Sonntag, 19. November 2017


Leseprobe zu „Das lange Schweigen”





Das lange Schweigen
Verlag: Bertelsmann
ISBN: 3-570-00806-1
Seiten: 508
Einband: gebunden mit Schutzumschlag
Erschien: Februar 2004

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Textauszug aus: Etienne van Heerden, „Das lange Schweigen”, Roman aus Südafrika


I / Das Blitzwasser

Prolog

Nach und nach gewöhnten sich die Augen derer, die sich um den Eingang zur Höhle versammelten, an die Dunkelheit. Funkelnd nahm die Kutsche aus den Tiefen heraus Gestalt an.
Die Vergangenheit traf die Menge wie ein Schlag vor die Brust, und sie wich zurück, weil sich die schwarze Kutsche in Bewegung zu setzen und auf sie zuzurollen schien. Doch das war nur eine optische Täuschung. Der Staub sank allmählich herab, und die Pupillen der Zuschauer weiteten sich, als sie unverwandt ins Dunkel starrten.
Die Karosse glich einer Spukerscheinung, einer Geisterkutsche, über und über mit leuchtenden Glühwürmchen bedeckt, die sie zu bewachen schienen. Da sie in all der langen Zeit weder Lichtstrahlen noch menschlicher Berührung ausgesetzt gewesen war, war sie fast vollkommen erhalten. Ein Stalaktit war bis auf ihr Dach hinuntergetropft, und aus dem Boden der Grotte wuchsen Stalagmiten empor, als wollten sie sie von unten her verankern. Die Erde streckte ihre Finger aus, um dieses geisterhafte Gefährt zu beschützen.
Auf dem Kutschbock saß ein weißes Skelett. Es war noch bekleidet, und an den Gerippen der sechs Pferde konnte man erkennen, dass sie im Geschirr gestorben waren. Auf ihren Schädeln wiegten sich Straußenfedern in der sanften Brise.
Ingi Friedländer drängte sich nach vorn, um besser sehen zu können. Zwischen den Fingern des Gerippes steckte eine zur Hälfte gerauchte Zigarre, und mit der anderen Hand umklammerte es ein Dokument. Das Papier war alt, brüchig und vergilbt, und an den Rändern saßen ebenfalls funkelnde Leuchtkäfer.
Die dritte Karte!, dachten alle gleichzeitig.

