Montag, 23. Oktober 2017


Leseprobe zu „Mit dem Herzen einer Löwin”





Mit dem Herzen einer Löwin
Verlag: Malik
ISBN: 3-89029-247-X
Seiten: 386
Einband: gebunden
Erschien: September 2005

bequem online bestellen:


Textauszug aus: „Mit dem Herzen einer Löwin”

Lady Florence Baker und ihre Suche nach den Quellen des Nils


Vorbemerkung der Autorin

Über Florences frühe Kindheit gibt es nur spärliche Aufzeichnungen – sie war einfach schon immer eine geheimnisvolle Frau. Auch wenn es mir gelungen ist, einige Aufzeichnungen über ihre leiblichen Eltern ausfindig zu machen, habe ich mich bei vielen Details ihre frühen Jahre betreffend daran orientiert, was man sich in der Familie Baker darüber erzählt oder was meine Recherchen zur ungarischen Revolution und dem Sklavenhandel im Osmanischen Reich ergaben. Anstatt schwerfälliger Formulierungen wie »mag sie gesagt haben« oder »hat er sich vermutlich gefragt« habe ich Florence und den Menschen, die sie umgaben, Gedanken und Worte in den Mund gelegt, die in Einklang mit ihrem Charakter und den überlieferten Äußerungen stehen.
All jenen, die glauben, daß die besten Biographien nur belegbare Fakten enthalten, möchte ich widersprechen. »Letztendlich ist jede Biographie eine Fiktion«, hat Bernard Malamud einmal gesagt. Als Florences Biographin halte ich es für meine Aufgabe, ein angemesseneres Bild ihrer Persönlichkeit zu zeichnen und ihre Bedeutung treffender zu beurteilen, als es die bloßen Fakten zu tun vermögen. Die Lücken zu schließen – und das heißt für mich, fundierte Hypothesen vorzustellen – ist nicht nur erforderlich, sondern auch gerechtfertigt.
Wenn ich Begriffe wie »schwarz«, »weiß«, »Neger« oder »Eingeborener« verwendet oder einige Äußerungen und Meinungen zitiert habe, die dem Leser vielleicht als unverhohlen rassistisch erscheinen, folge ich lediglich den Konventionen des neunzehnten Jahrhunderts. Meine eigenen Ansichten, die ich in den vielen Jahren meiner Arbeit in Afrika gewonnen habe, drücken sie nicht aus, sondern stellen vielmehr einen Versuch dar, die imperialistische Haltung der viktorianischen Zeit möglichst authentisch wiederzugeben.
In direkten Zitaten habe ich eine weitgehend einheitliche Schreibweise der afrikanischen Eigennamen verwendet, wenngleich sie in den Originaldokumenten widersprüchlich ist. Da manche der Ortsnamen nicht als tatsächlich existierende Orte identifiziert werden konnten, habe ich mich grundsätzlich an die im neunzehnten Jahrhundert übliche Schreibweise gehalten, wie Florence sie verwendete.


Ich bin doch keine Sklavin!

Die Mädchen im heiratsfähigen Alter sollten im Januar 1859 verkauft werden – so der Wunsch Finjanjian Hanims, der Matriarchin der Familie Finjanjian. Sie zählte zu den einflußreichsten lizensierten Händlerinnen für weiße Sklavinnen in Viddin und konnte stolz sein auf ihre Ware. Wenn es darum ging, vielversprechende, blutjunge Mädchen auszuwählen, für den Harem auszubilden und im geschlechtsreifen Alter zu Höchstpreisen wieder zu verkaufen, bewies Finjanjian Hanim einen untrüglichen Instinkt. []
Im Januar wurden immer die hübschesten Mädchen verkauft, und tatsächlich hatte die hanim gerade ein Mädchen mit ganz außergewöhnlichen Qualitäten im Angebot: Florenz. Die blonde, junge Schönheit war in den vergangenen zehn Jahren mit äußerster Sorgfalt aufgezogen und unterrichtet worden. Gemeinsam mit den Enkelinnen der hanimhatte sie im Harem Mathematik, Lesen, Schreiben, Geographie, Musik und sämtliche Künste einer Frau gelernt. Finjanjian Hanim hatte dafür gesorgt, daß Florenz ihre Kenntnisse des Ungarischen und des Deutschen, der Sprachen ihrer leiblichen Eltern, bewahrte und zudem Arabisch lernte, die allgemein gebräuchliche Sprache im Harem, denn das Beherrschen europäischer Sprachen war eine Fähigkeit, die bei den Mädchen besonders geschätzt wurde. Nachdem die hanimFlorenz im hamman, dem Bad des Harems, mit prüfendem Blick beobachtet hatte, war sie zu der Überzeugung gekommen, daß das Mädchen die Geschlechtsreife und damit den Höhepunkt seiner Attraktivität erreicht hatte. Es würde von nun an in der Öffentlichkeit den Schleier tragen müssen.
