Dienstag, 22. August 2017


Die Gottestänzerin, Cornelia Canady - Rezension





Kommentar zum Buch von Cornelia Canady
Die Gottestänzerin
Verlag: Heyne
ISBN: 3-453-21170-7
Seiten: 310
Einband: gebunden
Erschien: März 2002

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Rezension zu
„Die Gottestänzerin. Mein Leben bei den Pygmäen” von Cornelia Canady


Autor: Saskia Henzschel
schrieb am 13. Juni 2oo5
Die von den Göttern verlassen wurden...

Unterhalsam, aufrüttelnd und sehr informativ
Kompletter Erfahrungsbericht
Die Pygmäen, eine der letzten Naturvölker, die noch in den Regenwäldern Zentralafrikas leben, sind Thema eines Buches, welches ich letzte Woche gelesen habe.
Geschrieben wurde es von einer Verhaltensforscherin, die an einer Expedition zu diesem kleinwüchsigen Volk teilnahm, welches sich psychisch, durch Körperwuchs und Organismus an den feuchtwarmen Lebensraum angepasst hat.
Beeindruckend fand ich, mit wie viel Liebe und Hingabe Cornelia Canady, besagte Forscherin, von den Menschen, Tieren und der Natur des afrikanischen Kontinents berichtete. Dies ist aber nicht der einzige Grund, warum ich über dieses Buch schreiben möchte. Selten wurde ich so mit Information, gepaart mit spannenden Abenteuern, unterhalten.
Die Autorin versteht es, ihr Anliegen, Schutz und Erhalt des natürlichen Lebensraum ihrer Freunde, den "Gottestänzern" ( wie sich die Pygmäen selbst nennen), näher zu bringen.

„Die Gottestänzerin- Mein Leben bei den Pygmäen”

beginnt mit einer Expetition, zu der sich Cornelia Canady überreden ließ. Sie führte die junge Wissenschaftlerin zusammen mit zwei weiteren Teilnehmern mitten in den tropischen Regenwald von Zentralafrika, zu den Ureinwohnern, den Pygmäen.
Noch ahnte niemand, dass dieses Abenteuer das gesamte Leben von Cornelia verändern wird. Denn Anfangs beherrscht Angst vor dem Ungewissen und den Raubtieren des Dschungels und außerdem Unwissen über das zu erforschende Volk ihre Gedanken.
Mit einer unübertroffenen Art von verstecktem Humor gelingt es der Schriftstellerin, über ihr Wagnis so zu berichten, so dass ich das Buch am Liebsten gar nicht aus der Hand legen wollte.
Sie schafft es, mit ein paar wenigen Attributen die Zuneigung des Lesers zum Pygmäenvolk zu wecken. Man glaubt ihr, wenn sie beschreibt, wie ihre Angst von der Neugier besiegt wird, nachdem sie von den kleinwüchsigen Menschen nach anfänglichem Argwohn doch herzlich aufgenommen wird.
Der erste und größere Teil handelt von den wenigen Wochen, die die Expetition dauerte.
Hier beschreibt Cornelia hauptsächlich die Lebensweise, Kultur und das Verhalten der Aka- Pygmäen, um die es in diesem Buch geht.
Wie eine Zeitreise zur Steinzeit mutet es an, wenn man der Autorin und ihren Begleitern folgt.
Sie zeigt uns das Dorf, beschreibt mit sehr persönlichen Worten deren Einwohner, ihre nomadenhafte Lebensweise. Sie erzählt, dass die Pygmäen nie ein zweites Mal in ihrem Leben an einem gleichen Ort campieren, da sich die Natur dort wieder erholen muss. Überhaupt macht uns dieses Buch immer wieder klar, wie verantwortungsvoll die Naturvölker mit ihrem Lebensraum umgehen.
Und es klagt an: mit unverhohlener Wut beschreibt Cornelia Canady, wie Wildere Tiere abmetzeln und profitgierige Holzhändler ganze Regenwaldabschnitte roden wegen eines einzigen wertvollen Baumes.
Als ihr guter Freund und Dorfältester Djele stirbt, verspricht sie ihm am Sterbebett, sich um sein Volk zu kümmern. Nicht erst jetzt wird ihr klar, das mit dem Ende der Expedition ihr Leben in Afrika nicht zu Ende sein wird. Sie beschließt, hier zu bleiben und den Gottestänzern zu helfen, denn innerlich hatte sie diesen Entschluss schon viel eher gefällt.
War es der Moment, als Mbouka und Ngonga, zwei Frauen des Stammes, ihr eine Hütte bauten, oder als sie mit der Kinderschar durch den Wald zog und sich von ihnen die Pflanzen erklären ließ, die Rituale und Feste, die sie miterleben durfte... Mit einem Augenzwinkern schreibt sie über Mobo, den Draufgänger, beschreibt die Schönheit der Frauen , erzählt die Geschichte, als sie die tapferen Jäger erschreckte und dabei vor Lachen fast vom Baum fiel... wahrscheinlich alles zusammengenommen haben in ihr die Überzeugung geweckt, mehr für dieses vom Aussterben bedrohte Volk zu tun.
Und die Gefahren im Dschungel, von Angriffen der Riesenameisen oder Affen bis hin zu Schlangenbissen, hielten sie davon nicht ab.
Doch nun beginnt der imaginäre zweite Teil des Buches und beschreibt Cornelias Kampf gegen Windmühlenflügel. Die Ignoranz der Behörden, die Brutalität der Wilderer und nicht zuletzt sogar die Uneinsichtigkeit vieler Afrikaner selbst ließen sie manches Mal verzweifeln. Hinzu kamen noch Krankheit und Krieg, so dass sie nach zehn Jahren verbissenen Einsatzes für Natur und Mensch doch das Land verlassen musste.
In dieser Zeit allerdings hatte sie alle möglichen Hebel in Bewegung gesetzt, versucht, ein Stück Land zu kaufen und es zum Naturschutzgebiet erklären zu lassen, ihre Freunde anzusiedeln, da es durch die Rodungen für die Pygmäen immer schwieriger wurde, ihre Nomadenleben fortzusetzen.
Cornelia fand auch zahlreiche Helfer, die ihre Bemühungen unterstützten, selbst das WWF und die UNO schalten sie mit ein.
Alles vergebliches Bemühen, die Zerstörung des Regenwaldes und Ausrottung der Bewohner ließen sich nicht stoppen.
Und dennoch ist es ein Buch was Mut macht, denn es zeigt, das es Menschen gibt, die nicht alles klaglos hinnehmen und noch so viel Mut besitzen, sich für etwas einzusetzen, selbst wenn es aussichtslos erscheint.

