Sonntag, 22. Oktober 2017


Herero von Gerhard Seyfried | AfrikaRoman-Rezension





Kommentar zum Buch von Gerhard Seyfried
Herero
Verlag: Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3746620268
Seiten: 640
Einband: broschiert
Erschien: Juni 2004

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Buchrezension von Sven Rosenow
Veröffentlicht am 29. Mai 2005


Am 12. Jan. 1904 erhob sich das Volk der Herero zu einem Aufstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, der heutigen Republik Namibia.
Auf Geheiß des Oberhäuptlings Samuel Maharero wurden über 100 dt. Siedler, zum Teil grausam, ermordet. Anfangs war die kaiserliche Schutztruppe der Kolonie dem völlig unerwarteten Aufstand nicht gewachsen... Die Schlacht am Waterberg, am 11. Aug. 1904, brachte den dt. Kolonialtruppen den entscheidenden Vorteil. In der Folge gelang es einem Großteil des Hererovolkes, wie es von Generalleutnant von Trotha listig geplant war, in die wasserarme Omaheke-Wüste zu entkommen. Tausende verfolgte Hereros verdursteten in den westlichen Ausläufern der Kalahari. Insgesamt fielen, während dieses dunklen Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, von 1904 - 1908 schätzungsweise 60.000 Herero.


Mit diesem erstzunehmenden Thema deutscher Geschichte setzt sich Gerhard Seyfried in seinem ersten Roman auseinander. Zuvor trugen seine Bücher Titel wie Freakadellen und Bulleten oder Hanf im Glück. Mit Herero hingegen verarbeitet er kein einfaches Thema. Man sollte sich die Frage stellen: war der Krieg der deutschen Beherrscher des Landes ein "normaler" Kolonialkrieg oder vielmehr ein gewollter Genozid? Der Autor selbst entzieht sich in gewissem Maße einer subjektiven Bewertung des Krieges.

Abwechselnd erzählt er aus der Sicht dreier Hauptfiguren. Da wären zum einen der Landvermesser Carl Ettmann und der Fotografin Cecilie Orenstein, die beide kurz nach ihrer Ankunft in "Deutsch-Südwest" in die Vorbereitungen zum ersten deutschen Völkermord der Geschichte hineingeraten. Mit Carl Ettmann schreibt er aus der Perspektive eines deutschen Soldaten, der sehr detailliert über die Lage der dt. Schutztruppe informiert, während Cecile so zu sagen auf eigene abenteuerliche Faust Deutsch-Südwestafrika kennenlernt. Die Figur des Herero Petrus stellt das Gegenstück der deutschen Sichtweise da, welche in diesem Buch vorherrscht. So gelingt Seyfried der Spagat zwischen historischem Dokument und einer fiktiven Geschichte: die des Schicksals eines Kartographen, der eher zufällig in den Krieg gerät.

Der Roman beruht auf einer Vielzahl geschichtsträchtiger Dokumente, auf Briefen, Fotografien, Telegrammen und Akten, die der Autor in den deutschen Archiven, in denen jene Kolonialerinnerungen verstreut sind, zusammengesucht hat. So wird die Kriegsmaschinerie der Deutschen streckenweise zu detailliert beschrieben. Auch geht Seyfried, aus meiner Sicht, zu locker mit dem Begriff des "Wilden Schwarzen" um, welchen er oft als "Kaffer" bezeichnet und mit einer sehr einfachen und für den Leser heiteren Sprachweise ausstattet. Das könnte falsch verstanden werden und alte Klischees festigen. Doch will der Autor damit die allgemeingültige Handlungs- und Denkweise der damaligen Kolonialmächte wiederspiegeln!

Ob der Cartoonist Seyfried mit Herero der historischen Realität und damit dem grausamen Massaker an den Hereros gerecht werden kann, sei dahin gestellt. Doch nimmt Seyfried den Leser mit auf eine spannende Zeitreise in ein Land von grandioser Schönheit. Er erspart uns die schlimmsten Grausamkeiten; dafür zeigt er, wie sich Kolonialismus und Rassismus in den Köpfen festgesetzt hatten, so dass eigentlich ganz normale Leute "den Afrikaner" nicht wirklich als Menschen ansahen.

Herero ist eine akribisch recherchierte Geschichte, ein fesselnder Historienroman, eine beeindruckende Lektüre, die für Gesprächsstoff sorgte, vorallem aber ein beinahe vergessenes Stück deutscher Geschichte.

Gerhard Seyfried: Herero

Bewertung: 5 afrikanische Kontinente
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