In einem Jahr würde das Mädchen zwar einen volleren Busen und eine weiblichere Figur haben, doch Finjanjian Hanim hatte noch einen anderen Grund, Florenz schon jetzt zu verkaufen. In Konstantinopel war ein neues Einwanderungsgesetz erlassen worden, das allen, die ins Osmanische Reich immigrierten, ausgesprochen günstige Bedingungen zusicherte. Verpflichteten die Einwanderer sich zur Loyalität gegenüber dem Reich, dann war es ihnen sogar gestattet, ihre eigenen Religionen ungehindert auszuüben. Finjanjian Hanim befürchtete, daß diese Gelegenheit zu einer wahren Flut von Einwanderern aus Tscherkessien und Georgien führen würde, da die dort lebenden Russen die einheimische Bevölkerung schikanierten und zu vertreiben versuchten.
Ihre Schönheit und helle Haut machten tscherkessische und georgische Mädchen zu äußerst begehrten Konkubinen. Manche von ihnen waren entführt, bei Überfällen verschleppt oder einfach als Kriegsbeute mitgenommen worden, bevor man sie schließlich einem Harem anbot. Es gab auch Eltern, die ihre eigenen Töchter verkauften, was keineswegs als Schande galt. Immerhin war ein Leben im Harem wesentlich angenehmer und luxuriöser als die endlose Arbeit, die die Mädchen als Ehefrauen armer Bauern erwartete. Wenn nun aber viele solche Familien in die Provinz kamen, gab es für sie wohl kaum eine günstigere Gelegenheit, um das Geld für einen Neubeginn aufzubringen, als eine ihrer hübschen Töchter einem Sklavenhändler anzubieten. Der Zustrom tscherkessischer und georgischer Mädchen konnte das Geschäft mit den weißen Sklavenmädchen ruinieren. Es war also besser, Florenz jetzt zu verkaufen, als noch länger zu warten. []
Ein eigens dazu angestellter Sklavenhändler hatte die Aufgabe, jedes einzelne Mädchen anzupreisen, wenn es vorgeführt wurde, und die Gebote entgegenzunehmen. Bei besonderen Auktionen wie dieser wurden die Mädchen einzeln und in ihren schönsten Kleidern präsentiert. Anders als die cariyes, die gewöhnlichen Sklavenmädchen, wurden Jungfrauen niemals nackt zur Schau gestellt und durften von den potentiellen Käufern auch nicht gestreichelt oder genauer untersucht werden. Jede von ihnen verfügte über eine von einer Hebamme unterzeichnete Urkunde, die ihre Jungfräulichkeit garantierte, denn die Unberührtheit eines Mädchens machte einen wesentlichen Bestandteil seines Marktwertes aus.
Während die potentiellen Käufer in den Empfangssaal strömten, spähten die Mädchen neugierig durch die Trennwand, musterten die Männer und kicherten aufgeregt. Unaufhörlich und voller Begeisterung ließen sie sich über Kleidung, Aussehen und Wesen der Käufer aus, soweit sie dieses beurteilen konnten. Diese Männer würden über ihr weiteres Schicksal bestimmen, über ihr zukünftiges Leben. Sie konnten freundlich sein, aber auch grausam, gutaussehend oder häßlich, großzügig oder geizig – Eigenschaften, die für sie von entscheidender Bedeutung waren. Außerdem waren es für die meisten der Mädchen, einmal abgesehen von ihrer Familie und dem Herrn, die ersten Männer, die sie in ihrem Leben zu Gesicht bekamen.
Erst als die Versteigerung des ersten Mädchens, Fatima, begann, begriff Florenz, was hier vor sich ging. Sie war entsetzt.
