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Henning Mankell: Das Auge des Leoparden

Das Auge des Leoparden

Das Auge des Leoparden von Henning Mankell

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Über interkulturelle Gegensätze

»Der weiße Mann arbeitet schnell und hart, aber Eile und Ungeduld sind in den Augen der Schwarzen ein Zeichen fehlender Intelligenz.«

Eigentlich hatte der junge Mann nur eine kurze Reise nach Afrika machen wollen, aber dann war er neunzehn Jahre geblieben. In Lusaka übernimmt er die Hühnerfarm einer weißen Engländerin und verfolgt ehrgeizige Reformpläne: Er will neue Häuser für die Schwarzen bauen, ihnen höhere Löhne bezahlen und ihren Kindern eine Schule einrichten.

Er sorgt für die Witwe eines schwarzen Handwerkers und ihre vier Töchter, deren jüngste für ihn wie eine eigene Tochter ist. Doch bald mehren sich die Zeichen, daß sich die Zustände nicht so rasch in seinem Sinne ändern lassen. Seine weißen Nachbarn werden massakriert. Und der Mann, den er für seinen einzigen Freund hält, rät ihm, für immer wegzugehen …

Buchrezension zu: Das Auge des Leoparden

Zwischen Selbstfindung und Selbstaufgabe – die Lebensgeschichte von Hans Olofson

Dass Henning Mankell in seinen Büchern oft hoffnungslose, depressive Bilder zeichnet, wußte ich schon, bevor ich „Das Auge des Leoparden“ zur Hand nahm. Doch nicht oft ist das Scheitern einer menschlichen Existenz so eindringlich geschildert worden wie in diesem Roman.

Der Protagonist Hans Olofson bricht, nach einer Kindheit und Jugend in nordischer Kälte, als junger Mann zu einer Reise nach Mutshatsha, einer afrikanischen Missionsstation, auf. Sein bisheriges Leben ist geprägt von einem alkoholkranken Vater, der mit verpaßten Chancen und nicht gelebten Träumen hadert, einer fehlenden Mutter, von rauhem Klima und Einsamkeit. Eine seiner wenigen Freunde ist Janine, eine ältere Frau mit entstelltem Gesicht. Zu ihr entwickelt er ein besonderes Verhältnis. Als Janine ihrem Leben ein Ende setzt, hält ihn nichts mehr in Schweden. Mit dem Plan seiner Reise nach Mutshatsha erfüllt er einen ihrer Wünsche. Doch dann kommt alles anders: die Missionsstation existiert nicht mehr, Hans Olofson hat kein Ziel und läßt den Zufall Schicksal spielen…aus einer Kurzreise werden 19 Jahre und aus Hans Olofson wird ein Hühnerfarmer, der viel vorhat in Afrika: er möchte die Lebensbedingungen seiner Arbeiter verbessern und den Kindern dort den Schulbesuch ermöglichen. Doch dann werden seine weißen Nachbarn umgebracht und er bekommt den gutgemeinten Rat, in seine Heimat zurückzukehren … .

Neben den faszinierenden Bildern, die Henning Mankell in diesem Roman zeichnet, sind die teils autobiografischen Bezüge des Romans besonders erstaunlich, die so deutlich in keinem anderen Buch des Autors zutage treten. Vermutlich steckt einiges von Henning Mankell in Hans Olofson, diesem heimat- und ziellosen Entwurzelten; Parallelen sind durchaus erkennbar: wie seine Romanfigur wächst auch Henning Mankell mutterlos in Nordschweden auf und träumt bereits in seiner Kindheit von einer Reise zum schwarzen Kontinent. Und, genau wie Hans Olofson, verwirklicht er sich als junger Mann diesen Traum – und bleibt. Deshalb ist „Das Auge des Leoparden“ Mankells persönlichstes und intimstes Buch: sowohl öffentliche Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen als auch kritisches Aufzeigen der Folgen des Kolonialismus.

Veröffentlicht am 23. Juli 2006

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AfrikaRoman bewertet "Das Auge des Leoparden" mit:
  • Gesamtbewertung
4

Über den Autor

Dagmar Iselt

Dagmar Iselt

Dagmar ist eines der Gründungsmitglieder des Literaturportals. Sie ist hauptberuflich Bibliothekarin und damit schon per se literaturbegeistert. Außerdem liebt sie es zu laufen, nebenberuflich Pilates zu unterrichten, zu kochen (und zu essen) und in der Welt umherzureisen. Dabei am liebsten im Gepäck: Bücher von Deon Meyer, Henning Mankell oder Chimamanda Ngozi Adichie.

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