen Haut.
"Hexen!", flüsterte Mohammed hinter mir. "Der Ndako Gboya verbrennt sie. Oder er erwürgt sie. Er will die Erde nicht mit ihrem Blut beschmutzen. Ihre Körper werden in den Wald geworfen."
Plötzlich fegte ein einzelner Trommelschlag durch das Dorf, trocken und laut wie ein Kanonenschuss. Ich blinzelte irritiert, und als meine Augenlider wieder nach oben schnellten, war der Ndako Gboya verschwunden, als sei er verpufft oder in eins der leeren Schildkrötengehäuse gefahren.
"Und was geschieht jetzt?", fragte ich unsicher, das Auge noch immer am Spalt.
"Ich war noch nie bei einer solchen Zeremonie dabei", sagte Mohammed.
"Früher verlangten die Hexenjäger so viel Geld für ihre Arbeit, dass die Leute die Steuern nicht mehr bezahlen konnten. Die Regierung hat den Ndako Gboya verboten. Doch er ist ein mächtiger Geist. Er lässt sich nicht verbieten. Die Hexen sind gefährlich, und nur der Ndako Gboya kann sie vernichten."
Draußen raschelte etwas, und ich dachte gerade an eine Maus oder eine Schlange, als sich ein Auge vor den Spalt schob und mich anstarrte. Ich schrie vor Schreck auf, taumelte rückwärts, stolperte über Sundays gepackte Tasche und riss beim Sturz das Mückennetz von der Decke. Die Tür wurde aufgestoßen, und ein großer Mann mit schlichtem Hüfttuch und nacktem Oberkörper schob sich ins Gegenlicht wie ein Scherenschnitt.
"Lauf, lauf! Der Ndako Gboya holt dich ein!", sagte er tonlos.
Seine Leopardenaugen glühten. Ich erkannte ihn auch ohne das weiße Puder, das in der vorangegangenen Nacht auf dem Erdwall sein Gesicht bedeckt hatte. Der Hexenjäger sagte nichts weiter. Er trat wieder hinaus, und als das Licht auf seinen Rücken fiel, sah ich, dass seine Haut mit Narben übersät war. Sie sahen aus wie schlecht verheilte Schusswunden.
Wir machten uns zum Versammlungsplatz auf. Die Dorfbewohner trugen frische Einschnitte an Schläfen und Gelenken. Ihre Haut war mit Pflanzenpasten eingerieben. Amulette, magische Ringe und Ketten baumelten an ihren Körpern. Einige beteten im Gehen.
"Wovor haben die Leute Angst, Mohammed?", flüsterte ich, während wir dem Strom der Dorfbewohner folgten.
"Die Hexen", antwortete er so leise, dass ich ihn kaum verstand. "Du fischst nachts auf dem Fluss. Sie schlagen ihre Zähne in deine Brust, sie reißen dein Herz heraus. Wenn dein Kanu gefunden wird, ist es voller Blut, doch dein Körper ist verschwunden."
Neben uns gingen zwei Jugendliche in zerschlissenen Turnhosen, die sich ständig vor uns verbeugten. Frauen in schwarzen Büstenhaltern überholten alte Männer, die sich auf knorrige Stöcke stützten. Der Versammlungsplatz lag unter einem Paukenschlägerbaum. Am Stamm häuften sich Flaschen mit trüben Flüssigkeiten und verschmiertes Essgeschirr aus Blech. Ich nahm an, dass der Ort auch als Schrein diente, doch ich sah nirgendwo Tierreste oder geronnenes Blut. Direkt gegenüber lag die kleine Moschee von Gonkozhingi.
"Ich kann es riechen, das Hexenzeug", schrie der Hexenjäger plötzlich, und die Menge verstummte.
Er ging barfuss, und die Sonne warf kleine, ausgefranste Schatten um die Narben auf seinem Oberkörper. Mächtige Venen pulsierten unter seiner straffen Haut.
"Das Hexenzeug ist hier! Hier in Gonkozhingi!", dröhnte er und stieß einen Speer aus verrostetem Eisen in den Boden; unter der gedrehten Spitze waren vier Glöckchen angebracht, in denen Angelhaken klingelten. "Ich rieche finstere Herzen, finstere Gedanken. Ich rieche Mordlust. Bei Gott, deshalb verschwinden die Männer auf dem Fluss", schrie er, und die Leopardenaugen sprühten Funken.