Als sie in den Harem gekommen war, hatte man Ali zu ihrem lala bestimmt. Zehn Jahre lang hatte er sich um sie gekümmert, war ihr Beschützer, ihr Vormund und ihre emotionale Stütze im Harem gewesen. Er liebte sie abgöttisch. Es war das erste Mal gewesen, daß man ihn zum lala ernannt hatte. Natürlich hatte er selbst keine Kinder und keine eigene Frau. Er hatte nicht einmal richtige Freunde. Ein Harem war eine Welt für sich voller Komplotte und Intrigen, und es gab immer jemanden, der sich eine günstige Position verschaffen wollte oder auf Geld oder Gunst aus war. Ein so hochrangiger Eunuch wie Ali mußte sich von den anderen fernhalten, um nicht Gefahr zu laufen, daß eine im Vertrauen geäußerte Mitteilung irgendwann gegen ihn verwendet wurde. Er hatte sich daran gewöhnt, von Menschen umgeben zu sein, die aus egoistischen Gründen Ränke schmiedeten und Verschwörungen anzettelten.
Florenz war da ganz anders. Sie wuchs heran und blühte, unschuldig wie eine Blume im Sonnenschein. Ali hatte das Gefühl, daß ihr der Gedanke, sich eine bessere Stellung im Harem zu sichern, völlig fremd war. Statt dessen schien sie gegen jede Art von Neid so gut wie immun zu sein. Freude und Heiterkeit waren ihr in die Wiege gelegt worden. Mit ihr hatte Ali zum ersten Mal seit langen Jahren – im Grunde seit seiner Kindheit – jemanden gefunden, den er lieben konnte. Wenn Florenz Heimweh nach ihrer Familie hatte, legte er ihr den Arm um die Schultern und erzählte ihr Geschichten aus Afrika, die er von seiner Mutter gehört hatte, als er ein kleiner Junge war. Wenn sie voller Verzweiflung von ihm wissen wollte, warum ihr Vater sie nicht endlich holte, tröstete er sie zärtlich: »Ich weiß es nicht, mein Blümchen. Aber ich bin sicher, daß er dich liebt und daß er kommen würde, wenn er nur könnte.« Sie war noch zu jung, um zu begreifen, daß ihr Vater nicht wissen konnte, wo er sie finden würde, selbst wenn er sie suchte. Wenn sie nachts aufwachte, weil die Erinnerungen an Feuer und Blut sie ängstigten, war Ali immer zur Stelle, um ihr ein Lied vorzusingen und sie wieder in den Schlaf zu wiegen. War sie krank, dann kühlte er ihr die Stirn mit Wasser und brachte ihr etwas Besonderes zu essen oder einen heilenden Trank. Und wenn ihr langweilig war, spielte er für sie auf seiner kleinen Flöte, und sie tanzte wie eine Gazelle durch das hohe Gras draußen im Garten.
Wenn irgend etwas Florenz ängstigte oder beunruhigte, so wie jetzt, dann rief sie nach Ali, der immer gleich zu ihr kam.
Er beugte sich ein wenig zu ihr hinunter, bis sein breites, schwarzes Gesicht neben dem ihren war, so daß sie niemand hören konnte, und fragte: »Nun, meine Kleine, was gibt es?«
»Die Männer wollen Fatima ersteigern«, sagte sie vorwurfsvoll. »Sie werden sie kaufen wie eine Kuh oder eine Elle Stoff!«
»Ja, mein Kind, das ist wahr«, erwiderte Ali sanft. »Sie ist eine Sklavin, und es ist an der Zeit, daß sie in einen neuen Harem kommt. Du hast doch gesehen, wie die Mädchen zu uns gekommen und dann wieder gegangen sind. Du wußtest doch, daß sie verkauft wurden. Eine so wichtige Auktion haben wir allerdings noch nie in unserem Haus gehabt, seit du hier bist.«
»Aber –«, stotterte Florenz, die kaum über die Lippen brachte, was ihr nun allmählich klar wurde, »aber das waren doch immer die anderen, nicht ich. Werden wir denn jetzt alle verkauft? Alle?«
»Nun ja, ein oder zwei der Mädchen werden vielleicht keinen Käufer finden«, räumte Ali ein. »Manche von ihnen sind sehr einfach und besitzen keine Anmut. Du dagegen«, fuhr er mit einem stolzen Blick auf seinen Schützling fort, »wirst gewiß einen stattlichen Preis erzielen. Du wirst das Kronjuwel der ganzen Versteigerung sein.«
»Aber ich bin doch keine Sklavin! Ich bin nicht wie die anderen Mädchen!« widersprach Florenz ihm so heftig, daß ein paar der anderen ihr bedeuteten, ruhig zu sein. Schließlich wollte das Publikum keine aufgebrachten Stimmen hinter der Trennwand vernehmen.
