Sonntag, 28. Mai 2017


Prolog

Über Afrika ist seit zweihundert Jahren viel Kluges und Spannendes geschrieben worden. Allein die so genannte Kolonialliteratur füllt Bibliotheken in mehreren Sprachen und ist Thema etlicher Afrikaverfilmungen. Aber was haben all diese Bücher und Filme, außer dass in ihnen Afrikaner die Statisten sind und dramatisch Löwen und Leoparden durch eine unglaubliche Landschaft streichen, mit Afrika zu tun?

Afrika erscheint heute von Deutschland aus so weit fort wie nur irgendeine Einöde. Denkt man an die Berichterstattung über afrikanisches Leben, dann scheint dort für die Tiere ein Paradies, für die Menschen jedoch die Hölle zu sein. Kein Elend, das nicht auf Afrika in Extremform zutreffen würde: Armut, Hunger, Seuchen, Kriege und Staatszerfall. Die optimistischen Erwartungen, die sich von Europa aus für ein gutes Jahrhundert auf Afrika richteten, scheinen vollständig verschwunden zu sein.

Offenbar ist es an der Zeit, afrikanische Literaturgeschichte zu erweitern und neu zu definieren. Sie nicht mehr nur als eine abgegrenzte literarische Epoche zu sehen, sondern als Teil des globalen literarischen Diskurses. Weg von der romantisch-verklärten Vorstellung von Umarmungen unter tropischem Himmel, die alte Bilder verfestigt und unheilvoll Vorurteile bestärkt. Die neue Herausforderung stellt nun der Umgang mit regionalen Traditionen, afrikanischer Modernität und dem Verschwimmen vormaliger geografischer wie auch ideologischer Grenzen dar.

Doch ehe wir uns der afrikanischen Gegenwartsliteratur zuwenden, ein kleiner Rückblick.

„Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong-Berge...” Diese Worte, die ersten aus dem berühmtesten Buch der Dänin Tania (Karen) Blixen, gingen in die Literaturgeschichte ein. Als Grundlage einer der bekanntesten und erfolgreichsten Afrikafilme sorgte „Jenseits von Afrika” (Out of Africa) in den 198oer Jahren für einen riesigen Afrika-Saga-Hype. Neben Ernest Hemingway galt Tania Blixen als die Erfinderin eines Mythos: so verlockend, so wild, so bezaubernd ist Afrika selten geschildert worden. Afrika wird bei Blixen zum Sinnbild der Freiheit, der Harmonie zwischen Natur und Kultur, Seele und Landschaft, Geschichte und Mythos. Ein sehr persönliches Afrika, das Land ihrer Sehnsucht. Aber die Autorin weiß auch um die Schatten, die auf dieses Paradies fallen: die Ausbeutung und der Ausverkauf Kenias durch die britischen Kolonialherren, die Vertreibung der Stämme aus ihren alten Stammesgebieten, die Großwildjäger, die die Tiere in Massen ermorden. So ist dieses Werk vor allem eine Klage gegen das Verlorene, gegen die Kommerzialisierung, ein Abgesang auf ein untergehendes Zeitalter.

Im Afrika der Tania Blixen war auch Beryl Markham (beide damals gut befreundet) eine außergewöhnliche Frau. In ihrer 1942 erschienenen, auch heute noch spannend zu lesenden Autobiografie „Westwärts mit der Nacht”, beschreibt die leidenschaftliche Fliegerin ihr abenteuerliches Leben im Afrika der Kolonialzeit. Sie erzählt vom kenianischen Hochland und seinen Bewohnern, den Kikujus und den stolzen Massai, berichtet von der Elefantenjagd und den Weißen und nicht zuletzt von ihrem fliegerischen Bravourstück 1936, dem Alleinflug über den Atlantik von Ost nach West.

Eine weiterer "Star" der Afrikaromane ist Stefanie Zweig. Der Roman „Nirgendwo in Afrika” ist mit seiner bildhaften Sprache ein Stück literarisch bewältigter Zeitgeschichte.

Natürlich gibt es viele weitere Namen, die hier aufgeführt werden können! Namen, die alle ihre individuellen oder mühsam recherchierten afrikanischen Geschichten erzählen. Europäische Namen.

Doch wo bleibt die afrikanische Literatur, die Literatur aus Afrika? Auch sie liegt uns vor, mit den unvergleichlichen Werke von Chinua Achebe, Aniceti Kitereza, Ngugi wa Thiog'o, Wole Soyinka und anderen. Das 1981 veröffentlichte Buch „Die Kinder der Regenmacher” von Aniceti Kitereza, war eines der wenigen auf dem deutschen Buchmarkt, das aus einer afrikanischen Sprache übersetzt wurde und wurde das wohl bestverkaufte literarische Werk eines Afrikaners in deutscher Sprache (mit annähernd 1oo.ooo verkauften Exemplaren). Jedoch dauerte es ganz 36 Jahre bis es in Deutschland erschien. Der Autor stellte es bereits 1945 fertig.

Heute ist eine Zeitspanne von drei Jahrzehnten ein Absurdum. Eine junge Generation an afrikanischen Autoren und Autorinnen meldet sich zu Wort. Scheinbar unbelastet von den schwierigen Themen der Geschichte, spielt sie befreit auf und zeichnet ungeschminkt und kritisch die afrikanische Gegenwart. Sie widmen sich ihrem Werk, ohne Weltliteratur schreiben zu wollen. Auch wenn sie auf die Honorare der reicheren Länder angewiesen sind, steht bei ihnen im Vordergrund, Eigenes zu schaffen sowie eigene Perspektiven zu formen und zu stärken.

Alain Patrice Nganang zum Beispiel - Ein Visionär, der getragen von Würde und Respekt ein bedingungsloser Anwalt einer afrikanischen Zivilgesellschaft ist. Thema seines letzten auch ins Deutsche übertragenen Romanes „Hundezeiten” ist der abenteuerliche Alltag in Kameruns Hauptstadt Jaunde, das elende Leben in einer durch und durch korrupten Gesellschaft, deren kriminelle Elite das Volk abzockt. Aber auch: der Erfindungsreichtum, der Witz, die schier unerschöpfliche Lebensfreude der Kameruner. In ganz neuem Ton, lebensvoll und deftig, intelligent und differenziert, entwirft Patrice Nganang ein vitales Bild des heutigen Kamerun. Aus der Perspektive eines denkenden Hundes entdeckt er gleichzeitig so manches zu der Frage: Was ist der Mensch?

Und doch - An diesen Beispiel Kitereza ist zu sehen, dass die afrikanische Literatur in Europa noch jung ist und sehr lange Wege gehen muss. Verlage tun sich schwer, die Rechte an Werken zu erwerben und beugen sich einer allgemein herrschenden Ignoranz. Eine Ignoranz, die hoffentlich bald vor der Poesie, der Schlagfertigkeit und dem Humor der afrikanischen Schriftsteller kapitulieren wird.

 
   

   
  
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