Montag, 25. September 2017


Leseprobe: „Vatmaar” - Eine Lebenserzählung von einer Zeit, die so nie mehr sein wird.




Vatmaar
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 3-630-87023-6
Seiten: 406
Einband: gebunden
Erschien: 1999

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Textauszug aus: Andrew Henry Martin Scholtz, „Vatmaar”, Roman aus Südafrika


- Vatmaar -

Wir wohnten in einer Ansiedlung mit dem Namen Vatmaar, ungefähr vier Meilen entfernt von Du Toitspan, einem Dorf mit Wasserhähnen und Lichtern, die man entzünden konnte, indem man auf einen Knopf drückte. In Du Toitspan gab es hohe Pfähle mit Querbalken, über die dünne Drähte gespannt waren. Die schlaueren unter unseren Freunden nannten sie Telephondrähte. Nicht einer von uns in Vatmaar hatte je zuvor ein Telephon gesehen. Unser Durchschnittsalter war ungefähr zwölf Jahre.
In Vatmaar mußten wir abends Kerzen anzünden, die wir für einen Penny pro Stück beim Kuli kaufen konnten, und in Du Toitspan bekamen wir zwei für einen Penny. Unser Wasser kam aus Brunnen. Wenn man einen Brunnen graben mußte, lag das Wasser nicht tief, und der Teich war, soweit die Alten sich erinnern konnten, noch nie ausgetrocknet.
Wir durften in Vatmaar unser eigenes Schlachtvieh halten und Gärten anlegen. Ein Grundstück von zwei Morgen kostete fünfzehn Schilling – der Wochenlohn der meisten Arbeiter. Das war nur für die Eckpflöcke, die der Landvermesser der Gemeindeverwaltung auswies, denn nur die Pflöcke gehörten einem, nicht das Grundstück. Es gab nirgends Drahtzäune, nur die Eckpflöcke.
Die Parzellen erstreckten sich hundert Schritte die Straße entlang. Es gab sechzig davon – dreißig an jeder Seite der Straße, die Ta Vuurmaak planiert hatte, als er noch vor unserer Geburt seinen Eisenbahnwassertank mit seinen vier Ochsen zum Teich schleppte.
Die Leute von Vatmaar mussten der Gemeindeverwaltung von Du Toitspan fünf Schilling Jahresgeld bezahlen. Dafür bekamen sie auch Weiderechte auf der Gemeindewiese von Du Toitspan. Für das Eigentumsrecht musste ein neuer Einzügler ein Pfund auf den Tisch legen – fünfzehn Schilling für die Eckpflöcke und fünf Schilling als Jahresgeld.
Aber er musste sich erst im Büro der Gemeindeverwaltung vor einen Lageplan von Vatmaar hinstellen und auf die Frage: Wo? musste er sagen: Dort ungefähr. Kaum ein Einwohner konnte damals lesen und schreiben, also bekam der neue Einzügler nur die Nummer des Grundstücks auf einer Quittung, und sein Name wurde auf dem Lageplan der Vatmaar-Ansiedlung eingetragen. Er mußte dann dafür sorgen, daß er am folgenden Samstag morgen um neun Uhr in Vatmaar auf den Cape-Boy wartete, der ihm das Grundstück zeigen würde.
Samstag bei Tagesanbruch saß der neue Einzügler, vielleicht mit seiner Familie und seinen Freunden, schon da, und sie warteten auf den Cape-Boy, der aufpassen sollte, daß er sich das richtige Grundstück nahm. Wenn er an der Zwischenstation (einem großen Kameldornbaum bei der Abkürzung nach Du Toitspan) vorbeikam, klatschten sie und schrien: Da kommt er! Da kommt er! Und dann stritten sie sich, wer ihn zuerst gesehen hatte. Es war immer ein alter Mann auf einem Fahrrad, überhaupt kein Boy, mit einem aufgerollten Stück Papier in der Hand und einem breiten Lächeln auf dem Gesicht. Zwischen den Griffen des Fahrrads war ein Schild mit den Worten: Du Toitspan Town Council.
Seine ersten Worte lauteten gewöhnlich: Wo ist der und der?
Worauf der neue Einzügler seinen Hut zog und sagte: Hier bin ich, Onkel. Sobald die Eckpflöcke ausgewiesen waren, trugen die Nachbarn Steine herbei und legten sie um die Pflöcke. Die Frau des Einzüglers, und manchmal auch der Mann selbst, küßte den Boden und sagte: Danke, Herrgott.