Ali umfaßte das Gesicht seiner geliebten Florenz mit seiner mächtigen Hand und sagte ihr die Wahrheit, die sie anscheinend nie ganz begriffen hatte. »Mein Juwel, mein leuchtender Stern, du bist eine Sklavin, so wie ich auch ein Sklave bin. Du bist eine Sklavin, seit du hier bist, seit du zu deinem Ali kamst. Erinnerst du dich? Du warst damals noch so klein und hattest solche Angst, sogar vor mir. Aber dann hat dich die Sultana Validé fürsorglich aufgezogen, neben ihren eigenen Enkelinnen, damit du einmal in ein großes Haus aufgenommen wirst und ein schönes Leben hast. Du wirst heute wahrscheinlich einen der höchsten Preise erzielen, die es jemals in Viddin gegeben hat, und voller Stolz in dein neues Zuhause einziehen. Ich selbst werde nicht mit dir gehen können«, setzte er traurig hinzu, »es sei denn, du überredest deinen neuen Herrn, daß er auch deinen häßlichen, alten lala mit seiner schwarzen Haut und den vernarbten Wangen kauft. Wenn du erst einmal ikbal bist und den Herrn mit deinen Reizen betört hast, kannst du ihn darum bitten, und dann kann ich vielleicht auch kommen und weiter für dich sorgen.«
Florenz war vor Zorn und Schreck wie betäubt. Sie war noch so klein gewesen, als man sie in den Harem gebracht hatte, daß sie sich selbst nie als Sklavin gesehen hatte. Tatsächlich war sie meistens genauso wie die Enkelinnen der Sultana Validé behandelt worden: Sie konnte alles tun, was auch sie taten, und schlief Seite an Seite mit ihnen. Irgendwie hatte sie, halb unbewußt, immer angenommen, sie sei eine Art Adoptivkind. Hatten all die anderen die ganzen Jahre hindurch etwa gewußt, daß auch sie nur eine Sklavin war, die man kaufen und verkaufen konnte? Warum hatte ihr das niemand gesagt? Wütend und verletzt blickte sie Ali an. Sie erwartete von ihm eine Erklärung, suchte seinen Trost. Erst jetzt verstand Ali, was ihr zu schaffen machte.
Er war erstaunt. »Aber Florenz, hast du das denn nicht gewußt? War dir denn nicht klar, daß du eine Sklavin bist – und zwar nicht irgendeine, sondern die beste unter all den Mädchen, die hier unterrichtet wurden?« Sie schüttelte heftig den Kopf. Ali legte seine mächtigen Arme um sie und drückte sie an sich. »Ach, mein Kind, mein liebes Kind«, murmelte er. »Und ich dachte, du hättest längst begriffen, was sich hier abspielt, ich dachte, du wüßtest Bescheid.« Sie weinte bittere Tränen, die auf sein leuchtendgelbes Hemd fielen wie Regentropfen.