Als Jonty Jack eines Morgens die Tür seines kleinen Hauses in der Schlucht oberhalb des Dorfes Tallejare aufstieß und ihm der Geruch von feuchten Farnen und alten Sägespänen in die Nase stieg, stand die Skulptur auf einmal dort, als sei sie, »Gott sei mein Zeuge«, sagte Jonty Jack, »als sei sie über Nacht aus dem Boden gewachsen«.
Wann immer er die Geschichte in den Monaten nach dem Erscheinen der Skulptur erzählte, wurde Jonty von seinen Gefühlen förmlich überwältigt. »Der Fischmann hat einfach seinen Kopf durch die Sägespäne, die Rindenstücke und die alten Jointstummel gebohrt und ist taumelnd auf die Welt gekommen …«
Trotz des landesweiten Ruhms, den ihm die Skulptur einbrachte, beharrte Jonty Jack starrköpfig darauf, die Figur des taumelnden Fischmannes stamme nicht von seiner Hand. Niemand schenkte ihm Glauben, da man im neuen Südafrika während dieses letzten Jahres des zwanzigsten Jahrhunderts geradezu verzweifelt auf der Suche nach außergewöhnlich begabten Künstlern war. »Meine Güte«, beschwerte sich Jonty später bei Ingi Friedländer, »dabei bin ich doch nur ein Holzschneider, ein Schnitzer, ein Tagedieb und ein Zyniker. Ich habe doch gar nicht das nötige Talent, um eine solche Statue zu erschaffen – dafür bin ich weiß Gott zu unbegabt.«
Genau das sagte er zu Ingi Friedländer, als sie nach Tallejare reiste, um die Figur im Auftrag der Kapstädter Nationalgalerie für die Sondersammlung zu erwerben, die das Parlamentsgebäude schmücken sollte.
Jonty erzählte ihr in allen Einzelheiten, wie er eines Morgens aus seinem Häuschen herausgekommen war, noch ein wenig benebelt von den Schnäpsen des vorherigen Abends, und auf einmal der Fischmann dort stand, größer als mannshoch, den Körper bogenförmig gekrümmt wie ein aus den Fluten springender Delfin oder wie ein sich flatternd von der Wasseroberfläche erhebender Schwan, kurz bevor er in die Lüfte stieg, die Füße noch im Nass, den Körper bereits in der Luft. Neben ihrer überschwänglichen Lebensfreude – das bemerkte Jonty sofort – ging von der Skulptur jedoch auch eine tiefe Traurigkeit aus.
An diesem ersten Morgen hatte sich Jonty ganz langsam der Figur genähert. Er verspürte den Wunsch, sie zu berühren, aber etwas hielt ihn zurück. Auf der Vorderseite besaß sie ganz deutlich die Gestalt eines Delfins, doch wenn man sie umrundete, veränderten sich die Formen in die eines Hais. Auf der Rückseite wiederum schien die Skulptur durch düstere Merkmale noch in ihrem Aufstieg bereits ihren Untergang anzukündigen. Bestimmte Konturen ähnelten auf den ersten Blick einem gefalteten Flügel, erinnerten aber bei näherem Hinsehen eher an den muskulösen Oberschenkel eines Mannes.
Die Skulptur war sauber ausgearbeitet – keinesfalls das Werk eines Amateurs. Im Übrigen überragte sie qualitativ bei weitem die Ansammlung halb fertiger Figuren, die rund um Jontys kleines Haus verstreut lagen. Etwa den Mann mit dem flotten Straußenfederhut, der dort drüben am Hühnerstall lehnte. Und dann die Engelsfigur, die in der Nähe der Hintertür lag: Die eine Hälfte ihres Gesichts war abgesplittert, als hätte der Teufel ein Stück herausgebissen. Und dieser kleine Junge in knielangen Hosen: Ihm fehlte die rechte Hand …
