Mittwoch, 26. Juli 2017


Der weiße Schatten, Russell Banks - AfrikaRoman-Rezension





Kommentar zum Buch von Russell Banks
Verlag: Luchterhand Literaturverlag
ISBN: 3-630-87215-8
Seiten: 511
Einband: gebunden
Erschien: Feb. 2006

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Buchrezension von Dagmar Sachse
Veröffentlicht am 23. September 2006


Von Träumern, Terroristen und Politik - die späte Lebensbeichte der Hannah Musgrave

Hannah Musgrave ist ungefähr Mitte Fünfzig, als sie ihre Ökofarm in den USA in den Händen ihrer Mitarbeiterinnen zurückläßt und nach Liberia aufbricht, um ihre verschollenen Söhne zu suchen und um sozusagen unter alte Erinnerungen einen Schlußstrich zu ziehen. Das erfährt man beim Lesen zuerst, wenn auch sehr viel verworrener und umständlicher beschrieben. In Rückblenden erzählt die Ich-Erzählerin Hannah dann aus ihrem Leben: aufgewachsen ist sie als privilegierte Tochter in einem wohlhabenden, liberalen, aber emotional ziemlich unterkühlten Elternhaus. Die Mutter ist nicht fähig, an etwas anderes als sich selbst zu denken und der Vater, ein erfolgreicher Autor eines Erziehungsratgebers, will die Tochter zu einem lebenden Beispiel seiner Erziehungsmethoden zurechtbiegen. Klar, daß da die Revolte folgt – kaum auf dem College, schließt Hannah sich radikalen Bombenbastlern an, schmeißt ihr Studium und geht schließlich als Mitglied einer Organisation namens „The Weatherman”, dessen Ziele nie genau definiert werden, in den Untergrund. Weshalb sie vom Geheimdienst gesucht wurde, welche Ziele sie verfolgte und vor allem: warum die Protagonistin freiwillig zur Gejagten wird – der Autor hüllt sich in Schweigen.
Schließlich flieht Hannah, gemeinsam mit einem „Mitkämpfer” und einem falschen Paß, nach Liberia. Dort findet sie, dank einer zwischendurch absolvierten medizinischen Ausbildung, Arbeit in einem von einer amerikanischen Universität finanzierten Labor. Ihre Aufgabe ist es, Blutproben der dort getesteten Schimpansen zu prüfen und zu verschicken. Sie lernt einen liberianischen Minister kennen, heiratet ihn, bekommt drei Söhne, aber kümmert sich nicht um sie, sondern lieber um die Schimpansen in ihrem Labor. Natürlich kommt es, wie es in solch einem Buch kommen muß: mit Ausbruch eines Bürgerkrieges wird ihr Mann vom neuen Machthaber hingerichtet, ihre Söhne werden ihr genommen und zu Kindersoldaten gemacht und sie selbst flieht mithilfe eines Botschaftsangehörigen zurück nach Amerika. Dort kauft sie eine Ökofarm und arbeitet viele Jahre als Bäuerin (ja, auch das kann sie), bevor es sie auf einmal nach Liberia zurückzieht, um zu sehen, was aus ihren Schimpansen und ihren Söhnen (in dieser Reihenfolge) geworden ist.

Kommt die Story an einigen Stellen schon ziemlich konstruiert daher, so fiel es mir noch viel schwerer, mich in die Protagonistin einzufühlen. Vielleicht liegt es daran, daß es für einen männlichen Autor (außer in Ausnahmefällen) nun mal ziemlich schwierig ist, das Innenleben einer weiblichen Hauptfigur überzeugend darzustellen. Zu bemüht wirkt Hannahs Radikalismus, die Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Familie und, im krassen Gegenzug dazu, die Liebe zu den Schimpansen. Auch was eventuell Raum für eigene Fantasie lassen sollte, vermisste ich beim Lesen: das fast völlige Fehlen einer Beschreibung Hannahs äußerlicher Merkmale. Das trug für mich dazu bei, die Person nicht als plastische Figur in einer Geschichte, sondern bloß als ein zu Papier gebrachtes Frauenbild des Autors zu sehen.
Das ständige Betonen ihres „Anders-Seins”, der ewige innere Kampf mit ihrer Vergangenheit, das Hadern mit ihrer Familie – alles wirkte auf mich etwas zu bemüht. Und wenn es mir schon schwerfiel, Hannah vor meinem geistigen Auge ein Gesicht zu geben, so gelang mir das bei allen anderen handelnden Personen so gut wie gar nicht: ihre Eltern, ihr Mann, ihre Söhne – für mich bekamen sie alle im Verlauf des Romans nicht mehr als vage Umrisse.
Trotzdem gab es einiges, was mir an Russell Banks’ Roman gefiel: zum einen die Art, wie er schreibt. Wenn er nicht versucht, historische Fakten in eine krude Story zu verweben oder sich in die Psyche einer Frau hineinzuversetzen, sondern stattdessen einfach nur be-schreibt (Menschen, Landschaften, bestimmte Situationen), macht »Der weiße Schatten« auf einmal Spaß. Auch die Konstruktion des Romans, die Rückblenden ineinander verwoben, verführte mich zum Immer-Weiter-Lesen – bis zum Schluß.
Und auch wenn der Roman bei mir sicher nicht den besten und schon gar keinen bleibenden Eindruck hinterließ, so hat er zumindest Neugier auf andere Bücher von Russell Banks geweckt – und die Hoffnung, daß deren Handlung mich mehr überzeugt als »Der weiße Schatten«.

Bewertung: 2 afrikanische Kontinente

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