Dann brach die Zeit an für das Glück – ein Paraffinbehälter voll mit Khadie oder Kaffernbier und ein Schluck Sherry für die Älteren. Jeder Trinker behielt ein bißchen seines Getränks übrig und schüttete es auf den Boden mit den Worten: Das ist die Pisse.
Ein junger Griqua* und seine Frau aus Danielskuil hatten auch ein Grundstück gekauft, und nachdem die Eckpflöcke ausgewiesen worden waren, sagte seine Frau zu ihm: Petrus, mach das, was deine Voreltern getan haben. Er ging dann mit seiner vollen Blase rund um das Grundstück und pinkelte auf alle vier Eckpflöcke.
Wilde Löwen grenzen ihr Gebiet auch so mit ihrer Pisse ab, sagte jemand.
Manchmal, aber fast nie, wurde gebetet.
Anschließend nahm Onkel Chai gewöhnlich den Spaten und sagte dem neuen Einzügler: Jetzt das Wasser. Nachdem sie sich über den genauen Ort geeinigt hatten, sagte Onkel Chai: Danke Herrgott für die Ehre, den ersten Spatenstich machen zu dürfen. Dann halfen alle Männer von Vatmaar, alt und jung, beim Graben, und noch vor Sonnenuntergang gab es einen weiteren Brunnen in Vatmaar.
Abfall rumstreuen gab es nicht. Jeder von uns hatte eine Abfallgrube in einer Ecke seines Grundstücks, und dort wurde aller Abfall hineingeworfen, und Asche des Tages kam obendrauf.
Es gab noch keine Kirche oder Polizeiwache, um unseren Gemütern Angst einzuflößen. Keine Fußballmannschaft und keinen Tanzsaal, um uns abzulenken. Keinen Doktor und Rechtsanwalt, auf die man sich verlassen konnte. Es gab nur Feldwege mit Löchern, die sich von selbst füllten, wenn es regnete. Und überall gab es Abkürzungen.
Vatmaar war arm, und trotzdem kannten wir keine Armut. Ich kann mich nicht erinnern, je ein schwangeres unverheiratetes Mädchen gesehen zu haben. Es gab mehr Kinder als Erwachsene, und selbst die Alten sagten: Ich kann es noch tun.
Sterbefälle lagen weit auseinander, aber immer wieder wurde ein Baby geboren. Niemand starb an Krebs, denn das war eine Krankheit der Reichen, doch gegen Diphtherie hatten die Kinder keine Chance. Und es gab zwei Arten von Tuberkulose: die fette und die magere.
Wir Kinder haben uns mehr als genug gestritten, aber wenn unsere Eltern sich stritten, sagten sie einander: Paß auf, die Nachbarn hören dich.
Die Kinder von Vatmaar wußten nichts vom Siebten Gebot, das mit dem Du sollst nicht stehlen. Wir konnten es nicht lassen, eine Runde mit dem Fahrrad eines anderen zu drehen. Und wir fanden es toll, mit einem alten Rad ohne Speichen herumzurennen mit einem Stock in der Felge.
Von Zahnschmerzen hatten wir am meisten Angst, denn das Opfer mußte nach du Toitspan laufen mit einem Tuch vor dem Mund, um den Wind draußen zu halten. Man mußte einen Schilling bei der Ambulanz des Krankenhauses bezahlen und dann zusammen mit den anderen Patienten draußen warten, bis man an der Reihe war, denn der Arzt wollte nicht, daß die Kranken, die warteten, das Geschrei hörten. Manchmal versuchte man, den Schmerz da draußen wegzuwarten, und dann bekam man Lust, davonzulaufen. Aber die Quittung für den Schilling, den man schon bezahlt hatte, ließ einen in der Reihe stehenbleiben. Der Zahn wurde einfach so gezogen. Nur diejenigen, die es sich leisten konnten, bezahlten extra für Chloroform.
Wir hatten Angst, daß der Arzt den Zahn abbricht. Manche sagten: Ich hätte lieber Nelken und Schnupftabak gebrauchen sollen. Und wenn der Arzt mit einem fertig war, wollten die, die noch draußen warteten, wissen: Wie zieht er?
Die meiste Zeit waren wir in den Händen eines Pferdedoktors, der jedes Mal sagte: Gott sei Dank, er ist raus!
Für die weiße Elite von Du Toitspan waren alle Leute von Vatmaar gleich, aber wir hatten unsere eigenen Ich-bin-besser-als-du-Typen. Das waren gewöhnlich die Englischsprachigen.
Glatte Haare, blaue Augen und eine helle Haut lösten auch Eifersucht aus.