"Die Hexen schleichen sich nachts in den Busch. Sie entkleiden sich, legen sich auf den Rücken und nehmen das Pulver. Sie verwandeln sich in Flughunde. Sie schwirren über das Wasser, und wenn ein Fischer einschläft, reißen sie ihm die Haut vom Leib. Sie trinken sein Blut. Seinen Körper schleppen sie zum Hexenbaum und fressen ihn auf. Nichts bleibt von ihm übrig."
Mehrere Frauen jammerten und schlugen sich aus Trauer um ihre Männer mit den Fäusten auf die Brust.
"Und der Hexenhunger wird immer größer", schrie der Hexenjäger und hob beide Hände zum Himmel. "Hexen sind unersättlich. Sie fressen die Ungeborenen. Sie kommen durch die Dachspitze in euer Haus. Sie kriechen durch eure Nase und fressen euren Kehlkopf, eure Ohren, eure Augen, fressen eure Gebärmutter, Lunge, Herz, Hoden, fressen sich durch eure Haut, fressen euch, fressen euren Reis, euren Yams, euren Fisch, fressen ganz Gonkozhingi auf."
Ich roch Sundays Ausdünstungen und wusste, dass er jetzt gerne einen Schluck aus der Flasche genommen hätte. Doch sie war nicht griffbereit. Er sah zu Boden und seufzte. Seine Hände zitterten.
"In Gonkozhingi stinkt es nach Hexerei", tobte der Hexenjäger, schweißüberströmt. "Es stinkt nach Hexerei und Aas, nach Menschenaas, Menschenaas in schlechten Bäuchen. Deshalb hat mich euer Chief kommen lassen. Jetzt ist eure Zeit um, Seelenfresser! Lauft, lauft! Der Ndako Gboya holt euch ein!"
Bevor der Hexenjäger tätig wurde, wollte er bezahlt werden. Seine Forderungen waren wohl astronomisch, denn ein hoch gewachsener Mann in mandelfarbenem Hemd stürmte auf ihn zu und schrie ihn auf Nupe an. Der Hexenjäger griff gelassen nach dem Eisenspeer und setzte die Spitze an einer Narbe unterhalb der linken Brust an, genau über seinem Herz. Er sah dem Mann liebevoll in die Augen und rammte den Speer in sich hinein. Ein Pfeifen ertönte, wie wenn Luft unter starkem Druck entweicht - pihf! -, dann schoss Blut aus seiner Brust und tränkte das Hemd des erstarrten Mannes. Das Gesicht des Hexenjägers verlor plötzlich seine Furcht erregende Ausstrahlung, als sei diese mit dem Pfeifen aus seinem Körper gewichen. Seine Züge entspannten sich, seine Augen nahmen ein gütiges Sonnengelb an, und seine Mundwinkel beschrieben das weitherzige Lächeln eines Großvaters, der seinen Lieblingsenkel auf dem Schoß trägt. Er stieß seine Finger in die blutende Wunde und zog etwas heraus, das aussah wie ein Wurm, wie ein blutverschmierter, auffallend dicker, weißer Wurm. Doch dann flutschte der leicht gepanzerte Kopf einer Albinoschlange aus der Wunde, und der Mann im Mandelhemd wich zwei Schritte zurück. Die Leute würgten, und die Kinder rannten in panischem Schrecken davon. Das Blut des Hexenjägers perlte vom aalglatten Körper der Schlange ab. Sie wand sich um seinen Arm und stieß ihre schwarze Zunge hervor. Ihre Augen waren giftgrün.
"Hexenmacht!", schrie der Hexenjäger und hielt die Schlange vor das Gesicht des entsetzten Mannes, ohne das Blut zu beachten, das noch immer aus seiner Wunde strömte. "Nur Hexenmacht schlägt Hexenmacht! Lauft, lauft!"
Die Leute eilten davon, um das Geld aufzutreiben ...


Wir danken Michael Obert für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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