Leseproben:

[…Eindringlich schaute er mich an und ich nickte kleinlaut. „Also, sie benutzen Waffen nur zum Jagen; Kriege oder tätliche Angriffe gibt es bei ihnen nicht. Alle Pygmäen sind friedlich und von jeher haben sie im tiefen Gleichgewicht mit dem Wald und den benachbarten Fischern, den Monzombo, gelebt. Und durch ihr nomadisches Leben kommen sie sich nie in die Quere; jeder benutzt die Ressourcen auf seine Weise, ohne dem Wald oder anderen zu schaden! Amen!“ Er knufft mich freundschaftlich, und schon stand er auf. Das Letzte, was er noch so von sich gab, dass es keinen Widerspruch duldete, war: „Bis Morgen!“…]
[…Kälte stieg in mir auf, als ich mich zum Eingang hinunter bückte und hinter Ngonga in die Hütte hineinkroch, gefolgt von Sangui. Als sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, sah ich ihn: da lag Djele, Herr des Waldes und Gebieter seiner Sippe, die Augen geschlossen und mit eingefallenen Wangen, unbeweglich. Ich war zu spät gekommen! Tränen stürzten mir aus den Augen.
„Du hast mich gerufen, und ich habe mich beeilt, deinem Ruf zu folgen, Djele, geliebter Freund! Bleib bei uns, bitte!“ flüsterte ich mit erstickter Stimme und strich ihm zart über die Stirn, über die steilen Schmerzensfalten zwischen seinen buschigen Augenbrauen. Da schlug er noch mal die Augen auf. Sein Blick ruhte lange auf meinem Gesicht. Dann flüsterte er Ngonga etwas zu, sie wiederholte es, und er schloss die Augen. Vorsichtig ergriff ich seine Hand, und Sangui übersetzte:“ Du musst dich um seine Leute kümmern, sie werden sonst alle untergehen.“…]
[…Unglaublich, mit aufrichtiger Begeisterung sah ich die Mädels in einem völlig anderen Licht: So viel Selbstbewusstsein, dachte ich bewundernd. Nicht, dass ich es genauso wollte, aber es zeigte mir mal wieder mein Vorurteil, bei einem unterprivilegierten Volk unvollkommene Strategien zu erwarten…]

Eine Besonderheit in diesem Buch

sind Informationskästen. Eingerahmte Texte, die Beispielsweise über die Bedrohung des Waldelefanten oder der Gorillas informieren, ebenso wird der Begriff Leibeigenschaft definiert, oder Jäger und Sammler... an Hand der Pygmäen, da diese Begriffe dort an Aktualität wieder gewinnen.
Die gleichen Info-Fenster findet man noch mal am Ende des Buches, wo man über das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen - PNUD - informiert wird.
Und es werden Spendenmöglichkeiten aufgeführt, für all diejenigen, die durch dieses Buch aufgerüttelt wurden. Und ich denk mir, das sind nicht wenig.
Es wird auch auf weiterführende Literatur hingewiesen, und es ist erstaunlich, wie viel Bücher es zu diesem Thema gibt.

