Rezensionen

Giselher W. Hoffmann: Diamantenfieber

Wer hat den Menschen gesagt, dass Diamanten wertvoll sind? Das fragt Salomon, der Herero, im Buch «Diamantenfieber» Giselher W. Hoffmanns, den Hauptcharakter Eric Schlütter.

Von Ingrid Kubisch
Drei junge Leute, Friedrich und Ruth Harenberg und Eric Schlütter, verschlägt es zur Zeit der deutschen Schutztruppe (die Nama Unruhen im Süden), der ersten Diamantenfunde des 1. Weltkriegs nach Lüderitzbucht. Die Umschlagseite verspricht dem Leser “atemberaubende Abenteuer gewürzt mit Liebe, Hass, Gier und Rache und ein dramatisches Kapitel deutscher Kolonialgeschichte”.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen, die erste von 1904 bis 1919 und die zweite beginnt und endet im Jahre 1930-31. Die zweite Zeitebene ist zeitlich kurz 1930-31 und bringt die Geschehnisse des ersten Zeitabschnitts zu einem Schluss und einem Neuanfang.

Hoffmann gelingt es trotz des dauernden Wechselns zwischen den Zeitenabschnitten die Spannung zu halten, welche sich zum Ende hin verdichtet. Hoffmann hat gut recherchiert. Der Hintergrundinformationen über die Kolonialzeit, die sozialen Umstände der reichen Weißen, der armen Weißen und der armen Farbigen und Schwarzen als auch und den menschenunwürdigen Zuständen auf der Haifischinsel wird Genüge getan. Die Auskünfte über den Krieg und die Diamantensuche sind interessant und wirken nicht drosselnd auf das Geschehen noch hat man das Gefühl, dass die Geschichte der Harenbergs, der Schlütters und der Robertses in das Geschehen forciert worden wären. Die Geschichte hätte sich tatsächlich so abspielen können. Auch die kleinen aufschlussreichen Nebeninformationen, zum Beispiel wie man Fieberthermometer vor zu großer Hitze schützt, naturheilkundliche Behandlungen und Interessantes zur damaligen weiblichen Haarmode machen das Buch abwechslungsreich.

Die Charakterentwicklung der beiden Hauptdarsteller ist dem Autoren relativ gut gelungen, obwohl der Übergang Eric Schlütters, als des vom Diamantenfieber Getriebenen, der das Leben seiner Familie aufs Spiel setzt, um dann zum verzweifelten Vater über zu wechseln, nicht ganz nachvollziehbar ist. Auch die Charakterentwicklung Ruths, die während des ganzen Romans als intelligente und patente Frau und Krankenschwester beschrieben wird, ist nicht stimmig. Welche intelligente Frau wird sieben Tage mit ihrem kleinen Sohn in der Wüste ausharren, bis kurz vor dem Verdursten, wohlwissend, dass sie im Stich gelassen worden war und wohlwissend, dass sie mit ihrem stoischen Ausharren sich und ihren Sohn in Gefahr bringen würde? Überhaupt scheinen die Frauencharaktere in Diamantenfieber nicht gerade mit übermäßiger Intelligenz gesegnet zu sein und die meisten weiblichen Leser dieses Buches werden sich bestimmt nicht damit identifizieren können, dass Elisabeths Depressionen mit einem Besuch in einem exklusiven Damenunterwäsche Geschäft geheilt werden konnten. Diese klischeehafte Lösung eines Frauenproblems ist nicht der einzige Faux Pas, der dem Autor bezüglich der weiblichen Psyche unterlaufen ist. Da wäre Lena, deren Charakter keine tief greifende Veränderung erfährt, obwohl gerade sie als Mischlingsfrau, die von beiden Männern begehrt wird, viel zu Leiden hat. Sie trägt ihr Herzeleid mit bedürfnisloser Teilnahmslosigkeit.

Zuweilen bekommt der Leser das Gefühl, dass das Buch mit langen Unterbrechungen geschrieben oder sehr oft geändert wurde und dass dabei wichtige Begebenheiten weg- oder ausgelassen wurden. Dies wird deutlich bei dem Verhältnis Tana, Willem, Lena. Einmal soll Lena die beiden jungen Leute hinausgeschickt haben, damit sie “eine Weile allein sein können” andererseits wird beschrieben, dass sie jegliches Alleinsein der jungen Leute verbietet. Auch bei Szenen und Kulissenbeschreibungen fehlt es manchmal an der Genauigkeit. Der Diamantenraub, den der Einarmige binnen einer Stunde vollbringt, ist ziemlich weit hergeholt, zumal er “nicht einmal seine Roulade schneiden kann”. Aber – man weiß es ja – die Gier nach Reichtum hat schon so Manchen wahre Wunderwerke vollbringen lassen.

Hier und da gibt es ein paar gefällige und auflockernde Dialoge, zum Beispiel der Galgenhumor der Arm- und Beinamputierten. Klischeehafte Beschreibungen wie “lachen wie heller Glockenklang” kommen ebenso vor, wie gute, fast lyrische Beschreibungen: “…die Nacht legte sich wie eine Last auf die Brust.” Ein nochmaliges Korrekturlesen hätte grobe Schnitzer wie “er rieb sich die Hände”, obwohl er einarmig war, vermieden. Auch der Name Erich wäre dann Eric geworden und das Speergebiet wäre nach Sperrgebiet verändert worden.

Der Roman hätte um einiges an Tiefe gewonnen, wenn das Verhältnis Lena, Eric mehr ausgebaut worden wäre, und nicht nur als Wunschtraum der beiden bestanden hätte. Die Liebe zwischen verschiedenen Rassen wird zwar angedeutet aber nicht wirklich literarisch ausgelebt. Da ist es dann schon einfacher eine Vergewaltigung zu beschreiben. Wozu dann noch zu den Sexszenen, die ja wohl heute in fast jedem Buch zu erscheinen haben, im Allgemeinen zu bemerken wäre, dass sie weder erotisch noch romantisch noch irgendwie erinnerungswürdig sind. Sie sind wie aus der Ferne beobachtet beschrieben worden und wirken gefühllos. Schade. Da mindestens 50% der Romanleser weiblichen Geschlechts sind, sollten männliche Schriftsteller diesen Umstand eventuell beachten. Es entsteht die Frage, wie viel soll ein Autor von sich geben? Wie verletzlich sollte er sich darstellen?

Die Entwicklung Salomons, des Hereros, vom Schuhputzer bis hin zum Diamantenschmuggler wird dem Leser leider vorenthalten. Das ist eines der Mankos des Buches. Salomon ist am Anfang dabei und am Ende. Er wirkt auch zu flach und klischeehaft und immer bleibt er der “Diener” und “Sklave” der von Rinderherden träumt. Der Autor hat verschiedene verheißungsvolle Ansätze gebracht, die Salomon als denkenden Menschen zeigen, aber wie gesagt – es sind nur Ansätze. Leider wird der Leser nun nie erfahren wie Salomon vom Schuhputzer zum großen Diamantenschmuggler avanciert ist.

Giselher W. Hoffmann: Diamentenfieber

Giselher W. Hoffmann: Diamentenfieber

Trotz der stellenweise herben Kritik ist „Diamantenfieber” ein durchaus spannendes Buch und keinesfalls schlechter als viele andere Abenteuerromane. Ermüdungserscheinungen hat der Leser nicht, denn man möchte wissen, wie es weiter geht. Das Ende des Romans stimmt versöhnlich.

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