Es gab verschiedene Worte, um unsere Landsleute zu beschreiben. Diese Namen waren ganz anständig und akzeptabel, sogar die Worte, die heute anstößig klingen und nicht mehr gebraucht werden.
Die Weißen, die gegen die Engländer gekämpft hatten, wurden Buren genannt (bevor sie Afrikaander wurden), und die Engländer waren die Rothälse. „British subject“ war bei den Buren ein verhaßter Ausdruck. Alle Erwachsenen, die nicht aus Übersee kamen und nicht weiß waren, wurden „Boys“ und „Girls“ genannt. Die Engländer nannten die Braunen „Cape-Boys“ und manchmal „Coloureds“ – für die Buren waren sie Bastarde oder Hottentotten. Das Wort Farbiger wurde damals in unserer Sprache noch nicht benutzt. Ein Schwarzer aus Afrika war ein Kaffer, und ein Inder war ein Kuli. Manchmal wurden diese Worte absichtlich gebraucht, um jemanden zu beleidigen, aber meistens wußte keiner der beiden es besser – weder derjenige, der das Wort gebrauchte, noch derjenige, der so genannt wurde.
Es war Brauch, einen Engländer Mister und seine Frau Madam zu nennen und einen Buren Baas und seine Frau Missis, wenn man miteinander sprach. Vornehme Farbige waren Herr und Frau. Wir nannten die Älteren Opa und Oma und Tante, und sie nannten einander Schwester und Siesie und Vetter.
Wenn ich die Geschichte von Vatmaar erzähle, gebrauche ich alle diese Worte, wie sie damals gebraucht wurden – in aller Liebe und mit großem Respekt, ohne jemandem zu nahe treten zu wollen.
Manche Leute sagten, daß Vatmaar seinen Namen von Ta Vuurmaak bekommen hatte. Er wohnte in einem großen Eisenbahnwassertank, der oben mit Zweigen und Gras zugedeckt war, um zu verhindern, daß das Blech im Sommer zu heiß und im Winter zu kalt wurde.
Der Tank stand in der Nähe des Teiches, nicht in der Ansiedlung. Also bezahlte Ta Vuurmaak kein Jahresgeld. Er machte Kimberley-Steine aus dem Ton beim Teich und Treibsand, die er mit seiner Schubkarre herbeischaffte. So ein Stein war zwölf mal neun mal vier Zoll groß, und er verkaufte sie für zwei Pennys pro Stück. Alle Häuser in Vatmaar waren mit Ta Vuurmaaks Kimberleys gebaut worden.
Onkel Flip beförderte die Steine mit seinem Wagen, und er wurde mit Kimberleys bezahlt, egal ob es zwanzig oder fünfzig Steine waren. Die Arbeit wurde nicht berechnet – jeder mußte selbst seine Steine auf- und abladen.
Ta Vuurmaak war der älteste Opa in Vatmaar, und er hat immer gesagt, die anderen Opas könnten seine Kinder sein. Ganz Vatmaar nannte ihn Ta-pa-Vuurmaak.
Er war nicht groß, aber er sah groß aus. Er trug immer eine lange Hose mit abgeschnittenen Hosenbeinen. Er hatte krumme Beine, und die Leute sagten: Der kann kein Schwein einfangen. Sein Körper war voller langer, häßlicher Narben, jede mit ihrer eigenen Geschichte. Er trug geflochtene Schuhe, die er bei Tante Wonnie gekauft hatte. Ungefähr zur Zeit der Rinderpest, sagte er, hatte er schon seine zweite Frau zu ihrer Mutter zurückgeschickt, weil sie ihm keine Kinder schenken konnte. Was ich nicht verstehen kann, sagte er immer und lachte, ist, daß sich beide Frauenzimmer andere Männer genommen und ihnen Kinder geschenkt hatten.
Ta Vuurmaak trug ständig eine Mütze. Wenn er sie absetzte, sah man die schönste Glatze, die man sich vorstellen konnte. Mit seinem zahnlosen Mund konnte er das zäheste Fleisch kauen. Seine Augen waren immer halb geschlossen. Es waren nur zwei Schlitze, und man konnte nie die Augenfarbe erkennen. Sein Gesicht, sein Hals, seine Hände und Knie waren Bündel zusammengedrückter Hautfalten, die einen glauben ließen, er sei weit über hundert Jahre alt. Er hatte eine hohe Stimme, die krächzte.
Er vergißt nie, was er gesehen hat, sagten die Leute.

Auszug aus: Andrew Henry Martin Scholtz: Vatmaar
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