Mittwoch, 24. Mai 2017


Leseprobe zu „Der Schrei der Hyänen






Der Schrei der Hyänen
Verlag: Piper
ISBN: 3-492-04611-8
Seiten: 303
Einband: gebunden
Erschien: Februar 2004

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Textauszug aus: Andrea Paluch / Robert Habeck, „Der Schrei der Hyänen”, Roman

1

Arabella wurde wach, als Frank aus dem Bett stieg. Sie wachte nie auf, wenn er zu ihr kam, und wurde so meist im Schlaf von ihm überrascht. Doch wenn er aufstand, erwachte sie jedesmal. Ihr Mann war über einen Meter neunzig groß und wog fast zweihundert Pfund. Wenn er sich zwischen den Hererohirten bewegte, sah es so aus, als striegelte sein blonder Bart ihre Köpfe.

Arabella schaute auf die Taschenuhr, die am Bettpfosten baumelte. Es war halb vier, Donnerstag nacht. Das Jahr 1904 war eine Woche alt. Zu Weihnachten hatte Frank ihr ein Waffeleisen geschenkt, sie ihm einen Gürtel genäht. Eva hatte sie ihre alten Sandalen vermacht.

Aus der Remise hörte sie die trächtige Kuh schreien. Der Schäferhund Troja bellte gegen das Brüllen an. Seit Arabella vor sechs Jahren auf der »Falke« angekommen war, hatte sie gelernt, wie man Rinder hält, daß sich Geburten durch ein Einfallen der Beckenknochen ankündigen, wie man sterbende Tiere an den gebrochenen Augen erkennt.

Sie schlief nur im Hemd, weil die Nacht entgegen der üblichen Mondkälte heiß geblieben war. Das neue Haus war noch nicht fertig. Zwar standen die Mauern, aber der Dachstuhl fehlte noch. Als Balken sammelte Frank Baumstämme aus dem Rivier, die Sonne und Wasser schon geschält hatten und die er mit der Vormilch der Jungkühe zum Schutz vor Holzwürmern einstrich.

Während der ersten drei Jahre hatten sie in der Hartebeesthütte gelebt, die Frank aus Astwerk, Binsen und Rinde zusammengezimmert hatte, nachdem ihm das Land überschrieben worden war. Um ein ordentliches Haus zu bauen, brauchte er nur die Steine von der Wasserstelle aufzulesen. Die Arbeit an dem Dachstuhl mußte jedoch zurückgestellt werden, weil die Raubtiere sich in diesem Jahr bis an die Verschläge herantrauten. Sonst hatten sich die Geparden und Schakale wohl an das Vieh der Schwarzen gehalten, aber die Rinderpest hatte große Teile der Hereroherden hinweggerafft. Sogar Löwenspuren, groß wie Teller, hatte Arabella eines morgens in der von ihr täglich aufgelockerten Erde ihres Gemüsebeetes gefunden. Daher mußte zuerst der Innenhof eingefriedet werden.

Obwohl die Nacht selbst für das Hemd eigentlich noch zu warm war, zog sie sich Hosen und eine Schürze über und schlüpfte in die Stiefel, bevor sie ihrem Mann folgte. Am Dreikönigstag waren schwere Gewitter über Südwest niedergegangen, aber anders als in Deutschland war die Luft danach nicht gereinigt, sondern klebrig geworden. In den Tagen danach konnte man zusehen, wie das Gras zur Blüte kam. Die Hererorinder bekamen wieder fette Euter und jeden Abend wurde in den Kralen getanzt.

Arabella ging durch die Hintertür auf den Hof hinaus. Das Karree, das von der Rückwand des Hauses mit der Remise an der rechten Flanke und dem Pferdestall an der linken um einen Wellblechbrunnen herum angelegt worden war, schien genau unter der Milchstraße zu liegen. Draußen war es hell und farblos. Der Weißdorn, der ihr Christbaum gewesen war, lehnte am Brunnenrand.

Sie stieg über die Wanne mit den Gedärmen des Gnus, das Frank am Abend geschossen und zum Ausbluten in den Waschraum gehängt hatte. Sie würde, was sie nicht verwursten konnte, pökeln müssen, wenn es nicht verderben sollte.

Im Schuppen brannte eine Tranlampe. Walöl war hier billiger als Petroleum.

Frank wandte sich um, als Arabella eintrat. Er war nackt bis auf seine alten Knobelbecher. Seine Körperhaare klebten auf der Haut, die Lampe flackerte und seine Schultern vibrierten im zuckenden Schein, ohne daß er sich bewegte. Er hatte die Nilpferdpeitsche in der Hand.