Meine gebrechlichen Lämmchen, nannte Jonty sie insgeheim. Der Fischmann jedoch stellte ein vollendetes Kunstwerk dar. Das ist eine Botschaft an mich, dachte er, die mir zeigen will, wonach man streben sollte. Er roch an der Skulptur und nahm den Zimt- und Schwefelgeruch wahr, den die Hand des Schöpfers hinterlassen hatte. Jonty fiel auf die Knie und gab der Fischskulptur einen Namen.
»Visman Steier« – »taumelnder Fischmann«, so taufte er sie und löste damit in Tallejare heftige Diskussionen aus: »Aber dieses Fischdings steigt doch empor, es springt aus dem Wasser«, wandten die Dorfbewohner ein. »Wie kommst du bloß darauf, dass es taumelt, Jonty?« Andere sagten: »Du hast wohl noch nie gesehen, wie ein Mann eine Kugel in die Brust kriegt, dann wüsstet du, was ›taumeln‹ bedeutet.«
Doch Jonty blieb dabei: Der Fischmann steige zwar empor, aber zugleich taumle er auch. »So ist das Leben«, sagte er später oft, wenn er in der Kneipe saß. »Eben hast du noch gedacht, es ginge voran, aber in Wirklichkeit taumelst du schon wieder rückwärts in die Vergangenheit.«
Und wenn er so richtig betrunken war, erzählte er dieselbe Geschichte immer wieder von vorn. Der Fischmann stamme nicht von ihm, sondern habe eines Morgens fix und fertig dort vor seiner Tür gestanden, glänzend in der aufgehenden Sonne, vom Tau benetzt, während noch Nebelschwaden aus den im Sägemehl blühenden Aronstäben aufgestiegen seien. Ja, die Figur sei noch ganz in Dunst gehüllt gewesen, fuhr Jonty dann so nach dem vierten Brandy fort, noch warm von den Händen des Schöpfers, wie ein neugeborenes Kalb, das gerade aus dem Leib seiner Mutter geglitten ist.
Schallendes Gelächter in der Kneipe. »Taumelnder Jonty«, lästerten die Säufer über ihn, allerdings nicht ohne eine gewisse Vorsicht, weil ihnen rätselhaft blieb, warum ein reicher Mann wie er sich in einer Hütte in der Höhlenschlucht vergrub. Als später in Tallejare bekannt wurde, dass er das Angebot Ingi Friedländers im Namen der Nationalgalerie abgelehnt hatte, tuschelten die Leute, wenn er, umnebelt vom Marihuana, das er in der Schlucht hinter seinem Haus anbaute, an ihnen vorbeischlenderte: »Schau, da geht der taumelnde Fischmann. Er sät Hanfsamen in seinem Garten, und daraus wachsen dann Kunstwerke.«
Manchmal verspotteten sie ihn sogar ganz offen: »He, taumelnder Fischmann, wachsen die Skulpturen in deinem Garten noch?«
Die Tallejaner hatten ihren Spaß daran, Jonty derart zu ärgern, mehr noch: Es erleichterte sie. Denn die Taten und Missetaten der beiden Familien, von denen Jonty abstammte – die Berghs und die Pistorius’ – waren untrennbar mit der traurigen Geschichte ihres abgelegenen Dorfes verknüpft. Die Vorstellung, dass ein Angehöriger der Familie Bergh offensichtlich auf dem besten Weg war, den Verstand zu verlieren, hatte etwas seltsam Beruhigendes für sie. Schließlich hatte das ganze Dorf jahrzehntelang angenommen, die beiden Familien hüteten das große Geheimnis, durch das sich ihr Dorf nicht von der Vergangenheit lösen konnte.
Und noch etwas flüsterten die Leute hinter vorgehaltener Hand: »Er sollte besser das verloren gegangene Gold aus der Erde hervorzaubern anstatt irgendwelche Statuen.« Doch das Schweigen und die Angst vieler Jahre hinderten sie daran, dem Bildhauer mit dem roten Pferdeschwanz solche Dinge offen ins Gesicht zu sagen.