Der Regenwald und dessen Bewohner

Stellt euch doch nur mal den Dschungel vor, mit seiner Vielfalt an Pflanzen, Tieren und Vögeln, 45% aller Pflanzen und Tiere der Erde leben hier.
Kaum ein Lichtstrahl dringt durch das dichte Blätterdach, seltsame Geräusche, geheimnisvolle Düfte, Lianen und Epiphyten lassen den Zauber eines Märchenwalds entstehen - Morast, Schlangen und Tausende von Insekten vernichten diese Idylle aber gleich wieder.
In Jahrtausenden gewachsen, beherbergt der afrikanische Regenwald seltene Tiere wie die Flachlandgorillas, den Waldelefanten und die Bongo-Antilopen.
Und nun sind skrupellose Wilderer und Diamantensucher sowie die Holzindustrie im Begriff, diesen Wald in wenigen Jahren zu vernichten, den Menschen und Tieren dieser Regionen den Lebensraum zu nehmen, sowie der Erde ihre grüne Lunge.
Besonders schlimm betroffen sind die Pygmäen, die ältesten Einwohner Zentralafrikas.
Ihr Wissen um die Heilkraft vieler Pflanzen, ihre traditionelle Lebensweise, ihr Jagd- und Sammeltrieb zeugen von uralter, überlieferter Kultur.
Ihr Name kommt aus dem Griechischen und bedeutet: eine Faust lang, zwergenhaft. Pygmäen erreichen eine Größe von etwa 1,4o m.
Die Männer gehen zur Jagd, die Frauen sammeln Kräuter, Früchte, Knollen und Pilze.
Jede Familie benötigt etwa 1o m² Wald als Lebensraum.
Die kuppelförmigen Hütten der Pygmäen bestehen aus Ruten und großen Blättern, ihre spärliche Kleidung aus Rindenbast.
Ja, es gibt tatsächlich noch eine Hand voll Menschen auf dieser Welt, die mit der Natur leben, und nicht gegen sie. Die sich in vielen Jahren angepasst haben an die widrigsten Umstände und denen jetzt dieser Lebensraum genommen wird, dieser Verlust bedeutet für die Pygmäen Umzug in die Savannen und durch die plötzliche hohe Sonneneinstrahlung Haut- und Augenkrankheiten, Herzversagen und Angstneurosen. Die Kindersterblichkeit beträgt jetzt schon 7o-8o%.
Man muss schon ein großer Ignorant sein, wenn einen das alles nicht berührt. Irgendwie schauen wir alle zu, wie wir uns selber das Wasser abdrehen, wie eines der letzten Naturvölker ausstirbt und ein Spruch der von Green- Peace sein könnte, hat traurige Aktualität: "Wenn wir so weiter machen, ist der Busen der Natur bald im Arsch!"

Die Autorin

vor der ich den Hut ziehe.
Mit unglaublich viel Mut und Entschlossenheit redet sie nicht nur von einer besseren Welt, sondern tut etwas.
Cornelia Canady ist 1942 in Berlin geboren. Von 1968 bis 1978 arbeitete sie als Journalistin für ZDF, ARD und RTL um dann 1979 in die Dienste des legendären Verhaltensforschers Prof. Dr. Dr. I Eibl-Eibesfeld am Münchener Max-Planck-Institut zu treten. 199o erhält sie von ihrem Chef das Angebot, an einer Expetition teilzunehmen, die in den Regenwald nach Zentralafrika führt, um dort das Leben der Pygmäen zu erforschen. Nur widerwillig nimmt sie an... Aus dieser Expetition werden zehn Jahre Leben in Afrika, am 16. August 2oo1 muss Cornelia Canady das vom Bürgerkrieg geschüttelte Land verlassen und lebt jetzt wieder in München. Weitere Bücher von ihr sind "Tränen am Oubangui" und "Ruf des Abendwinds".

Mein Fazit

zu diesem Buch ist: sollte man unbedingt lesen, vor allem, wenn man an der Kultur vielleicht bald nicht mehr existierender Völker interessiert ist. (Dieser Sarkasmus ist im Buch übrigens so nicht vertreten.)
Es ist nicht nur eindringlich und spannend sondern auch in einem heiteren Stil geschrieben, der allerdings nie die wirklichen Probleme in den Hintergrund drängt.
Farbfotos, die uns Cornelias Freunde und deren Dorf zeigen, bringen uns deren Welt etwas näher.
Ich empfinde unglaubliche Hochachtung für diese Frau und zolle ihr Respekt, die Gründe dafür gehen aus meinem Bericht hervor.

Erschienen ist das Buch 2oo2 beim Wilhelm Heyne Verlag München, kostet 19,5o und es handelt sich um eine gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag. Weitere Informationen findet man unter www.heyne.de und www.cocan.de .

Ich bedanke mich für euer Interesse!

Bewertung: 5 afrikanische Kontinente 5 afrikanische Kontinente 5 afrikanische Kontinente 5 afrikanische Kontinente 5 afrikanische Kontinente

Vielen Dank an Saskia Henzschel
© Literaturportal AfrikaRoman - Afrikaromane im Netz



 
   

   
  
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