Als Florenz an der Reihe war hinauszugehen, strich Ali ihr mit seiner knallroten Schärpe sanft über das Gesicht und steckte ihr eine lose Haarsträhne in die kunstvoll geflochtene Frisur zurück. »Ich bin sehr stolz auf dich«, erklärte er ihr. »Du bist mein kleines Mädchen, die hübscheste von allen. Vergiß nicht, was man dir beigebracht hat, und sieh zu, daß du einen anständigen Preis erzielst!«
Verglichen mit den Mädchen vor ihr, war Florenz tatsächlich eine ganz besondere Erscheinung. Ihr Haar war hell und seidig, und winzige Perlen betonten ihre langen Zöpfe. Neben den bunten Kleidern fielen auch ihre feinen Gesichtszüge und ihre grazile Haltung ins Auge, so daß ein bewunderndes Raunen durch die Masse der potentiellen Käufer ging. Dieses Mädchen war wirklich vom Feinsten. Während der Sklavenhändler ihre Vorzüge und Fertigkeiten pries – »eine zertifizierte Jungfrau aus Ungarn, die nicht nur eine, sondern gleich zwei europäische Sprachen beherrscht und eine exzellente Tänzerin und Reiterin ist« –, packte Florenz die Wut. Sie würde es sich nicht gefallen lassen, daß man mit ihr umsprang wie mit einer Kuh auf dem Markt. Sie würde zwar dastehen, sich drehen und sich zur Schau stellen, denn etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig, aber die Verschämte würde sie nicht spielen. Sie würde keine Sklavin sein. Ihre Wangen röteten sich, was ihr sehr gut zu Gesicht stand, und sie hob das Kinn und starrte mit ihren blauen, zornig funkelnden Augen geradewegs ins Publikum. Ihr Blick schweifte über die Ansammlung türkischer und bulgarischer Männer mittleren Alters, deren Kleidung und Auftreten den Geruch von Reichtum und Standesdünkel verströmten. Sie hatte nichts als Verachtung für sie übrig.
Ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der sich irgendwie von der Masse abhob – ein breitschultriger, hellhäutiger Europäer mit blauen Augen, rötlichem, gelocktem Haar, langen Koteletten und einem Schnurrbart. Er trug einen Tweedanzug – offensichtlich eine Maßanfertigung, nach dem zu urteilen, wie er um seine mächtige Brust und die kräftigen Arme saß. Sein Begleiter auf dem Sessel neben ihm war ein schlanker Mann mit dunkler Haut. Er trug elegante seidene Kleider und einen Turban aus Satin, der mit großen Edelsteinen und einer Feder geschmückt war. Ihn zierten sogar noch mehr Perlenketten als die Sultana Validé. Die beiden waren ein seltsames Gespann, dieser stämmige Europäer und der junge Maharadscha, und wirkten irgendwie fehl am Platz unter all den Osmanen.
Während Florenz den Europäer musterte, trafen sich ihre Blicke, und in diesem Moment geschah etwas Außergewöhnliches zwischen ihnen: Ganz plötzlich durchfuhr beide ein intensives Gefühl der Sympathie und Zuneigung, das Mädchen ebenso wie den Mann. Er verstand genau, was in ihr vorging, verstand ihren Trotz und ihre Empörung, und das spürte Florenz.
Sam Baker ließ das Mädchen nicht aus den Augen. Ohne genau zu wissen, was er tat, hob er die Hand und gab ein Gebot ab. Er hatte bestimmt nicht vorgehabt, ein Sklavenmädchen zu ersteigern. Wie fast alle Engländer war er aus moralischen Gründen gegen die Sklaverei. Die Versteigerung sollte lediglich seinem Begleiter für ein paar Stunden Zerstreuung bieten und ihn davon abhalten, schon wieder irgendeinem Mädchen, das nicht zu ihm paßte, einen Heiratsantrag zu machen. Bei dem jüngeren Mann mit dem Turban handelte es sich um den Maharadscha Duleep Singh, einen enteigneten indischen Prinzen mit romantischer Veranlagung. In sämtlichen Zeitungen von Frankfurt bis Wien war zu lesen gewesen, daß der Maharadscha sich vor kurzem verlobt hatte – und zu allem Unglück waren diese Berichte auch von drei Londoner Tageszeitungen aufgegriffen und abgedruckt worden. Den Maharadscha auf dieser Reise von kompromittierenden Liebschaften abzuhalten hatte sich als schwieriger erwiesen, als Sam erwartet hatte.