»Der Typ ist schizophren«, flüsterte ein Kollege Ingi Friedländer ins Ohr, als sie sich auf die lange Fahrt nach Tallejare vorbereitete.
Damit meinte er Jonty Jack, den Künstler, über den es so gut wie keine Informationen gab. Doch Ingi strich ihr langes, weizenfarbenes Haar zurück, drehte dem Mann ihr florentinisches Profil zu und erklärte: »Kunst ohne eine Spur Verrücktheit ist doch uninteressant. Da brauchst du dir doch nur mal all diese politisch korrekten Bilder anzuschauen, die hier an den Wänden hängen. Gerade jetzt, kurz vor Beginn des neuen Jahrtausends, sind ein paar Kunstwerke von durchgeknallten Marihuanarauchern doch genau das, was wir brauchen.«
Entnervt räumte Ingi ihren Schreibtisch auf und ordnete Berge von Akten: Zahlenkolonnen rund um die Deckung der Bewirtungskosten für Minister und Beamte, die regelmäßig zu langweiligen Ausstellungen eingeladen wurden, Kostenvoranschläge für die Reparatur von durch starke Winterniederschläge verursachte Löcher im Dach und endloser Schriftverkehr mit Künstlern, die sich darüber aufregten, dass ausgerechnet ihre Werke noch nicht in der Nationalgalerie hingen.
Erleichtert trat sie hinaus ins Freie, überquerte den Platz mit den Grünanlagen, ging am Springbrunnen vorbei, der in der Morgensonne glitzerte, und quer durch einen Schwarm Tauben und spielende Kinder zu ihrem gelben Peugeot-Kombi, an dem bereits der Hänger befestigt war.
Zwar hatte der Minister sie darum ersucht, »Regenbogenkunst« von Künstlern aller Hautfarben für das Museum zu erwerben – »um das Wunder der Freiheit zu feiern« –, doch Ingi Friedländer, ein wenig zu unerfahren für ihren Posten, möglicherweise zu jung und vielleicht auch zu kritisch, bekam auf der langen Reise, die sie nun antrat, vorerst nichts davon zu sehen. Überfüllte Kleinbusse schlängelten sich rücksichtslos durch den Verkehr stadtauswärts. Am Straßenrand weideten Schafe und Ziegen, und die Fahrzeuge rasten gefährlich nahe an ihnen vorüber.
Doch nach einer Weile lichtete sich der Verkehr, und Ingi Friedländer ließ den Stadtlärm hinter sich. Wie eine sich lösende, langsam öffnende Faust entfaltete sich die Landschaft. An den Hängen der Weinberge gingen die vielfältigen Farbtöne subtil in immer andere Schattierungen über, und der Wind wehte böig über die mit Fynbos bewachsene Ebene.
Der Hänger war voll gepackt mit Schaumstoff und Decken, um die berühmte Skulptur zu polstern, die zwar bisher kaum jemand gesehen hatte, deren Ruhm aber bereits die Fantasie eines jeden Kunstkenners beflügelte.
Als man am Kap erfahren hatte, dass die Skulptur Visman Steier genannt wurde, war das Interesse an ihr ins Unermessliche gestiegen. Die Museen kauften heutzutage fast alle Werke nach reinem Hörensagen, weil sie sich einerseits verzweifelt darum bemühten, den Zeitgeist zu erhaschen, und zugleich mit aller Macht versuchten, sich trotz der mitleidlosen Kulturetatkürzungen der Regierung über Wasser zu halten.
Als sie das Weinanbaugebiet verließ und sich die endlose, flache Landschaft der Karoo um sie herum erstreckte, begann Ingi zu singen. Sie kurbelte die Fenster weit herunter und sah sich selbst wie aus weiter Ferne: eine junge Frau, Ende zwanzig, mittelgroß, mit braunen Augen und langen Haaren, die im Wind flatterten, am Steuer eines nicht mehr ganz neuen, grellgelben Peugeot-Kombis sitzend und durch eine fremde Landschaft fahrend.
Hundert Meter vor dem Auto flüchtete eine Herde von Springbockantilopen; mit hohen Sprüngen hüpften sie durch die Luft wie Primaballerinen. Während aus dem Kassettenrekorder des Peugeots George Gershwins »Summertime« erklang, bog Ingi von der asphaltierten Straße ab. Man hatte sie vorher gewarnt, dass die unbefestigte Straße nach Tallejare stellenweise ziemlich holprig sei, und ihr geraten, genügend Schaumstoff in den Hänger zu packen, damit die Figur unbeschädigt im Museum ankomme.
Doch keine Warnung hätte sie auf den Zustand des nächsten Straßenabschnitts vorbereiten können, den sie nun antraf. In jeder Kurve hatten die Reifen schwerer Busse tiefe Spuren hinterlassen; an anderen Stellen war die Oberfläche lose und sandig, wies aber unter dem Staub harte, wellblechartige Querrillen auf, auf denen der Hänger gefährlich hin und her hüpfte.
Einmal hielt Ingi an, überzeugte sich davon, dass der Anhänger noch ordentlich an der Kupplung hing, und schaltete Gershwin einstweilen aus. Rings um sie herum erstreckte sich das Veld, und wo sie die Linie des Horizonts vermutete, flirrte die Luft.
