Samstag, 30. Juli 2016


Okonkwo oder Das Alte stürzt - Rezension





Kommentar zum Buch von Chinua Achebe
Okonkwo oder das Alte stürzt
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3518111383
Seiten: 227
Einband: broschiert
Erschien: 2004

bequem online bestellen:


Buchrezension von Dagmar Sachse
Veröffentlicht am 14. März 2006


Afrikanische Erzählkunst überbrückt kulturelle Kluft

In einer bildhaften, mit afrikanischen Sprichwörtern gespickten Schreibweise schildert in diesem Roman einer der meistgelesenen Autoren Schwarzafrikas, Chinua Achebe, den Zusammenprall zweier Kulturen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: auf der einen Seite die "zivilisierten" Europäer zu Beginn des Maschinenzeitalters, auf der anderen Seite die Ibo (auch Igbo), ein afrikanischer Stamm, ansässig im Südosten des heutigen Nigeria.

Hauptperson des Romans ist Okonkwo, ein in seinem Dorf hoch angesehener und mit den höchsten Titeln dekorierter Mann. Das Dorf- und Stammesleben ist geprägt von Glaubensritualen und Gesetzen. Als Okonkwo versehentlich ein Mitglied der Sippe tötet, wird er für die Dauer von sieben Jahren aus dem Dorf verbannt. Er findet Unterschlupf bei Verwandten und erlebt aus der Ferne, wie englische Kolonialisten, unter ihnen christliche Missionare, auf die Dorfgemeinschaft Einfluß nehmen und allmählich das gesamte Leben der Ibo verändern. Bei seiner Rückkehr ist nichts mehr so, wie es einmal war und weil das für den einst so einflußreichen Okonkwo nicht zu ertragen ist, probt er den Aufstand gegen die Weißen und ihre Kirche. Aber dieser mißlingt, zu uneins sind sich die Dorfbewohner, zu gespalten in ihrem Verhältnis zu den neuen Herren und dem neuen Glauben, den einige von ihnen bereits angenommen haben.

Interessant, manchmal zu langatmig, sind die Schilderungen der rituellen Gebräuche der Ibo, die Achebe mit der Akribie eines Völkerkundlers beschreibt. Auch muten manche Sitten, wie zum Beispiel der Brauch, daß Zwillinge bei den Ibo sofort nach der Geburt getötet werden, für uns Mitteleuropäer grausam und blutrünstig an. Allerdings vermeidet der Autor jegliche Wertung oder Idealisierung des afrikanischen Lebens, sondern schreibt sachlich und objektiv.
So las sich für mich auch der ganze Roman: ein bißchen wie "aus der Ferne" und mit dem Abstand eines unbeteiligten Zuschauers geschrieben - allerdings eines nigerianischen Zuschauers. Und genau das macht die Glaubwürdigkeit von Okonkwo oder das Alte stürzt aus: der Autor schreibt ohne die "kulturelle Kluft", die etwa eine Stefanie Zweig überwinden muß, wenn sie über das Leben in einem afrikanischen Dorf schreibt. Das macht den Roman von Chinua Achebe lesenswert.

Bewertung: 3 afrikanische Kontinente



 
   

   
  
Werde Fan von uns auf Facebook schließen
öffnen