»Sie muß hoch. Das Kalb kann nicht raus.«

Tatsächlich lag die Kuh mit geblähtem Bauch in einer verdrehten Stellung so weit an die Wand gepreßt, daß man nicht hinter sie konnte. Arabella streichelte ihr über das feuchte Maul und die heißen Ohren. Das Fell war schweißnaß. Über den Körper lief ein Schauer.

»Man sieht die Hufe schon.« Arabella beugte sich über das Tier. Es roch nach Fruchtwasser. Ein kleines, mit milchiger Eihaut überzogenes Bein ragte aus der Kuh. Sie faßte es an. Das Horn des Hufs war weich.

Draußen meckerte eine Hyäne. Arabellas Nackenmuskel zog sich zusammen. Röchelnd sog Frank Schleim zusammen und spuckte aus. Dann trat er der Kuh mit der Stiefelspitze in die Seite.

»Du ziehst sie hoch!« kommandierte er seine Frau. »Jetzt reicht es, sonst prügle ich dich auf die Beine«, brüllte er das Tier an. Arabella legte der Kuh einen Baststrick um den Hals und zog kräftig. Frank schlug das Tier mit dem Sambjok. Zuerst mit dem stumpfen Griff, dann mit der Leine aus Flußpferdhaut. Das Leder schnitt durch das Fell der Kuh wie ein Messer. Daß sie blutete, sah Arabella erst, als die Tropfen langsam über die weißen Schecken quollen.

»Hör auf, Frank, sonst verlieren wir beide.«

Arabella hatte schon einmal ein Kalb, das nicht rauswollte, in der Kuh zersägt, um die Mutter zu retten.

»Miststück.« Frank schlug härter zu, und der Sambjok öffnete den Rücken. Die Kuh brüllte, kam aber nicht auf die Beine. Die Lampe schwankte. Der Schnitt franste durch das Blut aus, die Ränder der Wunde kräuselten sich.

»Nicht, Frank«, versuchte es Arabella erneut. Aber sie wußte, daß es keinen Sinn hatte. Zusammen mit anderen ehemaligen Schutztrupplern fuhr Frank jedes Jahr auf eine der Guanoinseln vor der Lüderitzbucht und erschlug dort Pelzrobben, um sich auszutoben.

»Verdammte Niggerkuh«, schrie er. Arabella sah die Wirbel des Rückgrats durch das offene Fleisch und wandte den Blick in das Gesicht der Kuh. Die großen Augen glotzten feucht. Arabella scheuchte die Fliegen weg, die dick und grün im Tränensekret saßen. Die Kuh bekam wieder Wehen, litt aber zu sehr, um schreien zu können. Frank hieb besinnungslos auf das Tier ein. Sie würde am nächsten Tag zusätzlich zum Gnu nun auch noch eine Kuh verarbeiten müssen.

Vor dem Haus bellte Troja, die Hyänen mußten ganz nah sein. Arabella überlegte, ob sie ein Gewehr holen sollte. Hier konnte sie sowieso nichts mehr tun. Dann wälzte sich die Kuh im Sterben auf die andere Seite und gab das Kälbchen frei. Arabella ließ den Strick los, und Frank hörte auf zu schlagen. Wortlos traten beide hinter das tote Tier, packten jeder einen Huf und zogen gleichzeitig. Das Kalb bewegte sich nur wenige Zentimeter, der Kopf blieb ohne die Unterstützung der Preßwehen im Leib. Arabella zwängte ihren Arm in den Uterus des toten Tieres. »Die Nabelschnur hält es«, sagte sie in das nasse Fell. Sie sah nicht, was Frank machte. Sie hörte ihn nur schwer atmen. Aber sie wußte, daß die Zeit gegen das Kalb lief. Sie packte die glitschige Nabelschnur und bohrte ihren Daumen mit aller Kraft durch das breiige Gewebe, bis der Nabelstrang riß. Als sie ihren Arm aus der Kuh zog, war er voll Blut und Schleim.

»Noch mal. Es ist frei«, sagte sie zu Frank. Er hatte die Beine des Kalbs mit der Leine seiner Peitsche umwickelt und den Griff über einen Dachbalken geworfen. Wie an einem Flaschenzug zogen Frank und Arabella das Kälbchen in die Welt. Für einen Augenblick hing es kopfüber von der Decke, dann ließ Frank es auf die Erde gleiten. Arabella wischte mit der flachen Hand über das verschmierte Fell. Das Kälbchen zitterte und japste nach Luft. Die Nabelschnur hing aus seinem Bauch.