Ingi lauschte dem Zirpen der Grillen und dem Wind. Die Schnellstraße hatte sie inzwischen weit hinter sich gelassen. Sie war gespannt auf Jonty Jack und seine Skulptur. Im Museum hieß es, der Bildhauer habe alle großzügigen Angebote anderer Galerien bisher aus grundsätzlichen Erwägungen abgelehnt.
Sie beobachtete einen kleinen Falken, der flatternd über der Ebene stand, wie ein Stück Stoff oder ein Fetzen Plastikplane. Es war höchste Zeit gewesen, aus dem Museumsalltag einmal auszubrechen. Sie brauchte Tapetenwechsel. Sie sollte Jonty Jack in Tallejare aufsuchen, sein Werk begutachten und die Skulptur, die in aller Munde war, erwerben, falls sie so außergewöhnlich sein sollte, wie man behauptete.
Sie stieg ins Auto, nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und fuhr weiter. Warum so eilig, Ingi?, fragte sie sich. Niemand interessiert sich dafür, ob du morgen oder übermorgen ankommst.
Bei diesem Gedanken entspannte sie sich, verringerte die Geschwindigkeit und schaltete den Kassettenrekorder wieder ein.
Neben ihr auf dem Beifahrersitz lag eine handgezeichnete Karte. Ein Kollege, der Mountainbiketouren im Landesinneren unternahm, hatte ihr erklärt, dass der Weg nach Tallejare von der unbefestigten Straße abzweigte, auf der sie nun unterwegs war. Dies sei aber auf keiner offiziellen Karte verzeichnet, weshalb Ingi nun seinen Anweisungen folgte.
Nach einem abschüssigen Stück Weges stellte sie fest, dass sie sich am Rande eines Steilabbruchs befand und von nun an in die unermessliche Weite der Karoo hineinfahren würde, wo zarte blaue, weiße und graue Farbtöne flimmernd ins Bräunliche übergingen. Neben einer Dornakazie zweigte unversehens die kurvenreiche Nebenstraße ab, die in Richtung der Ebene führte. Sie ging steil bergab und tauchte durch eine Senke, in der ein verrostetes Autowrack lag. Dann verbreiterte sich die Straße wieder und verlief gleichmäßiger. Hier und da hatte man kleine Schutzwälle errichtet, um Wasserschäden in Grenzen zu halten. Dann tauchte ein alter Meilenstein auf, in den kaum lesbar die Zahl 68 eingraviert war.
»Wenn du die 68 siehst«, hatte der Kollege Ingi erklärt, »solltest du dir klar machen, dass diese Zahl reine Augenwischerei ist. Trink also einen Schluck Wasser, und schick ein Stoßgebet gen Himmel, denn das Schlimmste liegt noch vor dir. Du wirst dich noch nach der N1 sehnen!«
Doch alles war halb so wild. Die Straße war offensichtlich vor kurzem ausgebessert worden. Die Fahrbahn, von niedrigen Sträuchern gesäumt, erstreckte sich schnurgerade vor ihr. Nur dann und wann kam sie an einsamen Farmgebäuden vorbei, in denen man zum Schutz gegen die Sonne die Vorhänge zugezogen hatte oder in deren Wänden schwarze Löcher klafften, weil Wind und Wetter schon vor geraumer Zeit die Fensterscheiben aus den Rahmen gerissen hatten.
Plötzlich und unerwartet, ja furchterregend, kam in der Ferne der massive Berg in Sicht: dunkel, abweisend und irgendwie nicht in diese Gegend passend.
Das sei der Onwaarskynlik-Berg, hatte ihr Kollege erklärt. Ganz unvermittelt, wie eine Erscheinung, war er aus dem Nichts erschienen. Ein Massiv, das aussehe, als stamme es aus dem Boland, als habe sich ein Stück aus der Hexrivier-Bergkette losgerissen und sei weggelaufen, um sich hier mürrisch auf der Ebene niederzulassen. »Ein sehr geheimnisvoller Berg«, hatte ihr Kollege noch hinzugefügt.
Während sie auf ihn zufuhr, beobachtete Ingi, wie der Berg ständig Form und Aussehen veränderte. Im einen Augenblick wirkte er bedrohlich, ganz in Schatten gehüllt, und im nächsten glänzte er silbrig in der Sonne.
Dann, als der kalte Schatten des Onwaarskynlik auf sie fiel, veränderte sich die Beschaffenheit des Bodens und des Velds. Am Fuß des Bergs lag hinter einem Zaun ein vertrockneter, abgestorbener Obstgarten. Daneben verlief ein aus grauen Steinen gemauerter Bewässerungsgraben mit verrosteten Schleusen.
Dann ein weiterer Begrenzungszaun, diesmal um ein Luzernefeld, und das erste Haus: ein kleines Cottage im kapholländischen Stil mit schneeweiß getünchten Wänden, einem geschwungenen Fassadengiebel und Holzläden. Hinter dem Haus befanden sich ein viereckiges Steinwasserbecken und eine Windpumpe, deren Rad sich in der Brise drehte. Ein Mann hob den Kopf und schaute ihr, wie sie im Rückspiegel sah, noch lange nach.

aus: Etienne van Heerden: Das lange Schweigen
© Verlagsgruppe Random House 2oo4


Wir danken den Verantwortlichen für die Veröffentlichungserlaubnis!


 
   

   
  
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