In diesem Moment war Sam seine Verantwortung als Sittenwächter allerdings einerlei. Er hatte nur noch Augen für die zornige Schöne auf dem Podest. Doch prompt wurde er von einem gutgekleideten Diener überboten. In der Menge raunte man sich zu, er handele im Auftrag des Paschas von Viddin höchstpersönlich. Schließlich waren alle außer Sam ausgestiegen, denn der Gedanke daran, einen so mächtigen Mann zu verärgern, bereitete ihnen Unbehagen. Sam aber wußte nicht, wer gegen ihn bot, und Florenz kümmerte es nicht. Der Preis stieg immer weiter. Schon bald erhöhte der Diener des Paschas auf siebzigtausend kuru – etwa achthundert englische Pfund. Sam beriet sich kurz mit seinem Begleiter, dieser nickte einmal, und Sam gab ein überwältigendes Gegengebot ab. Die Menge wartete gespannt, wie der Diener des Paschas darauf reagieren würde. Er erhöhte das Gebot. Sam blickte zu Duleep Singh hinüber, doch dieser schüttelte gleichgültig den Kopf. Er langweilte sich und wollte Sam heute nicht noch mehr Geld leihen, sondern die Auktion verlassen. Damit galt das letzte Gebot: Florenz gehörte dem Pascha von Viddin.
Aus dem Publikum waren stürmischer Applaus und aufgeregtes Stimmengewirr zu vernehmen. Das war ein Spektakel gewesen! Dieses blonde Mädchen hatte einen noch nie dagewesenen Preis erzielt. Finjanjian Effendi und Finjanjian Hanim mußten überglücklich sein! Wer war dieser Fremde, der es gewagt hatte, gegen den Gesandten des Paschas höchstpersönlich zu bieten? Irgend jemand hatte ihn sprechen gehört und vermutete, daß er Engländer war, aber sein Begleiter war ganz offensichtlich keiner. []
Finjanjian Effendi fing den Gesandten des Paschas ab und schlug ihm vor, zu warten, bis die Menge sich verlaufen habe, und derweil noch einen Kaffee und etwas Süßes zu nehmen. Der Pascha hatte der Familie Finjanjian eine große Ehre erwiesen, indem er seinen Diener zu der Versteigerung geschickt und dieser ein so hervorragendes Höchstgebot abgegeben hatte.
Sobald die Auktion für beendet erklärt war, sprang Sam auf und stieß den Maharadscha an. »Wir müssen augenblicklich aufbrechen«, erklärte er. »Beeil dich bitte!« []
Aha, dachte Duleep Singh insgeheim, da hat Sam sich wohl in seiner übereifrigen Art wieder einmal ein Abenteuer für heute nachmittag ausgedacht. Er hoffte nur, daß dies nicht bedeutete, bis zu den Knien in einem kalten, schlammigen Sumpf stehen und auf Enten schießen zu müssen. Auf dieser Reise hatte er sich schon ausgiebig sportlich betätigen können, allerdings unter für seinen Geschmack ziemlich primitiven und unbequemen Umständen. Sam machte das spartanische Leben nichts aus, was Singh äußerst überrascht hatte. Mit dem Boot die Donau hinunterzufahren und auf die Jagd zu gehen hatte im Salon eines vornehmen Hauses in Schottland, wo Sam ihm die Reise vorgeschlagen hatte, durchaus spannend geklungen. Als Duleep Singh dann aber das primitiv umgebaute Schiff sah, das sie flußabwärts bringen sollte – üblicherweise transportierte man mit so einem Kahn Weizen –, war er entsetzt: Auf diesem Ding sollten sie nun mehrere Tage lang wohnen? Die Realität war schließlich noch viel schlimmer als seine Befürchtungen. Wie sollte man auch Vergnügen am Schießen finden, wenn einem die ganze Zeit über erbärmlich kalt war? Und wo blieben die wärmenden Lagerfeuer, die üppigen Mahlzeiten und die geistreichen Konversationen während des Abendessens? Was für einen Sinn hatte es, sich unter primitivsten Bedingungen und mit lediglich drei Dienern auf eine Reise zu begeben?
»Duleep Singh«, unterbrach Sam ihn barsch, »hör auf zu träumen, wir müssen augenblicklich fort! Hol bitte unsere Mäntel, geh hinaus auf die Straße, und ruf eine araba für uns. Achte aber darauf, daß es eine geschlossene Kutsche ist! Ich komme gleich nach, ich muß nur noch etwas erledigen.«
Sobald Sam sicher war, daß Singh sich in Richtung Ausgang begab, bahnte er sich energisch einen Weg durch die Menge hinüber zu Ali. »Ich brauche Eure Hilfe«, erklärte er dem Eunuchen leise.