»Ich hole Milch.« Sie stand auf und lief in das Haus zurück. Es war ihr zuwider, das Kälbchen an dem erkaltenden Euter anzulegen. Troja tobte, die Witterung der Raubtiere machte ihn verrückt. Aus dem Erdloch, das ihre Speisekammer war, nahm Arabella eine Milchkanne und schöpfte den Rahm in eine Schüssel. Sie beeilte sich, sie wollte das Kalb nicht länger als nötig mit Frank alleine lassen. Bevor sie zurück über den Hof lief, nahm sie den Karabiner aus dem Waffenschrank.

Schießen war eines der ersten Dinge, die sie in Afrika gelernt hatte. Noch bevor sie Okahandja erreicht hatten, hatte Frank ihr gezeigt, wie man Zündnadelgewehre bediente. Nachdem die neuen Waffen da waren, hatten sie die veralteten Modelle gegen einige Morgen bestes Weideland getauscht. Frank hatte gelacht. Jetzt mußten sich die Kaffer mit den Pavianbüchsen rumärgern, während sie die neuen Kaliber 88 hatten. Arabella hatte so lange gegen die untergehende Sonne auf ein Straußenei geschossen, bis das Dotter in die Dämmerung gespritzt war.

»Gut, Rot. Jetzt sind wir ein Mann mehr«, hatte Frank zufrieden gesagt und ihr anerkennend auf die Schulter geklopft. Von den Rückstößen hatte Arabella damals einen Bluterguß an der Schulter bekommen. Die neuen Repetiergewehre waren nicht nur schneller zu laden, sondern hatten auch keinen so starken Rückschlag. Man konnte sie sogar im Laufen abfeuern.

Frank hatte die Peitsche losgebunden, und sehr zu ihrer Überraschung hielt er den Kopf des Kälbchens auf seinen Knien und streichelte das verklebte Fell mit geschlossenen Augen. Sie beugte sich zu dem Tier hinab, faßte in die Milch und schmierte ihm eine Handvoll Rahm ums Maul.

»Es ist ein kleiner Bulle«, sagte Frank wie zur Rechtfertigung.

»Romulus soll er heißen«, sagte sie. Frank sah auf.

»Der hat auch seine Mutter verloren und wurde von einer Wölfin großgezogen«, erklärte sie.

Romulus drehte den Kopf im Kreis, schleckte aber nicht, wie es Kälber sonst taten, mit einer rosa Zunge nach dem Rahm. Arabella steckte die Hand erneut in die Schüssel und führte sie dann zwischen Romulus’ Lippen. Sie tastete in seinem Maul und konnte die Zunge rauh unter ihrer Hand fühlen. Doch sie bewegte sich nicht, sie durchlief höchstens ein Zucken wie bei einem Regenwurm. Der Muskel haftete an der unteren Mundhöhle fest.

»Halte mal das Licht«, sagte sie und öffnete dem Kalb das Maul. Dann ließ sie die Kiefer sich wieder schließen.

»Es hat eine angewachsene Zunge«, sagte sie.

»Was?« Frank sah sie an und wollte nicht glauben, was er hörte.

»Die Zunge ist unten festgewachsen.« Arabella ließ den Kopf auf das Stroh gleiten. Als sie zurück zum Haus ging, die Schüssel Milch noch immer voll unter dem Arm, hörte sie aus der Remise den Schuß, mit dem Frank Romulus ins Hirn traf.

Die verbleibende Nacht hatte sich ein Vogel heiser geschrien. Arabella hätte auch ohne ihn keinen Schlaf gefunden. Frank hatte sich, nach Blut und saurem Fruchtwasser stinkend, neben sie auf das Bett geworfen. Vom Fußende her verpesteten seine Stiefel die Luft. Nach fast sechs Jahren war es für Frank ausgemacht, daß Arabella keine Kinder bekommen konnte. Im Grunde war es ihm ganz recht, auch wenn er gegen einen Nachkommen nichts einzuwenden gehabt hätte. Für Arabella hingegen wären Kinder der einzige Sinn gewesen, den das Leben mit diesem Mann hätte bekommen können.

Auf ihrem Handteller spürte sie noch Romulus’ rauhe Zunge. Das Kribbeln zog sich hoch bis in die Haarwurzeln. Sie stand leise auf und ging noch einmal in den Hof. Der Vogel zeterte leise. Arabella pumpte Wasser aus dem Brunnenschacht in einen Eimer und wusch sich ein zweites Mal. Das Wasser war vor Kälte klar, und ihre Haut trocknete sofort in der warmen Luft. Sie atmete durch.

Statt sich wieder neben ihren stinkenden Mann zu legen, machte sie sich an die Arbeit und häutete das Kalb. Im ersten zerlassenen Morgenlicht stand sie mit blutigen Händen vor den Töpfen und schnitt Koteletts.


Wir danken Robert Habeck und dem Piper Verlag für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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