»Sehr wohl, Effendi.« Ali verbeugte sich leicht. »Was kann ich für den Effendi tun?«
»Dieses Mädchen . . .«, begann Sam. »Dieses blonde Mädchen, das von gerade eben.«
»Ja, Effendi, das ist mein Schützling«, antwortete Ali, und seine Augen glänzten vor Stolz. »Das ist Florenz. Sie war die beste, die hübscheste von allen, findet Ihr nicht auch?«
Sam beugte sich vor und klemmte Ali ein Bündel Geldscheine hinter die Schärpe. »Ich möchte, daß Ihr mir dieses Mädchen zum Hinterausgang des Hauses bringt«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Die Angelegenheit erfordert größte Umsicht.«
Ali würdigte die Scheine keines Blickes, aber er konnte spüren, daß es sich um einen gehörigen Batzen Geld handelte. Er hatte mitbekommen, daß Sam ernsthaft und bis zuletzt gegen den Diener des Paschas geboten hatte. Und es war ihm nicht verborgen geblieben, wie Sam und Florenz einen Blick gewechselt hatten, der von großer Zuneigung zeugte. Wenn Ali sich an Florenz’ Entführung beteiligte und irgend jemand davon erfuhr, würde ihn das den Kopf kosten. Doch vielleicht war es das Risiko wert. Florenz würde so oder so fort sein, und wenn Ali mit äußerster Vorsicht vorgehen und diesem Fremden helfen würde, wäre er ein reicher Mann. Mit leiser Stimme und scheinbar unbeteiligt – für den Fall, daß sie jemand beobachtete –, bat er Sam, beim Tor an der Südseite des Hofes zu warten.
Dieser machte sich augenblicklich auf den Weg und verließ den Saal, ohne sich noch einmal umzusehen. Ali ging zum Schreiber hinüber und gab ihm mit der Hand ein Zeichen: Er müsse sich rasch erleichtern, erklärte er ihm, und er und der Buchhalter möchten doch derweil bitte darauf achten, daß keiner der Käufer versuche, ein Mädchen mitzunehmen, ohne zu bezahlen.
Dann verließ Ali den Saal durch die Türe, die in den Raum hinter der Zwischenwand führte, wo die Mädchen zu zweit oder dritt beieinanderstanden und schnatterten. Sanft ergriff er Florenz’ Hand. »Du gehst jetzt hinaus auf den Korridor, Kleines«, sagte er eindringlich. Dann blickte er sich um, als suche er ein Mädchen, nach dem man draußen verlangt habe. Florenz gehorchte, und Ali schloß die Tür hinter sich ab und folgte ihr. Er führte sie durch den selamlik, wo er kurz stehenblieb, um ihr einen Männerumhang überzuwerfen und einen Fez aufzusetzen, der ihr Haar verbarg – eine nicht gerade überzeugende Verkleidung. Florenz stellte keine Fragen. Durch ein hohes Bogenfenster kletterten sie hinaus in den Garten, der hinter dem Haus in der Nähe der Küche lag.
»Ich kann dich nicht zum Pascha schicken«, versuchte Ali ihr verzweifelt verständlich zu machen, während sie sich dem Hinterausgang näherten. »Er ist ein böser Mann, selbstsüchtig und grausam, und du würdest ihn hassen. Du wirst mit dem Engländer gehen, der gegen ihn geboten hat.«
Florenz konnte sich nicht erklären, woher Ali wußte, wie sehr sie sich zu dem Engländer hingezogen fühlte, aber sie hatte vollstes Vertrauen zu ihrem lala. Er hatte sie noch nie im Stich gelassen, sie niemals getäuscht, und sie liebte ihn. »Sei bitte vorsichtig, Ali«, flehte sie mit leiser Stimme.
»Ach, mein kleiner Augenstern.« Ali grinste und ließ die Lücke sehen, wo ihm die vier unteren Schneidezähne gezogen worden waren. »Dazu bin ich viel zu schlau. Sie werden niemals herausfinden, daß ich es war.« Er stieß das Tor auf und schob sie in die verdunkelte Kutsche. »Barakallah«, flüsterte er – »Allah segne dich.«
»Jazakallahu khayran«, erwiderte Florenz. »Möge Allah deine gute Tat belohnen.«

aus: Pat Shipman: Mit dem Herzen einer Löwin.
Lady Florence Baker und ihre Suche nach den Quellen des Nils

© Piper Verlag GmbH, München 2005


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
Werde Fan von uns auf Facebook schließen
öffnen